Samstagsküche:Korn in the USA

Zwei Deutsche betreiben im Silicon Valley eine Bäckerei und verkaufen Körnerbrot. An die Kost mussten sich die Nerds erst gewöhnen.

Von Anne Backhaus

Mitten im Silicon Valley, der globalen Internethochburg in Kalifornien, einer Ansammlung von bräunlichen Flachbauten, durchzogen von Schnellstraßen, auf denen sich der Verkehr immerzu staut, versteckt sich ein kleines Café. "Esthers German Bakery" quetscht sich zwischen einen Herrenausstatter und ein Geschäft für Brauereizubehör. In dem unauffälligen Gebäude arbeitet ein deutsches Ehepaar daran, die Essgewohnheiten im Großraum San Francisco zu revolutionieren. An der kalifornischen Küste wird einerseits so gesund gegessen, wie in kaum einem anderen Bundesstaat der USA. Gleichzeitig fristen hier aber die Technik-Nerds zwischen Fast-Food-Ketten ein nährstoffarmes Dasein. Sie schlurfen eher mit einem hippen Mocha Coconut Frappuccino, zu geschätzten 5000 Kalorien pro To-go-Becher, zur Arbeit, als dass sie sich Pausenbrote in ihren Turnbeutel packen.

"Deutsches Brot ist Gewöhnungssache", sagt Esther Nio. "Zum Glück sind wir hartnäckig." Die gebürtige Münchnerin und ihr Mann Robert produzieren ausschließlich Backwaren ohne chemische Zusätze und Konservierungsmittel. Ihre Leidenschaft für Qualität hat sie anfangs fast in den Ruin getrieben. "Mit unseren Semmeln kann man am nächsten Tag jemanden totschlagen", sagt sie. "Das kennen die Amerikaner nicht. Früher haben sie uns oft am nächsten Tag die harten Brötchen zurückgebracht und sich über die vermeintlich alte Ware beschwert." Der deutsche Kuchen sorgte ebenfalls für Stirnrunzeln. Die amerikanischen Kunden waren nicht nur an schwammiges Weißbrot gewöhnt, das sich wochenlang hält, sondern ebenso an die bunten Torten aus dem Supermarkt, versetzt mit Farbstoffen und gänzlich ohne Obst. Die deutschen Produkte sahen dagegen merkwürdig für sie aus.

"Wir mussten einige Aufklärungsarbeit leisten", sagt Nio. "Brauner Kuchen ohne Guss ist für viele auf den ersten Blick nicht sexy." Sie lehnt an einem gläsernen Tresen. Hinter ihr in der Auslage schmiegen sich Nussecken an Schwarzwälderkirschtorte, Mohnstrudel und gedeckten Apfelkuchen. In einem Regal an der gegenüberliegenden Wand stapeln sich sieben verschiedene Brotsorten, darunter Schwarz- und Mischbrot, Alpenlaib und Hefezopf. Das Café ist in Gelb und Rot gestrichen, am Schirmständer hängen deutsche Zeitungen, gleich daneben eine Kuckucksuhr. Deutsche Gemütlichkeit. "Sobald ein Kunde zufrieden ist, hast du es hier geschafft. Im Silicon Valley spricht sich alles herum", sagt die 50-jährige Geschäftsfrau und weist eine Servicekraft knapp und freundlich darauf hin, doch bitte eine weiße Schürze umzubinden. Esther Nio achtet streng auf jede Kleinigkeit in ihrem Laden. "Retail is detail", sagt sie. Es sind die Details, die zum Erfolg führen.

Samstagsküche: Macht dann 69 Cent: Brötchen in der Bäckerei des Ehepaars Nio im Silicon Valley.

Macht dann 69 Cent: Brötchen in der Bäckerei des Ehepaars Nio im Silicon Valley.

(Foto: Anne Backhaus)

Gemeinsam mit ihrem gleichaltrigen Mann Robert siedelte die gelernte Werbekauffrau zur Jahrtausendwende von Deutschland in die USA um. Er arbeitete damals in der Computerindustrie, beide bekamen über seine Firma eine Greencard. Dann platzte die Silicon-Valley-Blase und Robert beschloss, ganz neu anzufangen. "Ich hatte keine Lust mehr auf die IT-Wirtschaft und auch ein wenig Heimweh", sagt er. "Da ließ mich die Idee nicht mehr los, ein Stück Heimat nach Amerika zu bringen." Im Jahr 2004 startet das Ehepaar Nio schließlich ihr Geschäft. Keiner von beiden hatte je als Bäcker gearbeitet.

"Ich hatte keine Lust mehr auf die IT-Wirtschaft und auch ein bisschen Heimweh"

In Kalifornien war die Low-Carb-Diät angesagt, kaum jemand aß mehr Kohlenhydrate, von Brot ganz zu schweigen. "Wir dachten uns aber, die fangen damit schon wieder an, wenn es lecker genug ist", sagt Esther Nio. Sie und ihr Mann brachten sich also das Geschäftliche selbst bei, suchten eine Produktionshalle und engagierten Personal für das Backhandwerk. Zu ihren ersten Kunden zählten die "German International School of Silicon Valley" und die "German American International School" im benachbarten Menlo Park. Die Nios verkauften Brot und Brezeln ab Werk, bald auch an Supermärkte und Cafés. Jahrelang steckten die Eltern von vier damals noch kleinen Jungen ihr gesamtes privates Vermögen in den Betrieb und wussten nie, ob sie es schaffen würden irgendwann von ihrem Unternehmen zu leben. Der Durchbruch kam mit dem Schwarzbrot.

"Wir haben nicht im Traum daran gedacht, dass das funktionieren könnte", sagt Robert Nio. Er schichtet in der Produktionshalle, nur wenige Fahrminuten vom Café entfernt, frisch gebackenes Brot zum Abkühlen um. "Ausgerechnet Schwarzbrot", sagt er und legt die Handschuhe ab. "Das haben wir erst nur einmal die Woche gebacken und auf einem Wochenmarkt in Palo Alto angeboten. Dann hat es sich plötzlich verkauft wie irre." Sogar Steve Jobs, der ganz in der Nähe wohnte, entdeckte das dunkle Körnerbrot für sich und kaufte bei dem deutschen Ehepaar ein. "Wer einmal echtes Schwarzbrot gegessen hat, will kein künstliches US-Produkt mehr", sagt Nio.

Samstagsküche: Esther und Robert Nio in ihrer Backstube. Das Ehepaar betreibt auch ein Café, in dem es Schnitzel und Weißwurst gibt.

Esther und Robert Nio in ihrer Backstube. Das Ehepaar betreibt auch ein Café, in dem es Schnitzel und Weißwurst gibt.

(Foto: Anne Backhaus)

Inzwischen kommen einige Silicon-Valley-Größen in Esthers Café, das sich nahe der berühmten Stanford Universität und Firmen wie Google und Hewlett-Packard in einem Industriegebiet in Los Altos versteckt. Nachdem das Ehepaar mit der Bäckerei endlich Erfolg hatte, eröffnete Esther den Laden in direkter Nachbarschaft zu Shopping-Centern, Starbucks und Schnellrestaurants. Zu den Backwaren nahm sie deutsches Essen wie Schnitzel, Weißwurst und Hühnerfrikassee auf die Karte. Hinter dem Haus richtete sie einen Biergarten ein. Damit haben die Nios es sogar bis ins Forbes Magazine geschafft, denn Mark Zuckerberg und Whatsapp-Chef Jan Koum aßen auf den Holzbänken gemeinsam zu Mittag, während sie zum ersten Mal über eine mögliche Facebook-Übernahme der Nachrichten-App redeten. Daraus wurde kurze Zeit später einer der lukrativsten Deals der IT-Welt. "Ich habe Zuckerberg aber nur auf der Überwachungskamera gesehen", sagt Esther Nio. Sie stand in der Küche und kümmerte sich um das Essen.

Mark Zuckerberg und Jan Koum redeten in dem Café über die Übernahme von Whatsapp

Das Paar hat seine Aufgaben strikt aufgeteilt: Robert leitet die Produktion, Esther die Gastronomie. "Da ist für die Ehe besser, keiner redet dem anderen rein", sagt sie. Gut die Hälfte ihrer Kunden sind aus den USA, 30 Prozent Deutsche und der Rest vor allem Asiaten, die am liebsten Schweinshaxe bestellen. "Wir kommen fast jeden Tag her", sagt ein amerikanischer Besucher, der mit seiner Frau einen Fensterplatz ergattert hat. "Ein Tag ohne Brötchen oder Weißwurst kommt uns inzwischen merkwürdig vor." An Weihnachten gibt es eine Warteliste für die Stollen. Diesen Erfolg haben die Nios auch Ernst Ruckaberle zu verdanken, den sie liebevoll ihr "Goldstück" nennen. Der 76-jährige Konditormeister aus Tübingen steht jeden Morgen sechs Stunden in der Backstube. "Ich bin der älteste praktizierende Bäcker der USA", sagt er. "Ans Aufhören denke ich nie." Er hat schon im Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg und im Hilton auf Hawaii gearbeitet, nun backt er für die Nios bis zu 60 Strietzel und Mohnstrudel pro Woche sowie etliche Marzipan- und Schwarzwälderkirschtorten. Am Jahresende kommen Plätzchen und Stollen dazu, die sich einige Kunden sogar bis nach New York schicken lassen.

Ein Segen für die Nios. Gutes Personal zu finden, bereitet ihnen sonst Sorgen. Angestellte brauchen oft sehr lang, um die deutschen Zutatenlisten zu lernen und viele sind unzuverlässig. Erst in der vergangenen Woche musste Robert auf zwei Mitarbeiter verzichten, obwohl zusätzlich zum Tagesgeschäft ein Catering-Auftrag anstand. Da hat er täglich mehr als zwölf Stunden gearbeitet, um ein Oktoberfest für eine Tech-Firma mit 600 Brezeln, 600 Käsestücken und Dutzenden Oktoberfestbrezeln zu versorgen. "Wollen wir die Qualität halten, können wir unmöglich expandieren", sagt er. Seine Frau stört das nicht. "Mein Traum ist es nur, dass die Bedienungen irgendwann Dirndl tragen", sagt Esther Nio. "Davon konnte ich aber leider noch niemanden überzeugen."

© SZ vom 17.10.2015
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