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Role Model:Der Neon-Gothic-Horror-Indie-Schlumpf

XXL-Zwiebellook, diesmal mit grünen Haaren: Billie Eilish.

(Foto: AFP)

Billie Eilish ist nicht nur der Popstar des Jahres, sondern auch Stilikone. Aber was genau ist das eigentlich für ein Stil?

Ist das jetzt Style oder doch nur ein verstauchter Knöchel? Wenn Billie Eilish zuletzt auf der Bühne stand, trug sie eine stiefelartige Plastikschale mit roter Applikation am Fuß. Eine orthopädische Schiene, stellte sich heraus. Aber auf Instagram und Twitter, den Lieblingskanälen ihrer Fans, kam immer mal wieder die Frage auf, ob das nicht doch ein modisches Accessoire sei? Und damit ist schon viel gesagt über den wirklich einzigartigen Stil dieser Sängerin.

Eilish ist eben nicht nur der Popstar der Stunde, bricht Streamingrekorde und outet sich in quasi jedem Interview auch noch als öffentlich kluge Person. Nein, sie ist in dem gut einen Jahr, das sie nun im weltweiten Scheinwerferlicht steht, auch zur Stilikone der Generation Z avanciert. Sie war auf dem Cover der wichtigsten Modemagazine, darunter die Elle und die Vogue. Sie präsentiert eine Taschenkollektion beim Luxuslabel MCM. Sie verkauft selbst designte Shirts über die Zara-Schwestermarke Bershka, und natürlich betreibt sie auch eine eigene Marke: Blohsh.

Für deren Instagram-Katalog posiert sie ebenfalls mit Beinschiene. Dass eine weltweit gefeierte Sängerin in Modezeitschriften landet, ist an sich nicht erstaunlich. Alle Popstars haben Stylisten, sie verpassen auch noch dem modisch unbegabtesten einen eigenen Look. Aber der Stil von Eilish ist genauso selbstgemacht wie ihre Songs (die sie mit ihrem Bruder in dessen Kinderzimmer aufnimmt). Sie kombiniert weite Shorts mit Schlabberpullis in Neonfarben, gern passend zur jeweiligen Haarfarbe. Sie trägt Basketballtrikots mit Death-Metal-Schriftzügen, leuchtend grüne Strumpfmasken, zwei Dutzend Ringe gleichzeitig, Axl-Rose-Bandanas, Anglerhüte von Louis Vuitton und Kapuzenpullis mit nackten Anime-Figuren auf der Brust. Oft alles zusammen. Das erste Problem ist also schon: Wie nennt man das jetzt? Neon-Gothic-Indie-Horror-Schlumpf?

Selbst eine der wichtigsten Instanzen der Mode, die Vogue-Chefin Anna Wintour, tut sich da schwer. Nachdem Eilish im September zum Redaktionsbesuch in New York von Kopf bis Fuß in Grellorange gekleidet kam, sollte Wintour sich kurz vor der Kamera äußern. Was ihr an Eilishs Stil gefalle? Nun, dass sie damit "genau eine Person verkörpert. Und das ist sie selbst." Was man eben so sagt als Modepäpstin, wenn ein 17-jähriger Weltstar sich absolut keiner Moderegel unterwirft.

Das V Magazine machte im Sommer einen griffigeren Vorschlag. Der Stil der Sängerin sei in erster Linie post-male-gaze, was bedeutet: Er richtet sich nicht mehr nach dem männlichen Blick. Tatsächlich hatte man kurz zuvor in deprimierender Klarheit sehen können, welche Art Aufmerksamkeit Eilish durch ihren XXL-Zwiebellook bis dahin erspart geblieben war. Da war ein Foto der Sängerin mit halb aufgezipptem Hoodie aufgetaucht, das prompt von Twitter-Männern mit schwitzigen Kommentaren bemeint wurde.

Die Reaktion? Ein amtlicher Proteststurm der Fans gegen die "Objektifizierung" ihrer Heldin. Was wiederum zweierlei zeigte: Wie sehr sich die Zeiten doch geändert haben, seit vor ziemlich genau 20 Jahren eine ebenfalls 17-jährige Britney Spears im Cheerleader-Look durch ihren ersten Videoclip hüpfen musste. Und wie stabil eingestellt das Taktgefühl heutiger Teenager ist. Kannte 1999 überhaupt schon jemand das Wort "Objektifizierung"?

Ihre modischen Vorbilder: Drei Männer. Und eine Sängerin, die gerne sehr viel Haut zeigt

Als modische Vorbilder nennt Eilish einen obskuren Influencer namens Bloody Osiris sowie die Rapper Kanye West und A$AP Rocky. Ihr einziges weibliches Idol ist eines, das mit Textilfreiheit wenig Probleme hat: Rihanna. Die hatte Mode mal ihren persönlichen "Verteidigungsmechanismus" genannt. So sehe sie das auch, sagt Eilish. Sie trage so viele Schichten, damit niemand wisse, "was darunter liegt".

Das heißt allerdings noch lange nicht, dass man die von Eilish zelebrierte Anti-Silhouette als Kampfansage gegen die weiterhin meist bauchfreie Inszenierung weiblicher amerikanischer Popstars verstehen darf. Ja, sie selbst stehe auf Klamotten, die "800 mal zu groß" seien. Aber nein, das grenze niemanden aus, der sich im engen Top wohlfühle. Jeder so, wie er mag. Als Oppositionsführerin gegen all jene, die dem männlichen Blick weiterhin gefallen wollen, steht Billie Eilish also nicht zur Verfügung. Mal wieder so ein verdammt kluger Kommentar.