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Räuchern:Endlich wieder qualmen

Getrocknete Kräuter im Bündel sollen angeblich helfen, Räume zu reinigen.

(Foto: Giulia Bertelli/Unsplash)

Die alte Tradition des Verbrennens von Wurzeln, Kräutern und Harzen ist zurück. Selbst Aktivisten packen heute Räucherwerk für die Demo ein.

Von Julia Rothhaas

Das hellgrüne Bündel wurde in diesem Jahr sogar politisch. Zuletzt hatte man das so ähnlich, in Form von Räucherstäbchen, bei den Hippies gesehen. In diesem Sommer aber rauchte der Strauß aus Weißem Salbei neben geballten Fäusten und Pappschildern auf "Black Lives Matter"-Demonstrationen in den USA - als gut gemeinter Versuch, die aufgeheizte Stimmung damit ein bisschen zu klären. Um das zu schaffen, hätte man vermutlich riesige Haufen des getrockneten Krauts in den Straßen von New York, Cambridge oder Oakland verbrennen müssen. Trotzdem durfte es als weiteres Zeichen verstanden werden, dass Räuchern längst nicht mehr nur etwas ist, über das man sich in der Esoterik-Ecke von Buchhandlungen austauscht.

Seit einigen Jahren schon gilt das Verbrennen von Kräutern, Wurzeln und Harzen als schick. Wacholder, Eisenkraut und Beifuß, liebevoll zu ansehnlichen Bündeln gewunden, liegen nicht mehr nur in einer Ecke des Yogastudios, die Kräuter werden neben Edelsteinen, Tarot-Karten und Amuletten im Vorzeigesalon Instagram auf dem Nachtkästchen der Self-Care-Bewegung präsentiert. Wer sich etwas Gutes tun will, bestellt das Räucherset "Glück", ein zum Zopf geflochtenes Päckchen Süßgras oder den höhenverstellbaren Weihrauchbrenner für daheim. Wer andere zudem von diesen Bemühungen in Kenntnis setzen will, macht vor dem Räuchern noch schnell ein Foto. "Sage for the digital age", so heißt das dann im Wellness-Imperium Goop der US-Schauspielerin Gwyneth Paltrow, Salbei für das digitale Zeitalter also. Gequalmt wird heute eben anders.

Kleines Alltagsritual, das auch noch gut riecht

Als Gegengift zu Beschleunigung und Fortschritt will sich der Mensch auf etwas besinnen, das er ohne großen Aufwand selbst in der Hand hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Etwas Frieden finden im selbstgemachten Chaos, dazu ein kleines Ritual für den Alltag mit dem schönen Nebeneffekt, dass es gut riecht: her damit! Das Räuchern wurde natürlich schon immer auch als Reinigung verstanden. Während heute mit etwas Thymian das Aroma der Schwiegermutter nach ihrem Besuch wieder aus dem Wohnzimmer verjagt werden soll, wollten die Menschen mit dem Verbrennen von Kräutern einst Herr werden über Seuchen wie Cholera und Pest. So hieß es zur Zeiten des Schwarzen Todes: "Baldrian und Bibernell hält die Pestilenz zur Stell." Seit Beginn der Corona-Pandemie greift das Bedürfnis um sich, das eigene Zuhause resistent zu machen gegen die Tücken der großen weiten Welt. Es wird nicht nur gelüftet, sondern auch geräuchert - selbst wenn es keine wissenschaftlichen Beweise dafür gibt, dass sich mit einem qualmenden Kräuterbündel Aerosole vertreiben lassen. Das gute Gefühl zählt.

Ob Weihrauch und Myrrhe oder Heimisches wie Fichtenharz, Wacholder oder Latschenkiefer: Auch Stefanie Wagner und Roland Lackner spüren die gestiegene Nachfrage nach Räucherstoffen. Seit 2010 verkaufen die beiden über ihren Online-Shop "Rauchtum" Hölzer, Harze und Kräuter und wollen das Räuchern professionalisieren, indem sie zusätzlich Gebäude- und Grundstücksräucherungen für Firmen, Behörden und Privatleute anbieten. "Der Trend zum Räuchern ist extrem gestiegen", sagt Lackner, man merke förmlich, dass viele Menschen seit ein paar Jahren zurückwollen zu ihren Wurzeln, im doppelten Sinne. Auffällig sei, dass nicht mehr nur Yogastudios, Heilpraktiker oder Massagepraxen Kräutermischungen bestellen, sondern vermehrt auch Ärzte und Apotheker.

Auf Weihrauch stürzt sich auch die Pharmaindustrie

Besonders nachgefragt auf dem Weltmarkt: Weihrauch. Seit in Studien nachgewiesen werden konnte, dass die Säure als Kortison-Ersatz verabreicht werden kann, stürze sich die Pharmaindustrie darauf. Denn die darin enthaltende Boswelliasäure gilt als entzündungshemmend, antimikrobiell und schmerzstillend. Das Harz des Baumes wird allerdings schon seit mehreren Tausend Jahren in der Naturheilkunde eingesetzt, etwa in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Dass es gut riecht, wenn man ein Stück Harz ins Feuer schmeißt, dürfte schon den Höhlenbewohnern der Eiszeit aufgefallen sein. Seitdem hat der Mensch nicht mehr aufgehört damit. Im alten Ägypten etwa verbrannten Hohepriester abends im Tempel die Kräutermischung "Kyphi", die Zusammensetzung wurde streng geheim gehalten. Auch für die Mumifizierung von Verstorbenen kam Räucherwerk zum Einsatz. Im antiken Griechenland hingegen nutzte man es nicht nur für religiöse und gesundheitliche Zwecke, sondern wollte damit auch der Libido etwas Gutes tun.

Böse Geister vertreiben, gute beschwichtigen

Ob in Indien, China, Guatemala oder bei den Ureinwohnern Nordamerikas: Das Verbrennen von Räucherwerk findet sich in den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen. Im Buddhismus räuchert man am Hausaltar und im Tempel, in der katholischen Kirche werden zu Mariä Himmelfahrt noch heute neun verschiedene Kräuter wie Arnika, Königskerze und Schafgarbe gesammelt, um sie in den Raunächten zum Jahreswechsel anzustecken und damit wedelnd durchs Haus zu laufen. Das Ziel ist immer das gleiche: Die bösen Geister vertreiben, die guten Geister beschwichtigen. Selbst wer nicht religiös ist, setzt sich auch deshalb gerne mal in die Kirche, weil es dort so gut nach Weihrauch riecht.

Weißer Salbei wurde schon von indigenen Stämmen in Zeremonien verbrannt.

(Foto: Marcos Prado/Unsplash)

Zu den beliebtesten Räuchermitteln der westlichen Welt gehört heute der Weiße Salbei, der überwiegend in Südkalifornien und Teilen Nordmexikos wächst und nichts mit dem Salbei hierzulande zu tun hat. Ursprünglich wurde er von indigenen Stämmen in spirituellen Zeremonien verbrannt, um negative Kräfte fernzuhalten. Ein gutes Verkaufsargument, das Wellness-Gemeinden weltweit gerne übernommen haben, und dann ist das Bündel aus silbern schimmernden Blättern auch noch besonders fotogen. Wer "white sage" oder "smudging" (also das Verbrennen von Kräuterbüscheln) allein bei Amazon eingibt, kann das Kraut bei erstaunlich vielen Anbietern in sein Warenkörbchen legen. Die große Nachfrage sorgt jedoch für Probleme: Häufig ist am Ursprungsort kein Weißer Salbei mehr zu finden, schlecht bezahlte Erntehelfer ziehen aus der Erde, was nur geht, obwohl die Wurzeln eigentlich stehen gelassen werden sollen, damit Blätter nachkommen können. Für diejenigen, die ihn für ihre heiligen Rituale einsetzen möchten, bleibt nicht mehr viel übrig.

Regionalität beim Räuchern: heimische Kräuter nutzen

Ein ähnliches Problem hat Palo Santo. Das aromatische "heilige" Holz des Bursera graveolens stammt überwiegend aus Ländern wie Peru, Mexiko oder Ecuador. Der Baum wächst nur wild und steht unter Naturschutz, daher dürfen nur abgefallene Äste geerntet werden. Doch aufgrund der wachsenden Nachfrage wird auch hier illegal abgeholzt, damit andernorts mal eben negative Energien verscheucht werden können. Dass viele jahrhundertealte Bräuche lediglich vereinfacht und ohne Hintergrundwissen übernommen werden, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was das im Ursprungsland anrichten kann, erlebt man vielfach im Segment des Sich-schnell-wohlfühlen-Wollens.

Dabei bräuchte es dafür weder das exotische Kraut noch das seltene Holz. Roland Lackner und Stefanie Wagner von "Rauchtum" versuchen, vermehrt über die Wirksamkeit heimischer Kräuter aufzuklären, als Händler sehen sie sich da in der Verantwortung. Der Vorzug regionaler Produkte gelte auch hier, so wie beim Anbau von Obst und Gemüse. "Da, wo du wohnst, wachsen auch deine Heilmittel", ist Wagner überzeugt. Die Zirbe habe etwa eine ähnlich wohltuende und reinigende Wirkung wie Palo Santo, statt White Sage könnte man sehr gut auch Beifuß verwenden.

Angst davor, beim Räuchern etwas falsch zu machen, müsse keiner haben, so die beiden. "Mit Räuchermischungen tun sich Anfänger oft leichter als mit reinen Kräutern oder Hölzern". Und auf dem Stövchen bleibe der Duft länger im Raum, als wenn der Räucherstoff auf einem Stück Kohle verglüht. Die wichtigste Regel aber: Erst den Rauchmelder ausschalten, bevor man mit einem qualmenden Bund durch die Wohnung läuft. Sonst sind einem die negativen Energien der Nachbarn gewiss.

© SZ
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