Recycling-Mode Müll von der Stange

Bei der Herstellung von Mode entsteht viel Abfall, nach dem Tragen erst recht. Das wahre Ausmaß der Verschwendung kennt keiner. Dabei gibt es jede Menge Alternativen: abknöpfbare Kragen, Pantoffeln aus Jeans, Geldbeutel aus Feuerwehrschläuchen. Upcycling nennen die Designer den Trend.

Von Elisabeth Dostert

Der Müll auf dem Kleiderbügel sieht wirklich gut aus: gestreifte, sehr farbige Herrenhemden mit abknöpfbarem Kragen. "Das ist unser Markenzeichen", sagt Luise Barsch, Mitgründerin der Berliner Modemarke Aluc: "Kragen nutzen immer besonders schnell ab, die hier kann man ersetzen und Hemden und Blusen länger tragen." Für ihre Kollektion verarbeiten Luise Barsch und ihre Kolleginnen Arianna Nicoletti und Carina Bischof, Designerinnen wie sie, Reste aus der Stoffproduktion: Farbmuster, Verschnitte, was so anfällt. Andere Designer verwerten Getragenes.

Die Modemacher reden gerne von Upcycling, weil der textile Abfall nach ihrem Empfinden durch sie aufgewertet wird und nicht einfach kleingerupft als Dämmstoff oder Putzlappen endet. Im Kreislaufwirtschaftsgesetz kommen die Wörter Upcycling und Downcycling allerdings nicht vor, sondern der weitgehend neutrale Begriff Recycling. Daten zum Ausmaß der Verschwendung gibt es nicht. Nach Angaben des Bundesverbandes Sekundärrohstoff und Entsorgung wurden 2007 - jüngere Zahlen liegen nicht vor - Textilien im Volumen von zwei Millionen Tonnen entsorgt. Davon waren gut 1,1 Millionen Tonnen Bekleidung und Haustextilien wie Handtücher und Bettwäsche. Davon wurden gut 40 Prozent wiederverwertet.

Aber auch diese Zahlen sind nur ein Anhaltspunkt. Das ganze Ausmaß der Verschwendung, wie viel Textiles einfach im Müll landet oder verbrannt wird, kennt keiner. Dabei gibt es neben der Wiederverwendung, etwa in Secondhand-Läden, bei der das Produkt für denselben Zweck weiterverkauft wird, jede Menge Ideen der Wiederverwertung, wie Internetseiten wie weupcycle.com, planet-upcycling, etsy.com oder hipcycle.com und Bloggs wie ohoh oder love2upcycle zeigen - Anleitungen gelegentlich inbegriffen. Badvorleger aus geflochtenen Stoffresten, Pantoffeln aus alten Jeans oder eine gehäkelte Tasche aus recycelten Laschen von Getränkedosen des Studios Escama.

Martin Klüsener, diplomierter Bekleidungstechniker, verarbeitet für seine 2005 gegründete Firma Feuerwear alte Feuerwehrschläuche, die bekommt er aus ganz Deutschland. Manchmal kommt als Ergänzung auch Verschnittmaterial von Kofferraumrollos zum Einsatz, weil es leichter ist. "Wir haben von Anfang an Gewinn gemacht", so der Kölner. Die Taschen, Geldbeutel, Gürtel und Smartphone-Hüllen vertreibt Feuerwear über den eigenen Online-Shop und Händler. Im ersten halben Jahr habe er noch selbst genäht, sagt Klüsener. Das hat er schon immer gern, schon als 13-Jähriger. Um Design und Schnitte kümmert er sich selbst, gewaschen und zugeschnitten werden die Schläuche in Köln, genäht wird in Polen und Slowenien.

Eigentlich sei Upcycling nichts Neues, sagt Barsch. In Kriegszeiten sei es üblich gewesen, gebrauchte Kleidung aufzuarbeiten. In Entwicklungsländern zwinge die blanke Not die Menschen dazu, Getragenes und Stoffreste immer wieder zu verwerten. "Wir verarbeiten Überschuss und Überfluss", sagt Barsch. Sie hat schon 2010 ihre Diplomarbeit an der Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg - sie gehört zur Hochschule Zwickau - über Recycling geschrieben und eine Kollektion aus Jeans entwickelt. Die stellte ihr Mustang zur Verfügung. Schon während des Studiums hat sie abgelegte Sachen ihrer Freundinnen aufgearbeitet. "Die hatten unheimlich viele Klamotten", sagt Barsch, die vollen Kleiderschränke haben sie eher nachdenklich gemacht. Die 28-Jährige trägt nur Schuhe und Bekleidung aus dem Secondhand-Laden, da kommt auch der Gürtel mit dem Batman-Logo auf der Schnalle her.

Die drei Aluc-Gründerinnen haben sich in London beim Label From Somewhere kennengelernt, einem Pionier der Upcyling-Mode. In Großbritannien fassten sie den Entschluss, ihr eigene Marke und ein eigenes Geschäft in Berlin zu gründen. Für die Zahlen haben sie sich einen Betriebswirt geholt. "Es war gar nicht so einfach, einen Stoffproduzenten zu überzeugen, uns seine Reste zu überlassen", sagt Barsch. Rund zwei Dutzend haben die Frauen angeschrieben und um Abfall gebeten. Die meisten haben noch nicht einmal geantwortet. Eingeladen hat sie dagegen der österreichische Hersteller Getzner Textil AG aus Bludenz: 800 Beschäftigte, 120 Millionen Euro. Als Referenzen für seine Stoffe nennt das Unternehmen auf seiner Homepage Firmen wie Van Laack, Hatico, Brioni, Hugo Boss, Eterna und andere mehr. Getzner trägt selbst das Umweltzertifikat Bluesign. "Die Zukunft der Textilbranche liegt in der Hand von Marken und Handelsketten, die für Mensch und Umwelt unbedenkliche Produkte garantieren", heißt es auf der Homepage. Vielleicht haben die Österreicher deswegen den Designerinnen geantwortet.

2011 verkauften sie die ersten Blusen und Hemden im alten Laden in der Linienstraße. Produziert wird die Kollektion in Behindertenwerkstätten in Berlin und Thüringen. "Das gehört nach unserer Meinung auch zur Nachhaltigkeit, Menschen eine Arbeit zu geben, die sonst wenig Chancen haben", sagt Barsch. Ein Hemd kostet gut 100 Euro. "Dafür ist es nicht nur nachhaltig, sondern auch ein Einzelstück." So wie die meisten anderen Artikel der rund ein Dutzend Marken im neuen Upcycling Fashion Store in Berlin. Jacken von Daniel Kroh, der sie aus getragener Arbeitskleidung näht. Auf dem ziemlich großen Etikett ist immer angekreuzt, von wem der Stoff stammt. Die blaue Jacke schneiderte Kroh aus Arbeitsanzügen von Metallarbeitern und Schweißern. Den Stoff für die fast weiße Damenjacke lieferten Maler. Anita Steinwidder näht Pullis aus alten Socken. Cloed Priscilla Baumgartner verarbeitet für ihre Marke Milch alte Herrenanzüge zu Kleidern, der Bund wird dann zum Saum.

Zur Eröffnung des neuen Ladens in dieser Woche in der Anklamer Straße zeigen die Aluc-Frauen ein paar britische Anbieter. Ein bunt schillerndes Abendkleid, Teil einer Kollektion von From Somewhere und Speedo, hängt im Schaufester. Verarbeitet wurden Rennanzüge der Serie LZR Racer. Von denen hatte der Sportartikelhersteller jede Menge übrig, nachdem der internationale Schwimmverband Fina Anfang 2010 Ganzkörperrennanzüge verbot.

"Dass uns Stoff der gleichen Qualität in so großen Mengen angeboten wird, kommt nur selten vor", sagt Luise Barsch. So ein "Glück" hatten die Designerinnen vor ein paar Wochen. Ein Onlinehändler lieferte ihnen mehr als 500 Sommerkleider, der Reißverschluss hakte, für den Verkauf taugten sie nicht mehr. "Solche Fehlproduktionen kommen oft vor", sagt Barsch. Der Händler hätte die Kleider nach Asien zurückschicken können, wo sie produziert wurden. "Aber das lohnt nicht, und dort wären sie vermutlich nur verbrannt worden." Abfall eben. Barsch und ihre Kolleginnen haben die Kleider über ihr Netzwerk verteilt. "Mal sehen, welche Kollektionen dabei herauskommen."