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Sammelstücke:Neuzeitliche Sehnsucht nach nostalgischer Reisekultur

Reisegepäck Marlene Dietrichs bestehend aus Koffer, Schrankkoffer und Hutkoffern

Schrankkoffer, Hutschachtel, Schuhbox: So reiste Marlene Dietrich.

(Foto: © Deutsche Kinemathek - Marlene Dietrich Collection Berlin / M. Lüder)

Sie haben Tausende Kilometer auf dem Buckel und strahlen so viel mehr Würde aus als aktuelles Reisegepäck: Alte Überseekoffer sind heute gefragte Wohn-Accessoires.

Von Max Scharnigg

Ähnlich wie alte Schreibmaschinen haben alte Koffer einen leicht zugänglichen Charme. Ob aus Pappe, Vulkanfiber oder Leder - mit ihren schönen Griffen, angelaufenen Beschlägen, Hotelaufklebern und vielleicht noch Holzplanken zur Verstärkung der Seitenwände verströmen sie eine Würde, die aktuellem Reisegepäck vor lauter Nutzwert verloren gegangen ist. Vor allem aber scheinen alte Koffer immer Anekdoten aus der Frühzeit der touristischen Unruhe zu erzählen, als die ganze Welt noch etwas weiter auseinanderlag und eben noch nicht Urlaub gemacht, sondern immer gereist wurde.

Genau wie Schreibmaschinen sind alte Koffer aber, abgesehen von diesen nostalgischen Vorzügen, zu nicht besonders viel zu gebrauchen. Als Trouvaillen in die Wohnung getragen werden sie bald zu Staubfängern im modernen Leben. Sicher, man kann sie als Couchtisch oder Nachttisch umfunktionieren und alte Geo-Hefte darin aufbewahren, aber weniger klobig werden sie dadurch auch nicht. Und irgendwann ist man froh, wenn das Nachbarskind fürs Schülertheater Requisiten sucht - in jedem Schülertheater werden ja immer sehr viele alte Koffer benötigt.

Etwas anders verhält sich das mit den Dinosauriern der Gepäckkultur, den Übersee- und Schrankkoffern, auf Englisch auch industrieromantisch Steamer Trunks genannt. Diese gigantischen Gepäckstücke wurden etwa von 1860 an mit den kommerziellen Atlantiküberquerungen und der langsam beginnenden Fernreisekultur populär. Bis zum Zweiten Weltkrieg beschäftigten sich in Paris, in den USA und Deutschland eine Vielzahl an Kofferherstellern mit dem aufwendigen Großraumgepäck. Die Auswanderungswellen bei gleichzeitig noch langsamer Reisegeschwindigkeit, aber auch das Fehlen von Kofferräumen in den ersten Automobil-Jahrzehnten machten allerorten stabiles Reisegepäck notwendig. Die prächtigen Überseekoffer waren aber schon damals nichts für die Zwischendecks, sondern wurden nur den betuchten Passagieren hinterhergetragen. Sie sollten die große Garderobe für die Überfahrt bereithalten, denn das Schluffi-Prinzip bequemer Reiseklamotten war noch unbekannt.

Die Großkoffer dienten aber nicht nur zur Beförderung der Habseligkeiten, sondern werteten auch an Bord oder im Hotel die Suiten auf - als mobile Garderobe, die durchaus mit repräsentativem Aufwand gearbeitet war. Anfänglich meist noch als Truhen mit herausnehmbaren Einsätzen konzipiert, verpassten vor allem französische Kofferhersteller den Hohlkörpern mit der Zeit immer mehr praktische Details, bis sie tatsächlich ein perfektes Reisemöbel abgaben - mit zahlreichen Schubladen, ausziehbaren Kleiderstangen, Geheimfächern, Ablagefläche oder integrierten kleineren Koffern.

Funktional schön: Der Koffer von Goyard steht bei Pamono.de für 10 300 Euro zum Verkauf.

(Foto: Pamono.de)

Die Ausmaße der Überseekoffer wuchsen mit der Größe der Passagierschiffe, vor allem die Wardrobe Trunks waren furchteinflößend, also jene Modelle, die man zur Benutzung senkrecht stellte und aufgeklappt zum privaten Schrank machte. Eine Szene der Marx Brothers, in dem sie sich zu zweit in so einem Koffer verstecken, ist jedenfalls nicht allzu weit hergeholt. Um einen wohnlichen Charakter zu erzeugen, wurden die mannshohen Kisten dabei aufwendig mit einem eleganten Firmendekor, lederverstärkten Kanten und Messingbeschlägen versehen und innen mit gepolstertem Stoff bespannt.

Diese charmante Funktionalität macht heute noch Eindruck und dürfte auch zum hohen Sammlerwert einiger Modelle beigetragen haben: Gut erhaltene Schrankkoffer der damals führenden Hersteller Louis Vuitton, Goyard, Hermès oder Moynat sind heute gesuchte Auktionsartikel, deren Zuschläge sehr leicht in den mittleren fünfstelligen Bereich fallen können - sowohl für Modeaccessoires wie auch Möbel immer noch eine Seltenheit. Aber diese vielgereisten Kisten transportieren eben auch die Gründungs-Grandezza der großen französischen Manufakturen, die heute allesamt zwar immer noch für die Luxusklasse, aber Reisegepäck eben nur noch in kleineren Dimensionen fertigen. Und natürlich stecken in jedem dieser eleganten Schrankkoffer zwei Kubikmeter Geschichte, je nach Veranlagung fühlt man damit den Schauder der Titanic, die Euphorie vor Ellis Island oder den Lifestyle der Dietrich nach.

Knitterfreies Reisen ist heute nahezu unmöglich geworden

Je mehr originale Traveller-Patina, desto gefragter sind die alten Luxuskisten heute als Einrichtungsgegenstände. Sie lassen sich in begehbaren Kleiderschränken oder im schicken Cottage problemlos als Statussymbol integrieren und wirken dann magischerweise auch nie klobig. Die neuzeitliche Sehnsucht nach einem Stück nostalgischer Reisekultur animierte vor einigen Jahren auch eine Marke wie Gucci, in deren Geschichtsbüchern keine großen Steamer Trunks zu finden sind, einen nagelneuen Überseekoffer aufzulegen: Der "Diamante Lux Leather Gucci Heritage Travel Trunk" war wahlweise in der Version als Schuhschrank oder als klassischer Garderobenkoffer mit fünf Schubladen zu haben und kostete satte 50 000 Euro.

Wer sich nicht auf die Luxusmarken kapriziert, findet ganz ähnliche Überseekoffer aber schon für ein paar Hundert Euro bei Ebay oder für noch weniger auf befreundeten Dachböden oder Flohmärkten. In Deutschland wird man dabei sehr oft auf Produkte der Firma Moritz Mädler, Leipzig, treffen, die hier lange führend in der Herstellung von raffiniertem Reisegepäck war. In einer Werbeanzeige von 1910 preist Mädler etwa seinen großen "Welt-Schrankkoffer" aus dem zeitgemäßen Leichtbaumaterial "Rohrflachsplatte" an und wirbt unter anderem mit ausziehbarem Platz für sieben Kleiderbügel, einem eigenen Abteil zur Verwahrung von Hüten, einem Schmutzwäschefach und einem "zur Aufnahme einer größeren Anzahl Schuhe".

Knitterfreies Reisen - was heute nahezu unmöglich geworden ist, war damals ein Kundenwunsch, dem durchaus entsprochen werden konnte. Freilich nur mit der richtigen Infrastruktur für solches Gepäck: Dienstmänner und Gepäckträger mit ihren Karren an jedem Bahnhof und in jedem Hafen, geschultes Personal in den großen Hotels, nur so bekam man die "Welt-Schrankkoffer" und ähnliche Kaliber überhaupt vom Fleck. Heute würde man damit rettungslos stranden.

Louis Vuitton Steamer Trunk Wardrobe Trunk Chest France Circa 1920

Nichts für die leichte Schulter: Louis Vuitton Steamer Trunk von etwa 1920.

(Foto: Louis Vuitton/Splendid Antiques)

Aber stationär daheim sind die Überseekoffer durchaus dekorativ, und zwar nicht nur bei akutem Corona-Fernweh. Besonders lohnend für eine Reanimation sind natürlich die Modelle mit eingebauten Schubladen. Sie ergeben ein nettes Kleinmöbel, in dem sich Bürokram, Spielzeug oder Unterwäsche stilvoll verstauen lassen - oder das ein Bad oder Gästezimmer ausreichend möbliert und nebenbei noch für eine Nostalgie-Infusion sorgt. Dass man sie bei Bedarf zuklappen und verräumen kann, ist auch ohne Dienstmann und Schiffspassage kein Nachteil. Auf Pinterest finden sich dann auch etliche häusliche Umbauten der Koffer, am häufigsten in Richtung einer gediegenen Salonbar - dafür eignen sich durchaus auch schon kleinere Reisetruhen. Die Möbelmarke Kare wiederum hat aus dem historischen Design gleich eine Tugend gemacht und einfach einen Drehtürenschrank im Kofferstil gebaut. Für den modernen Menschen, der vielleicht nicht nach Neuyork auswandert, dessen Leben aber doch wieder nomadische Züge trägt.

© SZ/from
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