Süddeutsche Zeitung

Radverkehr:"Look like Shit"? Von wegen!

Sind Fahrradhelme wirklich hässlich? Überhaupt nicht: Es gibt längst formschöne Modelle.

Was will eine halb nackte junge Frau mit einem Fahrradhelm im Bett? Safer mit den Beinen strampeln? Viele junge Fahrradfahrer würden aus "ästhetischen Gründen" auf einen Helm verzichten. Bekanntlich will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer dies mithilfe von Dessous-Models ändern. Die Kampagne des Bundesverkehrsministeriums, seit vergangener Woche auf Plakaten und in einem zweiminütigen Videoclip zu sehen, sollte eigentlich für Helme werben. "Looks like shit. But saves my life" steht auf den Plakaten, sieht scheiße aus, aber rettet mein Leben.

Sexistisch, altbacken, peinlich: Das sind die harmlosesten Kommentare zu der Aktion. Anstatt sicherheitstechnisch für Aufrüstung zu sorgen, verursacht die PR-Maßnahme vor allem Entrüstung. Nicht nur der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) findet Scheuers Helm-Werbung total bescheuert. Hätte man das Steuergeld, das dafür ausgegeben wurde, nicht besser in den Radwegebau investiert oder in Abbiege-Assistenten für Lkw? Doch der Verkehrsminister zeigt sich unbeeindruckt und münzt die Kritik in etwas Positives um: "Mit dieser Kampagne haben wir auf jeden Fall Aufmerksamkeit geschaffen."

So zweifelhaft wie die Abwehrreaktion des Ministers ist die Kernaussage der Kampagne, denn Fahrradhelme können ziemlich cool aussehen. Der traditionsreiche amerikanische Hut-Hersteller Stetson etwa hat einen Kopfschutz mit Retro-Charme entwickelt, der eher aussieht wie ein Hut. Die Oberseite des Stetson Dayton besteht aus Leinen und Seide, weiche Lederpolster sorgen für Komfort. Unter dem jeansblauen Stoff versteckt sich eine stabile Polystyrol-Schale, die nach DIN-Norm EN 1078 geprüft ist, der Hut ist also weit mehr als ein Modeaccessoire - schließlich wurde er in Partnerschaft mit der Deutschen Verkehrswacht hergestellt.

Ein Fahrradhelm, in dem der Pferdeschwanz Platz hat? Kein Problem mehr

Die meisten Rennradler setzen ihren Plastikdeckel mittlerweile so selbstverständlich auf, wie Autofahrer den Gurt schließen. Bei den sportlichen Modellen steht oft die Funktionalität im Vordergrund und nicht die Coolness - es gibt aber auch Ausnahmen wie den Giro Aspect, der geradliniges Design und sportliche Spezifikationen vereint, er verfügt über 19 Belüftungsöffnungen und sieht trotzdem nicht aus wie "Shit". In einem Fullface-Helm, wie ihn Downhill-Mountainbiker tragen, wirkt man dagegen vielleicht wirklich ein bisschen wie Darth Vader, besonders wenn man außer Puste ist und unter dem Kinnschutz keucht.

Im Alltag sind solche Spezialhelme vielen Radlern zu speziell. Und Frauen stört oft, dass Helme ihre Frisuren kaputt machen. Das Hamburger Start-up Radkappe hat deshalb einen frisurfreundlichen Helm entwickelt. Gründerin Janna Horstmann war es leid, entweder sicher oder stylish durch die Großstadt zu radeln. Der minimalistische Radkappen-Helm erinnert an eine Reitkappe, er ist in matten Farben wie "ginger mint" oder "dark berry" erhältlich. Durch eine Aussparung am Hinterkopf haben Dutt oder Pferdeschwanz Platz. Frisurtechnisch setzt die dänische Agentur DDB noch eins drauf: Sie hat einen Helm entwickelt, der der Haarpracht einer Legofigur nachempfunden ist. Das dänische "Innovationshuset" MOEF hat bereits einen Prototyp entwickelt.

Der Uvex Finale Visor erinnert dagegen an einen Skihelm, er hat ein integriertes Visier und ist für Brillenträger interessant, die auch bei schlechtem Wetter radeln. Pluspunkt: Die Augen tränen nicht durch den Fahrtwind, verschmierte Mascara ist damit passé. Wer es irgendwie stillos findet, mit einem Helm unter dem Arm ins Büro oder in eine Bar zu gehen, kann zum Closca Fuga greifen, einen faltbaren Helm, der vom spanischen Designstudio Closca entworfen wurde. Im zusammengeklappten Zustand erinnert das Ding an einen überdimensionalen Hundenapf, auf dem Kopf sieht es aber recht annehmbar aus.

Digitalisierte Modelle haben sogar ein automatisches Notrufsystem, falls man stürzt

Die neuen Entwicklungen auf dem Helmsektor könnte man, um in der Scheuer-Sprache zu bleiben, sogar als sexy und smart bezeichnen. Digitalisierte Fahrradhelme wie der Livall BH60 oder der Lumos sind mit dem Smartphone oder der Smartwatch des Radlers vernetzt, sie verfügen über integrierte LED-Leuchten und -Blinker. Beim Lumos geht beim Abbiegezeichen mit dem Arm sogar automatisch der Blinker an, wenn man eine Apple Watch trägt. Beim Livall gibt es dafür eine Fernbedienung, die man am Lenker montiert. Im Helm sind Lautsprecher und Mikrofone eingebaut, über die man telefonieren oder Musik hören kann - oder sich Navigationshinweise vom Handy geben lässt. Für zusätzliche Sicherheit sorgt ein Notrufsystem, das bei einem Sturz selbsttätig Hilfe ruft. Das kann Leben retten - und sieht gar nicht so scheiße aus.

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SZ vom 30.03.2019
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