Für sie: Endlich angekommen
Die Farbe Pink wollte man uns schon vor zwei Jahren unbedingt einreden. Damals lief Barbie im Kino, und überall las man, dass sie nun alle tragen. Die Fußgängerzonen indes blieben damals schwarz-weiß-grau. In diesem Sommer hingegen hätte sich die Farbe des Jahres laut Pantone zum ersten Mal wirklich bewahrheiten können, weil sie Cloud Dancer heißt und ein schmutziges Weiß ist – und über ein altes weißes Shirt verfügt jeder. Aber wieder mal ist es so nicht gekommen. Auf den Laufstegen, an Männern, in den Läden: puderrosa Inseln, oder um im Barbie-Sprech zu bleiben, Pale Pink. Nike und der französische Designer Jacquemus haben gerade eine Turnschuh-Sonderedition namens Moon in dieser sanften Kinderzimmer-Nuance in Minuten ausverkauft (in den Damengrößen), und überall flüstern einen derzeit Hemden, Röcke und Hosen an, die im Barbie-Jahr noch geschrien hätten.

Das beste Beispiel für den Ton, der jetzt den Ton angibt, ist diese großzügige Übergangsjacke von Chloé. Man sieht: Das beste Rosa ist das, was so aussieht, als habe man versehentlich eine rote Socke mit weißer Baumwollbettwäsche gewaschen. Es fischt also im Grunde in den gleichen Gewässern wie Cloud Dancer, ist aber lustiger. Und freundlicher zum Teint. Es lässt sich hervorragend in die Garderobe integrieren, weil es mit Camel schön und mit Schwarz sehr zeitgeistig wirkt. Aber warum ausgerechnet jetzt? Die Antwort liegt auf der Hand: Wenn alle und alles laut und ernst und hart zugleich sind, muss eine subversive Farbe die Macht übernehmen, die nur schwach wirkt.
Für ihn: Endlich annehmen
Alle paar Jahre das gleiche Theater mit Rosa: Models und andere Multiplikatoren werfen sich in lachsfarbene Klamotten, der restlichen Welt fällt dann auf, wie scharf diese vermeintlich weich-freundliche Farbe an kantigen Männer aussieht, und die Männermagazine bestellen umgehend Essays, die immer in ein halbes Geschichtsseminar ausarten, weil: Ja, im 18. Jahrhundert war Rosa eine Farbe für Männer und Frauen, und Rokoko-Porträtmaler wie Maurice-Quentin de La Tour verwendeten die Farbtöne häufig in ihren Gemälden und verbanden Rosa untrennbar mit Reichtum und männlicher Macht. Aber brauchen wir diese ganze Herleitung überhaupt noch? Überzeugt diese Historie irgendeinen Mann, der noch nicht von einem zeitgenössischen Pink-Outfit wie etwa hier bei Louis Vuitton zu überzeugen ist?

Wie immer macht der Farbton die Musik. Es gibt ein Pale Pink, das auf einem leicht gebräunten Männerkörper auf gute Art lässig und anrüchig wirkt, zumal in Kombination mit einer perfekten Jeans, ein bisschen Navy-Kaschmir oder ähnlichen Testosteronklassikern. Und es gibt ein Rosa, das eine Nuance zu platt ist und zu eindimensional und das dann irgendwie nach unseriösem Flamingo-Dompteur aussieht oder eben wie: gewollt und nicht gekonnt. Diese Gefahr ist da, aber sie gilt eigentlich für alle Farben, die nicht Blau oder Schwarz sind. Zum Einstieg einfach mal ein T-Shirt in Pale Pink kaufen und damit üben. Fühlt man sich nackt, ist der Farbton noch nicht ganz der richtige. Wird man offensiv von Männern und Frauen angeschmachtet, dann ist es der richtige.
