Süddeutsche Zeitung

Rihanna:Stil? Ihr doch egal!

Sie kann alles tragen und tut es auch. Wie konnte Rihanna bloß ohne eigenen Stil zur Stilikone werden?

Von Jan Kedves

Von Jan Kedves Wunderbar muss es sein, als Stilikone zu gelten und weltweit von Modemagazinen und Luxusmarken umschwärmt zu werden - ohne einen eigenen Stil zu haben. Robyn Rihanna Fenty, die 28-jährige Popsängerin aus Barbados, ist momentan die unangefochtene Style-Queen. Modemagazine huldigen ihr auf den Titelseiten ihrer Herbstausgaben, auf dem Cover des amerikanischen W Magazine trägt sie teuerste Kriegsbeschmückung von Cartier, verteilt über das gesamte Gesicht. Auf dem Cover von CR Fashion Book, dem Magazin der früheren Vogue-Chefredakteurin Carine Roitfeld, posiert sie als karibische Marie Antoinette und hält dabei ihre rechte Brust noch gerade so davon ab, aus dem Revers des kurvig pinken Dior-Jacketts zu platzen. Bild: Rihanna bei den Grammys 2015

Einen eigenen Stil lässt Rihanna in diesen Fotos nicht erkennen, ebenso wenig im Fall der von ihr als "Creative Director" von Puma, so heißt es, selbst entworfenen Kollektion. Die sieht aus wie ein kommerzialisierter Abklatsch der düsteren urbanen Hip-Hop-Couture des New Yorker Labels Hood By Air (siehe Bild). Man könnte sagen: Rihanna hat andauernd sehr viele Stile. Ist das ein Problem?

Nun ja, könnte man einwenden, es war schon immer die besondere Qualität von Supermodels und Markenbotschafterinnen, auf Knopfdruck genau das zu verkörpern und zu verkaufen, was jeweils dieser oder jener Auftraggeber oder Kooperationspartner verlangt. Allzu viel eigene Persönlichkeit würde da vielleicht nur stören. Wobei: Rihanna - sprich: Ri-Jahna - ist, obwohl sie natürlich genauso hübsch ist wie ein Supermodel, im Grunde noch immer Popsängerin. Und als Popsängerin braucht man schon so etwas wie einen künstlerischen Kern, irgendetwas Konstantes, Eigenes. Zumindest dachte man das bislang. Bild: Rihanna bei der Mercedes Benz Fashion Week 2015

Rihanna hat dieses konstant Wiedererkennbare, Eigene nicht. Wenn sie etwa einen Song singt, den die australische Star-Songwriterin Sia für sie geschrieben hat (wie den jüngsten "Star Trek"-Song "Sledgehammer"), singt Rihanna ihn mit genauso bombastisch-brüchiger Stimme, wie Sia ihn eben auch singen würde. Als Rihanna 2008 in New York bei der "Fashion Rocks"-Gala in der Radio City Music Hall Madonnas alten Glamour-Hit "Vogue" sang, klang sie auch genauso wie Madonna - tanzte aber viel schlechter. Bild: Rihanna bei den CFDA Awards im New Yorker Lincoln Center 2014

Ganz ähnlich, wenn es um Stil geht: Als Stilikone hat Rihanna noch keinen einzigen ikonischen, allein ihr zuzuschreibenden Look produziert. Denkt man an Lady Gaga, denkt man sofort an das Fleischkleid. Denkt man an Madonna, hat man den von Jean Paul Gaultier für sie entworfenen goldenen BH mit den furchteinflößenden Kegel-Cups vor Augen. Oder Grace Jones: Die plissierten Seidenkapuzen von Issey Miyake hat sie sich so zu eigen gemacht, dass man heute keine Miyake-Kleider sehen kann, ohne zu denken: Grace Jones! Denkt man an Rihanna: nichts. Beziehungsweise alles auf einmal. Plateau-Creeper-Turnschuhe, lustige Plüsch-Rucksäcke, verspiegelte Visor-Sonnenbrillen in allen möglichen Metallic-Farben (von Rihanna für Dior "entworfen"), blaue Denim-Stiefeletten, bestickt mit superkitschigen silbernen Diadem-Ornamenten (von Rihanna für Manolo Blahnik "entworfen"). Nichts passt, aber alles geht bei Rihanna, deswegen ist sie auch die "most marketable celebrity". Diesen Titel, "am besten vermarktbarer Star", hat sie Anfang dieses Jahres tatsächlich verliehen bekommen, nach einer Analyse der New Yorker Marktforschungsagentur The NPD Group. Bild: Rihanna bei der Metropolitan Museum of Art Costume Institute Gala 2015 in New York

Mit Rihanna lässt sich alles, also wirklich alles verkaufen. Exemplarisch vorgeführt wurde das in diesem Sommer. Da räumte der berühmte Pariser Concept Store Colette, in dem sonst Karl Lagerfeld seine "Barbie & Ken"-Kollektion präsentiert oder Burberry zum Weihnachtsgeschäft exklusiv gestrickte Wärmeflaschenschlüpfer anbietet, eine Woche lang Platz frei für einen eigenen Rihanna-Pop-up-Shop. In dem gab es sämtliche Produkte zu kaufen, die irgendwie mit Rihanna in Verbindung stehen. Die Fans traten wie erwünscht die Bude ein und kauften wahllos, was es gab. Sollten sie all diese Produkte stolz auf einmal anziehen, sähen sie unmöglich aus. Ja, die Wandlungsfähigkeit, von der man bei Rihanna sprechen könnte, ist im Grunde nur Beliebigkeit. Wobei sie - und da wird es dann eben doch interessant - es irgendwie schafft, dieser Beliebigkeit noch den Eindruck von Erhabenheit zu verleihen. Rihanna macht sich zwar keinen Look zu eigen, sondern surft durch die Looks, dabei wirkt sie aber immerhin nie orientierungs- oder gar hilflos. Man könnte sagen, Rihanna steht ganz fest auf ihrem Stil-Surfboard und schafft dabei auf ihre spezielle Weise doch etwas ganz Eigenes: vollendet erhabene Beliebigkeit.

Die Erhabenheit des Effekts verdankt sich vor allem einem Detail: Rihannas Blick. Schaut man all die Fotos der letzten Jahre von ihr durch, fallen immer wieder ihre eisig auf den Betrachter gerichteten Augen auf. Sie sagen: I don't give a fuck, mir doch alles scheißegal. Viele Menschen denken, das sei vor allem ein bekiffter Blick. Rihanna hat nämlich den Ruf, eine große Kifferin zu sein. Deswegen erschien es für einen Moment auch völlig einleuchtend, als im vergangenen Jahr die Meldung die Runde machte, Rihanna würde ihrer ohnehin schon sehr breiten Produktpalette noch ein weiteres Produkt hinzufügen und ihre eigene Marihuana-Marke lancieren: "Marihanna". Das entpuppte sich dann aber doch als Ente.

Der eisige Scheißegal-Blick von Rihanna jedenfalls, gepaart mit ihrer extremen mimischen Reduktion (man sieht sie fast nie gelöst lachen), führt zu dem Eindruck, dass die Sängerin ziemlich blasiert ist, und blasiert zu sein war traditionell die Spezialität der Aristokraten. Tatsächlich wirkt Rihanna sehr aristokratisch, wenn sie so von oben herab, vielleicht sogar ein bisschen spöttisch, auf jeden Fall über den Dingen schwebend, in die Kamera blickt. Bild: Rihanna bei den CFDA Awards im New Yorker Lincoln Center 2014

Das ist auch dem deutschen Popkritiker Jens Balzer aufgefallen, der in seinem empfehlenswerten Buch "Pop - ein Panorama der Gegenwart" (Rowohlt) schreibt, Rihanna verkörpere "frivole Faulheit" und im Zentrum ihrer Performance stehe "neoaristokratisches Nichtstun". Zitat: "In sonderbarer Weise paart sich hier das ausgiebige Ausstellen materiellen Reichtums mit dem arbeitsverweigernden Minimalismus der Diva, die sich für alles, aber auch wirklich alles, zu schade ist - frei nach dem Motto: Arbeiten, tanzen, schöne Melodien singen, das sollen gefälligst andere machen, in meinem Fall muss es reichen, dass ich überhaupt da bin." Bild: Rihanna 2015 bei der Modenschau von Christian Dior in Paris

Wobei man wohl daran erinnern sollte, dass allein die Tatsache, dass Rihanna "überhaupt da ist", schon eine Errungenschaft ist. Fast niemand erinnert sich heute mehr daran, dass sie im Februar 2009, in der Nacht vor der Grammy-Verleihung, von ihrem damaligen Boyfriend Chris Brown in dessen Lamborghini übel vermöbelt wurde. Es gelangten Polizeibeweisfotos von ihrem Gesicht mit Blutergüssen, aufgeplatzter Lippe und Bissspuren an die Presse. Damals war Rihannas Karriere kurz davor, eine dramatische Wendung zu nehmen. Denn kaum ein weiblicher Star hat es bislang geschafft, eine solche öffentliche Demütigung zu überstehen, ohne danach auf die Opferrolle festgelegt zu werden. Bild: Rihanna 2009 in Beverly Hills

In seinem Buch "Song Machine" beschreibt der Journalist John Seabrook detailliert, mit welcher militärisch-strategischen Präzision nach dieser Misshandlung Rihannas Label Def Jam, ihr Manager L. A. Reid und Heerscharen von Songwritern an einer Comeback-Single arbeiteten, die verhindern sollte, dass sich das Bild von Rihanna als heulendem Opfer in den Köpfen festsetzt. Ergebnis: Der Hit "Rude Boy", in dem sie singt: "Komm her, böser Junge, kriegst du ihn hoch? Komm her, böser Junge, ist er groß genug?" Angriff als beste Verteidigung. Bild: Rihanna dieses Jahr in London

Die Single funktionierte so gut, dass Rihanna inzwischen konsequent als "Bad Gal RiRi" firmiert, als böse Rihanna, die die Männer springen lässt und ganz selbstbewusst von sich sagt, sie sei schlecht, aber genau darin, also im Schlechtsein, sehr gut. Man kann sich vorstellen, was für einen Appeal solch eine Selbstinszenierung auf ihre jungen, von den Anstrengungen des Lebens und des Gutaussehens überforderten Fans ausübt: Verehrt werden, ohne sich anzustrengen. Göttin sein, ohne was darauf zu geben. Die ästhetischen Gräben, zum Beispiel zwischen Puma und Dior, mal eben so zu überbrücken und dabei von beiden Unternehmen großzügig bezahlt zu werden - wer würde das nicht gern? Bild: Rihanna bei den CFDA Awards im New Yorker Lincoln Center 2014

Rihanna muss auch gar nicht behaupten, ihre Stilentscheidungen selber zu treffen, sie arbeitet ganz offen mit dem Top-Stylisten Mel Ottenberg zusammen, der sie einkleidet und sonst für Modestrecken in dem ultrahippen Berliner Style- und Kulturmagazin 032c verantwortlich ist. Und wenn dann mal wieder irgendein Kritiker ankommt und meint, das Ganze sehe manchmal ziemlich geschmacklos aus, dann kann Rihanna genau das sagen, was ihr Stylist Mel immer sagt, wenn man sich seiner Arbeit mit zu viel analytischem Eifer nähert: "Es ist nur ein Kleid, es ist keine Gehirn-OP." Bild: Rihanna bei einer Modenschau in Paris 2014

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3164612
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 17.09.2016
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.