TischfußballDas schöne Spiel

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RS Barcelona

Eine spanische Firma baut stilvolle Tischkicker, die kein bisschen nach Kneipe aussehen. Politisch korrekt sind die Spielgeräte auch

Von Silke Wichert

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Welche Mannschaften diesmal mit Rumpelfußball, Gegenpressing oder Catenaccio auffallen, wird sich bei der Fußball-WM erst noch zeigen. Beim Tischfußball dagegen sind die Unterschiede in der Spielweise schon relativ eindeutig. Spanier etwa spielen dabei den kleinen Ball vorzugsweise mit beiden, weit auseinandergespreizten Füßen. In Deutschland dagegen wird traditionell mit einem Klumpfuß gekickert. Warum? Darauf hat Rafael Rodríguez auch keine Antwort, aber die Vorlieben bei den Bestellungen seien eindeutig, sagt einer der beiden Gründer von RS Barcelona. „Die Deutschen bevorzugen ihre Spieler mit diesem zusammengepressten Monobein, ganz klar.”

Mehr Möbel als Spielgerät - mit einer Glasplatte kann man die Kicker auch zum Esstisch verwandeln.
Mehr Möbel als Spielgerät - mit einer Glasplatte kann man die Kicker auch zum Esstisch verwandeln. RS Barcelona

Rodríguez‘ Firma stellt nicht einfach Tischkicker her. Ihre „Futbolínes“ sind Spielgerät und Designobjekt in einem und in diesen Tagen mal wieder besonders gefragt. Während im Fernsehen die Fußball-WM übertragen wird, wollen viele Fans im Kleinen ein bisschen mitmachen und belagern die Fußballtische in Kneipen und Vereinsheimen. Restaurant- und Hotelbetreiber haben in Spieltischen schon lange einen Trend erkannt, mit dem man Gäste länger zum Verweilen einlädt. In größeren Büros sind Kicker, Ping Pong- oder Billardtische seit einiger Zeit ein nettes „Goodie“ vom Chef für mehr Mitarbeiterzufriedenheit und Zusammengehörigkeitsgefühl, weil hier jeder buchstäblich an einem Strang zieht und beim Spielen sogar den Vorgesetzten anschreien darf. Wer nicht schon längst so ein Ding angeschafft hat, erinnert sich spätestens jetzt, wo all die Vorrundenspiele laufen, wieder daran.

Man kann dann ein solides Modell wie von der Traditionsfirma Leonhart oder eine günstigere Variante bei Decathlon kaufen. Wer allerdings einen gewissen Designanspruch hat und das Gerät nicht in der Ecke verstecken, sondern eher als Attraktion zwischen bunten Kartell-Möbeln und Loungesesseln anschaffen möchte, landet zwangsläufig bei RS Barcelona. Die Ecken der Tische sind hier runder, geschwungener, im wahrsten Sinne des Wortes verspielter. Der Korpus besteht aus Stahl, kann aber in 21 leuchtenden Farben lackiert werden, von Rosa bis Mintgrün oder es bleibt beim industriellem Silbergrau. Die schrägen Füße sind aus Holz oder Stahlrohr gefertigt, selbst beim Finish der Griffe lässt sich aus verschiedenen Varianten wählen, damit da am Ende nicht irgendein Gebrauchs-, sondern ein persönlicher Einrichtungsgegenstand steht.

Die deutsche Mannschaft gibts natürlich auch von der Stange - hier zu Garderobenhaken umgewandelt.
Die deutsche Mannschaft gibts natürlich auch von der Stange - hier zu Garderobenhaken umgewandelt. RS Barcelona

Sonderanfertigungen sind darüber hinaus natürlich ebenfalls möglich. In Dubai spielen sie gern mit goldenen Figuren an goldenen Stangen. Ein Hotel im französischen Périgord hatte zur WM ein Modell in einem bestimmten Zitronengelb bestellt, passend zur Einrichtung, und entschied sich am Ende gleich für die Deluxe-Version: den „Futbolín Mesa“, einen Spieltisch im wahrsten Sinne des Wortes, den Rodriguez vor einigen Jahren für den spanischen Sternekoch José Andrés entwarf. Der wollte den schönen Kicker unbedingt in einigen seiner Restaurants stehen haben. Aber die Gäste sollten natürlich nicht nur spielen, sondern auch essen können. Also wurden die Beine kurzerhand abgesägt und über dem Feld eine Glasplatte installiert. Eine Zwei-in-Eins-Lösung, perfekt für die Gastronomie. Mittlerweile wird der Ess-/Fußballtisch meist wieder in Originalhöhe produziert, mit farblich passenden Barhockern dazu.

RS steht für „Rafael und Soledad“, ein Ehepaar, das Mitte der Siebziger eine kleine Metallwerkstatt in Viladecans in der Provinz Barcelona betrieb. Es steht aber auch für „Rafael und Sergio“ ihre beiden Söhne, die früh ins Unternehmen einstiegen, und es heute alleine führen. „Rafa“ ist fürs Design zuständig, sein Bruder kümmert sich um die Produktion. „Mein Vater fertigte einst Metallteile unter anderem für die Marke ‚Futbolín Córdoba‘“, erzählt Rafael Rodríguez während er im Showroom der Marke im Stadtteil Eixample sitzt. Córdoba stellte schwere Ungetüme aus Massivholz her, die in den Achtzigern mit Münzschlitz in jeder halbwegs größeren spanischen Bar standen. „Wir hatten von klein auf mit Tischfußball zu tun. Aber immer nur Zulieferer zu sein, war uns auf Dauer zu unkreativ.“ Also begannen die Söhne, zunächst nur als Hobby, an einem eigenen Kicker zu werkeln. Er sollte komplett aus Metall sein, weil das nun mal ihr Handwerk war, aber auch ein anspruchsvolles Design haben, um nicht länger in die Garage abgeschoben zu werden, sondern gut sichtbar im Garten, auf der Terrasse oder im Wohnzimmer stehen zu können.

Die Kicker-Familie Rodríguez.
Die Kicker-Familie Rodríguez. RS Barcelona

„Wir haben bestimmt sechs Jahre gebraucht von der Idee bis zur Fertigstellung“, erzählt der 51-Jährige, und als der RS2 2006 dann endlich vollendet war und sie ihn auf einer Messe vorstellten - verkauften sie nicht einen einzigen. „Das Design war ein totaler Reinfall, er sah den Leuten viel zu retrofuturistisch aus. Die fragten nur: Was soll das?“ Wahrscheinlich ebenfalls nicht unerheblich: Der Edelkicker kostete über 4000 Euro. Glücklicherweise hatte die Familie Rodríguez den gleichen Steuerberater wie der Besitzer des berühmten Designgeschäfts „Vinçon“, dem dieser sofort ein Foto von dem irren Teil schickte. Ein paar Tage später stand der erste RS2 im Laden, schon das dritte verkaufte Modell ging übrigens an eine Schweizer Möbelmarke namens Vitra.

Seitdem ist RS stetig gewachsen, 2021 wurde eine neue Fertigung in der Nähe von Montserrat eingeweiht. Dort wird jedes einzelne Teil selbst hergestellt. Vor allem die Lackierung sei aufwendig, erklärt Rodríguez, weil bei einem Designobjekt wirklich jeder Winkel und jede Kante perfekt aussehen muss. In dem modernen Werk steht nun eine eigene Kabine, in der jedes Stück mit der Farbpistole angesprüht wird. Die Figuren werden dort ebenfalls lackiert, aber nur die Grundfarbe. „Die Gesichter und die Leibchen bemalen wir später von Hand“, sagt der Designer. Der Kunde kann die Leibchen-, Hosen-, sogar die Sockenfarbe aus ein paar Dutzend Farbtönen auswählen. Die Spieler können aber auch nach individuellen Wünschen eingekleidet werden: Beim FC Barcelona, die mehrere RS-Tische besitzen, tragen die Figuren entsprechend „blau-grana“, blau-dunkelrot. Einige berühmte Fußballer haben sich Figuren mit ihren ikonischen Trikots anfertigen lassen. Firmen wollen häufig ihr eigenes Design und Logo auf den Spielern sehen - oder den Spielerinnen. RS gehörte zu den ersten Firmen, die serienmäßig auch weibliche Figuren anboten.

Das Finish der Figuren wird immer von Hand gemacht.
Das Finish der Figuren wird immer von Hand gemacht. RS Barcelona

Über 700 Kickertische bauen die Katalanen aktuell pro Jahr. 95 Prozent der gesamten Produktion geht in den Export, fast die Hälfte davon erstaunlicherweise in die USA, die zwar noch nicht so lange auf Soccer stehen, aber sehr wohl auf „Football Table“. In der Serie „Friends“ oder dem „Prince von Bel Air“ standen bereits welche, heute gehören zeitgeistige Unternehmen wie Google, WeWork oder LinkedIn zu den Kunden von RS. Mittlerweile würden aber auch immer mehr Familien Spieltische anschaffen, um neben der Playstation mal wieder etwas Analoges zu Hause rumstehen zu haben, sagt Rodríguez. Außerdem hätten die US-Amerikaner, im Gegensatz zu vielen spanischen Haushalten, einfach genügend Platz. Über das nötige Geld verfügen viele von ihnen ebenfalls, wobei ein Design-Kicker mit rund 5000 Euro nicht mehr koste als eine Designercouch. Besonders viele Bestellungen liefern sie aktuell in Ferienhäuser aus, wo die Menschen mehr Zeit und Lust zum Spielen haben. Der deutsche Markt wächst ebenfalls, in München eröffnet RS deshalb Mitte Juli einen kleinen Showroom im Architektur Hub „Design Werkschau.“

Was mit Kickern anfing, hat sich mittlerweile zu einer ganzen Reihe von Spiel- und Sportmöbeln weiterentwickelt, immer mit der Philosophie „The Art of Play.“ Auf die Kicker folgten Billardtische und dann auch Tischtennisplatten, die mittlerweile zu den absoluten Bestsellern gehören. Was hierzulande nur als tannengrünes, schwarzes oder blaues Spielfeld bekannt ist, kommt in der Version von RS farblich ebenfalls besonders poppig daher. Der Vorteil an diesen exzentrischen Pingpong-Tischen -  sie sind darauf ausgelegt als normale Tische zu funktionieren, wenn gerade nicht daran gespielt wird. Netz und Schläger verschwinden dann einfach in einem unter der Platte angebrachten Fach. Die schräge Form der Tischbeine lässt die Tische leicht und elegant wirken und von der Größe her eignen sie sich perfekt zum gemeinsamen Essen in der Mittagspause oder Konferenzen - deshalb fertigt RS nun auch passende Stühle und Bänke dazu. Für alle, die nicht dauerhaft so viel Stellfläche zur Verfügung haben, gibt es die „Mesa Ping Pong“ auch zum Rollen und Zusammenklappen.

Auch Tischtennisplatten können einen großen Auftritt hinlegen.
Auch Tischtennisplatten können einen großen Auftritt hinlegen. RS Barcelona

Konfigurieren und bestellen lässt sich das alles bequem im Online-Shop. Ganz selten kommt es dabei zu Missverständnissen, erzählt Rodríguez. Wer nämlich nicht explizit eine bestimmte Variante auswählt, bekommt seinen Tischkicker von Haus aus mit einem „Mixed“-Team aus Männern und Frauen geliefert, außerdem sowohl mit Spielern heller als auch dunkler Hautfarbe. „Wir empfinden es als unseren Auftrag, auf unserem Spielfeld die Realität abzubilden“, sagt der Katalane lächelnd. Einmal habe sich nach Eintreffen der Bestellung jemand beschwert, warum da schwarze Spieler in der Aufstellung seines Kickers stünden, er wolle nur weiße Fußballer. Das sei aber ein absoluter Einzelfall gewesen. „Der Rest unserer Kunden sieht die Welt offensichtlich wie wir.“

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