RätselDas große Osterrätsel ist gelöst

Lesezeit: 11 Min.

Wer geistert in der Antarktis übers Meer? Welches Tier heißt wie eine Computertaste? Was hat die Jungfrau Maria mit Koriander zu tun? Und welches Geheimnis barg das gesuchte Ei? Hier kommen alle Antworten.

Von Oliver Rezec

Es war ein besonderes Osterfest: Wegen der Ausgangsbeschränkungen hatten wir diesmal kein echtes Osterei in Wald und Flur versteckt - gesucht war vielmehr ein Ei aus der Mythologie. Um es zu finden, musste man sich unter anderem mit albanischen Münzen, Fußballtrikots, Kälbern und Kunstgeschichte befassen. Und mit Coco Chanels Abscheu vor Kniegelenken.

1. Der Unaufhaltsame im Eis

Wer irrlichtert so flink durch die Antarktis, dass er vor Ort kaum anzutreffen ist? Gesucht war der südliche MAGNETPOL der Erde. Denn das, wohin sich die Nadel eines Kompasses dreht, ist beileibe kein fester Punkt: Das Magnetfeld der Erde wabert nur ungefähr in Nord-Süd-Richtung. Erzeugt wird es im Wesentlichen durch das flüssige Eisen im Erdinneren (wie genau, das weiß man noch nicht), und ständig wird es von anderen Einflüssen zerknautscht: durch die Teilchenstrahlung von der Sonne, elektrische Ströme in der Erdatmosphäre und andere Effekte. So launenhaft das Magnetfeld flackert, so ziellos geistern auch seine beiden Pole umher - also jene Stellen, an denen die Magnetfeldlinien senkrecht aus dem Boden herausschießen, sich auffächern wie ein Gamsbart, einmal um die Erde herumführen und am gegenüberliegenden Magnetpol wieder senkrecht in den Boden eintreten.

Um Hunderte Kilometer am Tag kann sich dieser Pol verschieben, darum gibt man für seine Position meist nur einen Mittelwert an, genauer gesagt: Man errechnet ihn aus Messungen des Erdmagnetfelds an rund zweihundert Messstellen weltweit und per Satellit. Und selbst der so ermittelte durchschnittliche Magnetpol wandert mit den Jahren - der südliche so wie auf der Landkarte im Rätsel gezeigt. Der nördliche, weitgehend unabhängig davon, sogar noch etwas schneller.

2. Die angekreuzten Felder

Lauter Kästchen, die darauf warten, angekreuzt zu werden, und zwar auf einem Dokument, das "die große Mehrheit der Bundesbürger" schon in Händen gehalten haben dürfte. Die Rede war nicht etwa von einem Lottoschein - sondern von einem Krankenkassenrezept.

Einige Kästchen darauf erklären sich von selbst, etwa "Gebühr frei" oder "Unfall". Andere nicht, zum Beispiel das im Rätsel gesuchte Feld "S...", in dem eine Kölner Streifenpolizistin ein Kreuzchen vorfinden könnte. Das hat mit dem Beamtenrecht zu tun: Üblicherweise gewährt der Staat seinen Bediensteten die "Beihilfe", einen Zuschuss zur privaten Krankenversicherung. Beamte mit besonders gefährlichen Aufgaben (also Feuerwehrleute, Polizei- oder Justizvollzugsbeamte) genießen in einigen Bundesländern (darunter Nordrhein-Westfalen) einen besonderen Schutz, die "freie Heilfürsorge": Die Unkosten dieser Patienten übernimmt der Staat, sie benötigen also weder gesetzliche noch private Krankenversicherung, weshalb auf ihren Rezepten "SONSTIGE" angekreuzt wird.

Im Kästchen gleich darüber steht das Wort "noctu", lateinisch für "nachts": Um diese Zeit kostet das Einlösen eines Rezepts eigentlich 2,50 Euro extra - aber nur, "sofern der Arzt nicht einen entsprechenden Vermerk (noctu) anbringt". So steht es auf der Rückseite jedes Kassenrezepts. Das gilt allgemein für die Zeiten des Notdienstes, also zwischen 20 Uhr abends und 6 Uhr morgens, außerdem sonn- und feiertags sowie, laut Arzneimittelpreisverordnung: "am 24. Dezember, wenn dieser Tag auf einen Werktag fällt, bis 6 Uhr und ab 14 Uhr".

Das Kreuzchen bei "noctu" selber zu setzen, um 2,50 zu sparen, ist allerdings nicht ratsam: Juristisch gilt ein Rezept als Urkunde - wer es verändert, begeht Urkundenfälschung.

3. Die drei kurzen Wörter

(Foto: imago)

Vor vier Jahren wurde Donald Trump mit 63 Millionen Stimmen zum Präsidenten gewählt. Das waren zwar 46,1 Prozent der abgegebenen Stimmen - aber wenn man es mit der Einwohnerzahl der USA von damals 323 Millionen vergleicht, sind es bemerkenswert wenige: Grob drei Viertel der Bevölkerung sind im wahlfähigen Alter, doch Abermillionen von ihnen können nicht wählen, sei es mangels Registrierung als Wähler, wegen einer Gefängnisstrafe oder aus anderen Gründen. Von den Stimmberechtigten wiederum verzichteten etliche. Und von den 137 Millionen Wählerinnen und Wählern stimmte bekanntlich die Mehrheit für Hillary Clinton (worauf es im Wahlsystem der USA aber nur bedingt ankommt). Gewählt wurde Donald Trump also letztlich von gerade mal "19,5 Prozent der Bevölkerung", wie es im Rätsel hieß.

Als Zweites war ein Knochen gesucht, den nicht alle Menschen besitzen: die Fabella in der Kniekehle. Es handelt sich um ein Sesambein, ein kleines, rundes Knöchelchen, das wie eine Umlenkrolle in einer Sehne wirkt, um die Zugkraft des Muskels besser zu nutzen. Der Hinweis, dass "angeblich" immer mehr Menschen eine Fabella besitzen, bezog sich auf Meldungen aus dem Jahr 2019: Eine Forschergruppe hatte Studien aus den letzten 150 Jahren verglichen und gefunden, dass im Verlauf dieser Zeit immer häufiger von Fabellae berichtet wurde - also müsse deren Häufigkeit wohl zugenommen haben. Dass es einfach an der unterschiedlichen Genauigkeit alter und neuer Studien liegen könnte, erwähnten die Autoren nur ganz nebenbei.

Und was Coco Chanel angeht: Die befand, "nicht eine von hundert Frauen" habe schöne Knie, solche Gelenke herzuzeigen, sei "schrecklich". Einen Minirock zu tragen, das sei, als laufe man mit den Ellenbogen voran, murrte Chanel 1969 bei einem Fernsehinterview und streckte missmutig ihre Ellenbogen zur Kamera.

Das dritte gesuchte Wort lautete Enter: So wird nicht nur eine Taste am Computer bezeichnet, sondern auch - im Norden des deutschen Sprachraums - ein einjähriges Fohlen oder Kalb. Adelungs Wörterbuch von 1796 weiß zu berichten, dass "Enter" eine zusammengeschnurrte Form des angelsächsischen "Anwinter" sei, was "Einwinter" bedeute. Mit dem zweiten Geburtstag werde das Tier zum Twenter.

Entnahm man aus "Trump", "Fabella" und "Enter" die vorgegebenen Buchstaben, so ließ sich daraus FEBRUAR bilden, der einzige Monat mit nur 28 Tagen - "etwas relativ Kurzes", wie es das Rätsel angedeutet hatte.

4. Der merkwürdige Netzplan

(Foto: Mauritius images)

Sechzehn Punkte, scheinbar willkürlich angeordnet und durch Linien verbunden: Diese Rätselgrafik mutete an wie ein U-Bahn-Plan. Wenn man allerdings auf den Gedanken kam, dass sechzehn Punkte ja der Anzahl der deutschen Bundesländer entsprechen, dann konnte man erahnen, warum manche Punkte eher abseits lagen, andere dicht beieinander: Letzteres tun Mainz und Wiesbaden auch. Die rätselhafte Grafik war eine stark abstrahierte Deutschlandkarte.

Lagerichtig verzeichnet waren (lediglich mit kleinen Verschiebungen, um waagrechte und senkrechte Linien zu ermöglichen) die Hauptstädte der sechzehn Bundesländer. Die Verbindungslinien stellten Nachbarschaften dar: Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel grenzt an Schleswig-Holstein, Brandenburg und Niedersachsen, also an drei andere Bundesländer. Darum war die Landeshauptstadt Schwerin mit einer "3" bezeichnet, und je eine Verbindungslinie führte nach Kiel, Potsdam und Hannover.

Die rot markierte "1" stand somit für BERLIN, das nur an Brandenburg grenzt, es ist ja vollständig davon umschlossen.

5. Die Zeitung ohne Namen

Wie soll man denn eine Zeitung identifizieren, wenn ihr Titel und alle Ortsnamen auf der Titelseite unkenntlich gemacht sind? Die Indizienkette begann mit der Sportmeldung: "In der Fußballbundesliga-Partie Bayern München gegen Dortmund schoss Arjen Robben (Bild) die Gastgeber zum Sieg." Das Foto zeigte Robben im rot-blau gestreiften Trikot: Ein solches trugen die Spieler des FC Bayern nur in der Saison 2014/2015. Jede Mannschaft in der Bundesliga empfängt jede andere nur einmal pro Saison im eigenen Stadion, darum ließ sich das Foto genau datieren: Das Spiel fand am 1. November 2014 statt, kurz darauf dürfte also diese Zeitungsausgabe erschienen sein.

Stutzig machte allerdings ein Blick auf die Wettervorhersage: Sie kündigte Temperaturen zwischen 12 und 33 Grad an. Im November? So eine Vorhersage konnte kaum für Deutschland gelten. Wo gibt es solche Temperaturen und zugleich so viele deutschsprachige Leser, dass sich der Druck und Vertrieb einer Tageszeitung rentieren? Auf der Südhalbkugel der Erde ist im November Frühling, dort kämen als ehemalige Ziele deutscher Auswanderer etwa Brasilien oder Paraguay infrage.

Oder Namibia, das bis 1915 als "Deutsch-Südwestafrika" eine Kolonie des Deutschen Reichs war. Noch heute ist das Deutsche dort die Muttersprache von 15 000 bis 20 000 Menschen, teils Nachfahren der Kolonialherren, teils späterer Zuwanderer. Im Jahr 1916 erschien dort erstmals Der Kriegsbote, der im Laufe der Zeit mehrmals seinen Namen änderte, ab 1936 etwa hieß er: Allgemeine Zeitung für die Interessen des Deutschtums in Süd-West-Afrika. Auch in späteren Jahrzehnten kam er als Objekt politischer Interessen ins Gerede. Heute ist die Allgemeine Zeitung die wohl einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas - und wer auf ihrer Website das E-Paper fand, erkannte das Design der im Rätsel gesuchten Titelseite wieder.

Herausgeber und Druckerei haben ihren Sitz in der Hauptstadt WINDHOEK. Sie wird im Deutschen auch Windhuk geschrieben, doch in die Lösungskästchen passte nur die landessprachliche Schreibung, wie sie auch die Allgemeine Zeitung verwendet.

6. Das raffinierte Schmuckstück

Die fein ziselierte Messingscheibe, gefertigt um 1713 in der Türkei, hätte auch als kunstvoller Halsschmuck dienen können, doch ihr Zweck war ein anderer: Die Scheibe diente als Bauteil eines raffinierten Mess- und Recheninstruments namens Astrolabium. Damit kann man unter anderem die aktuelle Uhrzeit aus dem Sonnenstand ermitteln, vom Boden aus die Höhe eines Gebäudes berechnen, zur Navigation die eigene geografische Breite bestimmen - oder die Position bestimmter Sterne, wie auf einer Art drehbarer Sternkarte. Hierzu dienten die geschwungenen Dornen auf der Scheibe (was auch der Grund für die asymmetrische Anordnung war: Sie folgte der regellosen Verteilung heller Sterne am Himmel).

So verbreitet das Astrolabium im Mittelalter war, so ungewöhnlich war es, sein Kind danach zu benennen, schließlich ist Astralabius kein christlicher Name. Doch so hieß der um 1118 geborene Sohn des französischen Philosophen und Theologen Peter Abälard. Dessen wohl einflussreichstes Werk "Sic et non" war im Rätsel beschrieben: Zu mehr als hundert Detailfragen (etwa ob Gott körperlos sei, ob die jenseitigen Strafen für ungetauft gestorbene Säuglinge milder seien als für andere Verdammte, und so weiter) stellte er Einlassungen von Kirchenvätern und Konzilen zusammen. Damalige Leser erwarteten, dass solche Fragen kraft der kirchlichen Autoritäten beantwortet würden. Doch Abälard stellte gezielt widersprüchliche Aussagen gegeneinander, ohne die eine oder andere Seite zu befürworten. Stattdessen leitete er die Leser im Vorwort an, mit welchen Methoden man selbst zu einem Urteil komme - aus Sicht vieler Zeitgenossen ein skandalöses Vorgehen.

Der Titel "Sic et non" wird üblicherweise mit "Ja und nein" übersetzt. Im Rätsel gesucht war "ein einzelnes, eher umgangssprachliches Wort, das ebendiese drei deutschen Wörter zusammenfasst" - also JEIN.

7. Der Fünfte im Quartett

Vier Bilder, eine Gemeinsamkeit. Auf dem ersten war eine mittelalterliche Holzskulptur zu sehen: Zwei Frauenfiguren, davon eine im Schleier und mit einem Buch auf dem Schoß, eine typische Darstellung der heiligen Anna, der Mutter Mariä. Diese saß neben ihr und blickte lächelnd auf ihre fehlende Hand. Man konnte sich denken, was sie einst hielt: das ebenfalls verloren gegangene Jesuskind. Solch eine Dreiergruppe aus Anna, Maria und Jesus war früher ein so häufiges Motiv, dass die Kunstwissenschaft eine eigene Bezeichnung dafür hat: "Anna selbdritt", wobei Letzteres ein kaum mehr gebräuchliches Wort für "zu dritt" ist. Selten ist auch noch Emerentia dabei, Annas Mutter, also die Urgroßmutter Jesu: Dann spricht man von einer "Emerentia selbviert"-Darstellung. Im vorliegenden Fall jedoch waren Anna und Maria ausnahmsweise zu zweit. Das Wort hierfür lautet nicht (oder nur ausgesprochen selten) "selbzweit": Üblicher ist "selbander". Bei Thomas Mann oder Robert Musil kann man dieses Wort noch lesen, auch in manchem Dialekt hat es überlebt.

Die zweite Abbildung war eine Landkarte ohne Beschriftung, nur bei einer Insel stand etwas gekritzelt: "Hier wendet sich der Gast mit Grausen", ein geflügeltes Wort aus Schillers Ballade "Der Ring des Polykrates". In der Antike herrschte Polykrates als Tyrann auf der griechischen Insel Samos. Sie war auf der Karte nur angeschnitten, aber das genügte, um den Kartenausschnitt zu verorten, nämlich an der türkischen Ägäisküste, und den Fluss zu identifizieren, der sich durch die Kartenmitte schlängelte: Es war der Große Mäander, der weithin bekannt war für seinen stark gewundenen Verlauf, woraus sogar ein Verb entstand - mäandern oder mäandrieren.

Selbander, Mäander, schon zeichnet sich die versteckte Gemeinsamkeit des Quartetts ab: Die anderen Bilder zeigten blühenden Koriander, dessen Blüten ein weniger vertrauter Anblick sind als seine Blätter, und einen alten Kalander. So nennt man eine Apparatur mit zwei oder mehr Walzen, die beispielsweise Metall zu Folien pressen oder die Oberfläche von Textilien oder Papier glätten, bis sie glänzt.

Da alle Motive auf "...ander" endeten, hätte auch ein Salamander dazugepasst - oder ein ZANDER. Diese Fischart gehört zur Gattung der Sander, wird mitunter aber auch selbst so genannt. Beide Varianten galten daher als richtige Antwort. Für die Suche nach dem Ei machte das ohnehin keinen Unterschied.

... und der Weg zum gesuchten Ei

Drei Hinweise galt es noch zu deuten, mit allerhand kryptischen Symbolen, die sich bei den Antwortkästchen der sieben Rätselfragen wiederfanden: Wer alle sieben Antworten herausbekommen hatte, konnte nun die Geheimschrift entschlüsseln.

Der linke der drei Hinweise zeigte einen Kreis um drei Schriftzeichen, die entschlüsselt "LEK" lauteten. Damit gab sich der Kreis als Münze zu erkennen: Der Lek ist die Währung Albaniens. Gemeint war die kleinste albanische Münze, 1 Lek, denn auf allen größeren Münzen steht der Plural, welcher Lekë lautet. In der Skizze deutete eine Hand auf die Rückseite, wo jahrzehntelang der Doppeladler des albanischen Staatswappens geprangt hatte. Seit 1996 sitzt dort ein Pelikan. Weitere Schriftzeichen und eine zweite Hand deuteten an, dass nun die Buchstaben "AN" in ein "E" umzuwandeln seien: Aus "Pelikan" wurde "Pelike"- die Bezeichnung für eine Art antiker griechischer Amphore. Sie war die erste Spur zum gesuchten Ei.

Der zweite Hinweis begann mit den Worten: "Von Deutschlands drittgrößter Stadt", es folgten Geheimschriftzeichen und die Maßangabe "km". Hier kam die skalenartige Tabelle ins Spiel, die bei der Spielanleitung abgedruckt war. Sie zeigte diverse Zahlenwerte und Himmelsrichtungskürzel: N, NO, O, SO ... Es war kein Zufall, dass diese Tabelle genau 26 Spalten aufwies, und dass die Buchstaben N, O, S und W jeweils an der alphabetisch richtigen Stelle saßen: Es war die stumme Anleitung, hier das ganze Alphabet einzutragen, um eine Codetabelle zu erhalten, die jedem Buchstaben einen Zahlenwert und eine Himmelsrichtung zuordnete. So stand beispielsweise das H aus der Rätselantwort "Windhoek" für die Zahl 4 oder für Osten - was von beidem galt, ließ sich aus dem Kontext erschließen. "Von Deutschlands drittgrößter Stadt" verwies die Geheimschrift somit "40 · 5 km N", also 200 Kilometer nach Norden, und "3⁴ km W", das ergibt 81 Kilometer nach Westen.

Deutschlands drittgrößte Stadt nach Berlin und Hamburg dürfte wohl München sein. Wenn man von hier aus der Wegweisung folgte, gelangte man genau nach ... hm. Irgendwo ins Dreieck Würzburg - Bamberg - Schweinfurt, jedenfalls zu keinem offensichtlichen Ziel. Dieser Startpunkt war nämlich der falsche: München ist nicht Deutschlands drittgrößte Stadt, auch wenn man es umgangssprachlich so sagt. Es ist die drittbevölkerungsreichste. Die Rangliste der flächenmäßig größten Städte sieht deutlich anders aus: Zwar führen auch hier Berlin und Hamburg, doch auf Platz 3 folgt Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Etwa 22 000 Einwohner leben hier auf einer Fläche doppelt so groß wie München, was daran liegt, dass Dutzende verstreute Ortschaften offiziell als Ortsteile zu Gardelegen gehören. Vom hiesigen Stadtzentrum aus führte die Wegweisung doch noch zu einem eindeutigen Ziel: nach Kiel.

Der rechte Hinweis schließlich begann mit einem Schriftzeichen, das sich als "B..." entschlüsseln ließ. Daneben zwei Bildchen: oben ein kleines Raster, in dem dreimal der Buchstabe "J" stand, nämlich im ersten, sechsten und siebten von zwölf Feldern - offenbar ein Kalender. Einer der Monate darin war markiert: der Mai. Darunter sah man die charakteristischen Umrisse der Christusstatue in Rio de Janeiro. Sie wird "Cristo Redentor" genannt, portugiesisch für "Christus, der Erlöser".

Beide Motive waren beschriftet: der Mai mit den Geheimzeichen für "EG", der Erlöser mit "GL". Dazwischen sah man das mathematische Symbol für "entspricht". Die beiden Buchstabenpaare entsprechen einander tatsächlich: Es sind die Kürzel für das "Evangelische Gesangbuch" und sein katholisches Pendant, das "Gotteslob". Dass darin vom "Erlöser" die Rede sein dürfte, ist zu erwarten: Gleich mehrere Gesänge im Gotteslob führen dieses Wort im Titel. Aber findet sich im Evangelischen Gesangbuch auch ein Mailied? Im Verzeichnis scheinen sogar zwei zu stehen: "Wie lieblich ist der Maien" und "Schmückt das Fest mit Maien". Das letztere ist allerdings ein Pfingstlied: Die Maie oder der Maien ist ein altes Wort für Birkenzweige, als Pfingstschmuck für Kirchen und Häuser. Den Monat Mai hingegen besingt nur das erstgenannte Lied: "Wie lieblich ist der Maien". Im Evangelischen Gesangbuch trägt es die Liednummer 501 - im Gotteslob findet man unter dieser Nummer den Kehrvers "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt". Das ganze Ensemble Mai-entspricht-Erlöser war also ein verwickelter Hinweis auf die Zahl 501. Zusammen mit dem anfänglichen "B..." ergab es "B 501". Und bald würde sich zeigen, worum es sich dabei handelt: eine Inventarnummer.

Denn wer in Kiel nach einer Pelike sucht, tut dies am besten in der Antikensammlung der dortigen Universität, deren Exponate in der Kunsthalle zu Kiel zu besichtigen sind. Darunter auch jenes mit der Inventarnummer B 501: eine Pelike, ein Tongefäß aus dem vierten Jahrhundert vor Christus, etwas mehr als dreißig Zentimeter hoch und bemalt mit einer Szene aus der griechischen Mythologie. Leda, die von Zeus in Gestalt eines Schwans verführt wurde, sieht nun ihre gemeinsame Tochter aus dem Ei schlüpfen: HELENA, die schönste aller Frauen, die Auslöserin des Trojanischen Krieges - und das Lösungswort unseres Osterrätsels.

Auf dieser Pelike, einem antiken Gefäß in der Kunsthalle zu Kiel, war des Rätsels Lösung zu finden: Die noch etwas zerknautscht dreinblickende Helena, die schönste Frau der griechischen Sagenwelt, schlüpfte aus ihrem Ei.
Auf dieser Pelike, einem antiken Gefäß in der Kunsthalle zu Kiel, war des Rätsels Lösung zu finden: Die noch etwas zerknautscht dreinblickende Helena, die schönste Frau der griechischen Sagenwelt, schlüpfte aus ihrem Ei. (Foto: Antikensammlung Kiel)

Sind noch Fragen offen? Was hat Ihnen gefallen, was sollen wir nächstes Mal verbessern? Wir freuen uns auf Ihre Mail an osterei@sueddeutsche.de.

© SZ vom 25.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: