Uhrenmarkt:Der große Rolex-Rausch

Uhrenmarkt: Lässiger Luxus: Nie funktionierte das Statussymbol Rolex besser als heute.

Lässiger Luxus: Nie funktionierte das Statussymbol Rolex besser als heute.

(Foto: mauritius images / Portal Satova)

Die Nachfrage nach der Schweizer Traditionsmarke nimmt mittlerweile manische Züge an. Wie ist das zu erklären?

Von Max Scharnigg

Gerade war er im Urlaub auf Kreta, erzählt Tim Stracke, und dort hat er etwas Tolles erlebt: eine Rolex Submariner, die bei einem Juwelier ausgestellt war, Neuware. Eine Sensation! Denn die Taucheruhr, ein Klassiker in dem aus lauter Klassikern bestehenden Sortiment der Marke, ist eigentlich überall vergriffen. Wartezeit, je nach Händleroptimismus und Stammkunden-Bonus: sechs Monate bis zwei Jahre.

Er war also naturgemäß sofort bereit, diese auf Kreta gestrandete Submariner zu kaufen, Listenpreis 7550 Euro. Leider wollte der Verkäufer sie aber partout nicht hergeben. "War klar, die ist bestimmt für besonders gute Kunden reserviert", sagt Tim Stracke. Dabei wäre auch er nicht nur irgendein Tourist gewesen, sondern ist in der Branche eine echte Größe: Als Co-Geschäftsführer von Chrono 24 steht er an der Spitze des wichtigsten Marktplatzes für Uhren im Netz. Händler und Privatpersonen kaufen und verkaufen dort, aktuell sind rund 500 000 Uhren gelistet, im vergangenen Jahr wurden auf der Plattform Uhren für zwei Milliarden Euro umgesetzt.

Etwa ein Drittel dieser gewaltigen Summe entfiel auf eine einzige Marke, und das ist nur ein Beweis für eine längst wasserdichte Erkenntnis: Rolex ist heute der absolute Primus der Uhrenwelt, ein Unternehmen, das so zuverlässig in die Zukunft läuft wie seine Produkte. Und zwar sowohl im ersten wie auch in jenem zweiten Markt, der in den vergangenen Jahren "sehr liquide" geworden ist, wie Tim Stracke es nennt. Soll heißen? "Wenn Sie heute eine Rolex in halbwegs akzeptablem Zustand und Preis bei uns reinstellen, ist sie vermutlich am Nachmittag weg." Der Appetit der Welt nach Rolex ist mittlerweile eben kaum mehr zu stillen.

Uhrenmarkt: Nur behutsame Änderungen und strenge Qualitätskontrolle: Die Strategie des Rolex-Konzerns

Nur behutsame Änderungen und strenge Qualitätskontrolle: Die Strategie des Rolex-Konzerns

(Foto: mauritius images / James Burger)

"Rolex-Krise", titelten die Münchner Boulevard-Blätter vorletztes Jahr um diese Zeit, als klar wurde, dass viele Schaufenster der ehrwürdigen Konzessionshändler im Weihnachtsgeschäft leer bleiben würden und die Klientel aus Bogenhausen und Doha in Sachen Geschenke umdisponieren musste - es gab einfach keine Rolex mehr und schon gar nicht für Menschen, die der Juwelier nicht kannte. Man darf bei der Verteilung von Rolex unters Volk grundsätzlich von einem inoffiziellen, doppelten Schlüssel ausgehen, der weltweit gilt. Danach werden zunächst besonders gute oder langjährige Händler mit dem raren Stoff beliefert, von denen dann wiederum die besonders guten und langjährigen Kunden als erste versorgt werden. Survival of the richest!

Uhrensammeln ist eine Männderdomäne, Rolextragen nicht

Dieses Verfahren ist nichts Neues bei Luxusgütern. Es ist schon immer ein Geschäft, bei dem altmodische Praktiken wie Vertrauen, Diskretion und Vorzugsbehandlung eine Rolle spielen, aber beim Thema Rolex ist die Sache zuletzt etwas aus den Fugen geraten. Jedenfalls schätzt Tim Stracke, dass eine Wartezeit von etlichen Jahren, wie sie heute etwa für eine Rolex Daytona anfällt, auch nicht unbedingt im Sinne des Konzerns sein kann. Es gibt schließlich durchaus noch Konkurrenzprodukte. "Wobei einige Modelle von Audemars Piguet oder Patek Philippe ähnlich schwer zu kriegen sind. Im Grunde ist das keine Rolex-Krise, sondern eine Luxusuhrenkrise", sagt der Experte, dessen Plattform von der großen Verknappung natürlich profitiert.

Denn wer beim Juwelier mit leeren Händen hinauskomplimentiert wird, sucht seine Rolex eben bei Gebrauchthändlern, wo der Markt die Begehrlichkeit regelt - mit hohen zweistelligen Preisaufschlägen für die besonders gefragten Modelle. Vintage-Rolex-Stahluhren haben so in den letzten zehn Jahren eine Renditekurve hingelegt, auf die viele Hedgefondsmanager stolz wären. "Normalerweise kauft man eine neue Uhr und hat erst mal 20 bis 30 Prozent Wertverlust, wenn man damit aus dem Laden geht. Bei Rolex ist es mittlerweile genau andersrum. Wenn man eine neue Rolex ergattert, ist sie heute gleich 30 bis 50 Prozent mehr wert", sagt Stracke. Die angesprochene Submariner aus dem griechischen Schaufenster wäre also beispielsweise auf Chrono 24 heute mit um die 14 000 Euro durchaus vernünftig ausgepreist - und würde einen glücklichen Käufer finden. Oder Käuferin, denn auch wenn Uhrensammeln noch eine ziemlich männerdominierte Angelegenheit ist, Rolextragen ist es nicht.

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Teuer und begehrt: Auf Modelle aus der Daytona-Serie muss man besonders lange warten.

(Foto: chrono24)

Dass Käufer diese fantasievollen Preise bezahlen, liegt sicherlich in der Natur eines Statussymbols: Je schwerer es zu beschaffen ist und je mehr Leute wissen, welchen Wert auch nur eine lässig angelegte Vintage Datejust mittlerweile hat, desto besser funktioniert die Sache. Und natürlich ist der Aspekt der Wertanlage auch nicht von der Hand zu weisen. Es gibt jedenfalls nur wenige Luxusartikel, die nach ein paar Jahren ihren Kaufpreis wieder einspielen: Ein 911er Porsche, eine Birkin-Bag und eine Rolex. Bares Geld in guter Form.

Man vergisst beim Hantieren mit diesen Zahlen und Preiskurven allerdings leicht mal, dass es sich bei Rolex nicht um einen wichtigen Rohstoff oder ein Wundermedikament handelt. Sondern einfach nur um ein sehr analoges Gerät, das sich damit zufriedengibt, seinem Besitzer den Verlauf der Zeit anzuzeigen. Das allerdings überaus genau und zuverlässig und zur Not auch in hundert Meter Wassertiefe. Vor allem aber mit einer Marken-Strahlkraft, die nicht den üblichen Gezeiten von Mode- und Lifestyleprodukten zu unterliegen scheint.

Der Name setzt unheimliche Emotionen frei

Eine Rolex ist eher wie Champagner: Eigene Währung, die immer Konjunktur hat und zu allem passt. Politik, Wirtschaft, Mode, Sport - die Elite trägt sie seit Jahrzehnten, und das, obwohl die Standardmodelle ja bei Weitem nicht die teuersten oder elegantesten Exemplare auf dem Markt sind. Aber darum geht es eben gar nicht, genauso wenig wie es den meisten Besitzern um die Ganggenauigkeit geht oder die Wasserdichtigkeit, die Rolex als Erste perfektioniert hatte, auch nicht um den verwendeten Spezialstahl oder das Design. Nein, es geht einfach nur um den global verständlichen Rolex-Code. Und der ist ein sehr anziehender Mix aus Tradition, Qualität, Distinktion, Stil, Schweiz und Geld.

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Fieberkurve: Preissteigerung für eine Rolex Submariner Date auf der Uhrenplattform Chrono 24

(Foto: chrono24)

Natürlich, die Knappheit der Uhren hängt auch damit zusammen, dass sich das Unternehmen selbst einen enormen Qualitätsanspruch auferlegt hat und in seiner 116-jährigen Firmengeschichte nie zu schnellen oder leichtfertigen Entscheidungen hinreißen ließ - weder beim Design noch bei den inneren Werten. Sogar die größte Krise der Luxusuhren, den Siegeszug des Quarz-Werks in den Achtzigerjahren parierte Rolex fast souverän und setzte auch dann auf stoisch laufende mechanische Werke, als die ganze Welt Zeiger trug, die von Sekunde zu Sekunde hopsten. Während Marken wie Omega bis heute Quarzuhren fertigen, gab es von Rolex nur eine kleine Charge, die heute nicht mal besonderen Sammelwert haben, so weit weg vom Markenkern sind sie.

Nichts souffliert so deutlich "Erfolg!" wie die Rolex am Arm

Aber es ist auch nicht so, dass man bei Rolex nichts dafür getan hätte, dem Ansturm entgegenzukommen. Der Konzern hat in den vergangenen zwanzig Jahren seine drei großen Schweizer Standorte in Biel, Plan-les-Ouates (bei Genf) und Acacias mit enormem baulichen Aufwand und hohen Investitionen vergrößert und supermoderne Workflows implantiert, die durchaus nichts mehr mit schweizerischer Uhrmacher-Romantik zu tun haben. Die verschiedenen Gebäude der Werkefertigung in Biel etwa sind durch unterirdische Gänge verbunden, in denen selbstfahrende Roboter (sie heißen Marcel 1 und Marcel 2) unterwegs sind. In Acacias sorgen Iris-Scanner am Eingang dafür, dass wirklich nur Befugte ins Allerheiligste gelangen, wo die Uhren schließlich zusammengebaut und auf alle erdenklichen Arten getestet werden, bevor sie in die charakteristische, grüne Box dürfen.

Manufaktur? Wer mehr als 800 000 Uhren pro Jahr herstellt, muss auf automatisierte Abläufe setzen, wo immer es geht. Die schwarz verspiegelten, riesigen Komplexe der Werkefertigung oder der Gehäuseproduktion erinnern jedenfalls weniger an ein Traditionsunternehmen als an Geheimdienstzentralen - man ist auch etwa so auskunftsfreudig. Die Öffentlichkeitsarbeit erschöpft sich in den bekannten Engagements im Segelsport, beim Tennis oder auch mit Innovationspreisen.

Am Ende ist eine Rolex-Uhr das Ergebnis von mindestens 500 Produktionsschritten, von denen für viele immer noch Handarbeit notwendig ist. Und trotzdem ist sie gleich so viel mehr als die Summe ihrer Präzisionsteile. Der Name setzt jedenfalls unheimliche Emotionen frei, nicht nur bei denen, die die Uhren begehren, sondern auch bei denen, die sie aus Prinzip ablehnen. Bestes Beispiel dafür war die Aufregung um die Rolex von SPD-Politikerin Sawsan Chebli, die 2018 für tagelange Empörung im Netz sorgte. So eine Polarisierung schafft keine Omega, die mit weitem Abstand auf Platz zwei der ewigen Wunsch-Uhren folgt. Rolex lässt keinen kalt, und falls doch, dann sollte man sicherheitshalber an dieser Stelle wohl noch das Zitat des französischen Starwerbers Jacques Séguéla einfügen, der einst sehr werbewirksam gesagt hat: "Wer mit 50 keine Rolex besitzt, hat es in seinem Leben zu nichts gebracht."

Uff, das ist natürlich ein Hammer, das kann man so heute natürlich nicht sagen, das ist ja irgendwie fies. Aber genau deswegen ist der Spruch wahrscheinlich ein Dauerbrenner - er transportiert genau die Reibung und den Klassismus, an den die Elite insgeheim immer noch gerne glaubt. Schaut man sich die aktuelle Nachfrage an, scheinen jedenfalls sehr viele Menschen auf der Welt diesem Zitat - wissentlich oder unwissentlich - zu folgen. Und positiv formuliert, stimmt es ja einfach: Nichts souffliert so deutlich "Erfolg!" wie die Rolex am Arm. Erst mal für einen selbst und danach für die Umstehenden.

Laut Tim Stracke kehren in diesem Sinne derzeit auch gerade junge Menschen, die eigentlich für die Armbanduhr verloren galten, in die Welt der Chronometer und eben zu Rolex zurück. Vielleicht ist der Hip-Hop daran schuld, bei dem die großen Uhren in die Kamera gehalten werden. Vielleicht die vage Sehnsucht nach einem werthaltigen Accessoire, das ohne Bluetooth funktioniert. Oder wie Tim Stracke es für sich erklärt: "Aktien, Kryptowährungen, Geldanlagen - das ist alles sehr unemotional, damit verbindet mich im Grunde nichts. Aber die Uhr am Handgelenk, bei der spüre ich den Wert, wenn ich sie anlege. Und ich weiß, dass in hundert Jahren, wenn von mir nichts mehr übrig ist, wahrscheinlich nicht mal mehr mein Haus, meine Uhren noch da sein werden. Das ist ein gutes Gefühl."

Die Rolex nicht als Zeitmesser, sondern als persönliche Zeitkapsel? Wenn sich diese romantische Ansicht auch noch durchsetzt, bleibt das Schaufenster auch die nächsten Weihnachten erst mal leer.

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