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Modephänomen:Irgendwas dazwischen

Harry Styles Performs For SiriusXM and Pandora in New York City

Sänger Harry Styles hat auch diesen Trend befeuert - aber welchen eigentlich nicht?

(Foto: Kevin Mazur/Getty Images for SiriusXM)

Kein Wunder, dass der Pullunder gerade jetzt in die Mode zurückkehrt: Er ist das perfekte Kleidungsstück zur Pandemie-Erschöpfung.

Von Silke Wichert

Alles ist gerade so mittel. Die eigene Laune mittelschlecht, die Aussichten für den Sommer mittelgut, das Arbeiten von zu Hause eher mittelmäßig. Eigentlich war die ganze Pandemie über weite Strecken irgendwas dazwischen. Vielen ging es nie richtig schlecht, aber eben auch nie richtig gut. "Languishing" nennt der amerikanische Soziologie und Psychologe Corey Keyes dieses Gefühl der dahinplätschernden Egalheit und seltsamen Abwesenheit von Wohlbefinden. Die New York Times erklärte das Phänomen bereits zur dominierenden Emotion 2021. Mehr muss man eigentlich gar nicht sagen. Weiß ja jeder längst, was gemeint ist.

Was das alles mit der Mode zu tun hat? Mittelviel! Denn in den vergangenen Monaten kehrte ein Kleidungsstück zurück, das perfekt zu diesem "Dazwischen-Gefühl" passt, weil es auch nichts Halbes und nichts Ganzes ist: der Pullunder. Ein Pullover, aber ohne Arme. Eine Weste, aber ohne Knöpfe. Ein modischer Zwitter, der nebenbei auch nur mittelwarm hält und bislang überschaubar beliebt war.

Denn früher wurde der adrette Torsowärmer vor allem von Opas, also älteren Männern wie Hans-Dietrich Genscher und Ludwig Stiegler getragen. Seitdem haftet ihm das Label "Grandpa-Chic" an. Überhaupt gehörte der Pullunder ursprünglich in die Männergarderobe. Ein Football-Team aus Michigan gehörte 1907 wohl zu den ersten, die auf "ohne Ärmel" machten - die "Sweater Vest" war geboren. Wahrscheinlich blieb sie deshalb auch lange im Sport verankert. Unvergessen Boris Becker im Pullunder, den er nicht etwa nur auf der Bank zum Halb-was-Drüberziehen trug. Becker spielte darin auch ernsthaft Tennis. Ein Layering, das im modernen Sport nicht wirklich überlebt hat.

Lady Di war das Pullunder-Pin-up schlechthin

Diesen Frühling tauchte das Kleidungsstück jedenfalls an ganz anderen Stellen beziehungsweise Oberkörpern auf. Kardashian-Spross und Model Kendall Jenner war in einem bunten Streifenmodell mit weißer Bluse in New York unterwegs, Daisy Edgar-Jones aus der Serie "Normal People" wählte einen blauen Patchwork-Pullunder für einen Spendenaufruf. Vor allem aber Harry Styles hat diesen Trend (welchen eigentlich nicht?) maßgeblich befeuert. Der Sänger trug einen Pullunder mit vielen Schäfchen, einen mit vielen Streifen und einen gelben mit vielen Punkten. Was alle gemein hatten, war der Schnitt: eher figurbetont und "cropped", also so kurz, dass sie bauchfrei wären - wenn darunter nicht ein Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln über den tätowierten Unterarmen wäre. So kombiniert kam das Teil plötzlich weder zu spießig noch zu gewollt modisch daher, sondern: irgendwas dazwischen.

Einer der Gründe, warum dieses Kleidungsstück gerade jetzt wieder da ist: Das aktuelle Revival der Neunzigerjahre plündert so ziemlich alles aus dieser Dekade, und Pullunder waren damals eben auch mal wieder in Mode, wenn auch eher in der College-Chic-Version. Anschaulich zu beobachten im Teenager-Streifen "Clueless", in dem Alicia Silverstone ständig welche anhat. Und dann gab es da ja noch diese Prinzessin, die in ihrer präroyalen Zeit als Kindergärtnerin gern eine Extraschicht Unschuld überwarf und deren Stil durch den Erfolg der Serie "The Crown" gerade wieder überall ist. Lady Di war ein Pullunder-Pin-up par excellence.

Das Wort Pullunder existiert im Englischen genauso wenig wie Handy

Wie aber ist dieses Wort Pullunder eigentlich zu verstehen? Statt pull-over (englisch für drüberziehen) also pull-under (englisch für drunterziehen) - obwohl er doch vornehmlich über Blusen und Hemden getragen wird? Offensichtlich bezieht sich das "drunter" eher darauf, dass Männer früher Pullunder anstelle von Pullovern unter den Jacketts trugen. Wirklich Sinn ergibt die Bezeichnung aber sowieso nicht, weil im Englischen kein Mensch von "pullunders" spricht. Das Wort ist genauso ein Scheinanglizismus wie Handy oder Public Viewing. Richtig wäre Sweater Vest oder Knit Vest.

Kurz und kastig: Pullunder aus der Frühjahr-Sommer-Kollektion von Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton.

(Foto: Louis Vuitton)

Aber egal wie dieses Kleidungsstück genannt wird, man erkennt es ja, wenn es einem in die Quere kommt, und auf dem Laufsteg steht im Zweifelsfall "Louis Vuitton" auf dem Etikett. Der Designer Nicolas Ghesquière gestand im Interview einmal, er liebe "Zwitter jeglicher Art", ein Faible für Pullunder scheint er in jedem Fall zu haben. Schon in seiner allerersten Kollektion für Louis Vuitton 2014 war ein Modell enthalten, in schöner Regelmäßigkeit tauchen sie bei ihm auf, mal oben brav zur Weste, dafür unten zu Lacklederleggins kombiniert, oder, wie diesen Frühling-Sommer, mit breiter Schulterpartie und kastigem Schnitt zur Bundfaltenhose mit breitem Gürtel. Irgendein mittelgroßer Bruch sollte schon dabei sein, damit es nicht zu adrett wird unter dem Strickwestchen. Statt normaler weißer Blusen werden deshalb jetzt eher Blusen mit großen Krägen dazu getragen, oder noch besser, weil lässiger: T-Shirts.

Die Schnitte variieren von eng und kurz bis extra weit, von einfarbig in grellen Tönen bis klassischer Raute und Streifen. Allein Zara hat gerade ein Dutzend verschiedene Modelle im Angebot, auch bei Arket, Mango oder dem Hamburger Stricklabel Ilona von Preuschen gibt es nichts Halbes und nichts Ganzes. Gebrauchen kann man sie gerade allemal: Schadet ja nicht, bei der erzwungenen Freiluftsaison und den noch eher kühlen Abenden wenigstens über die Nieren eine Schicht zu ziehen.

Und wer im Sommer dann mal so richtig radikal sein will, zieht gar nichts mehr drunter, sondern trägt den Pullunder wie ein Top auf nackter Haut, vielleicht sogar bauchfrei. Das hat dann zwar weder mit "pull" noch mit "under" etwas zu tun, aber um es mit unserer aktuellen Gleichgültigkeit zu sagen: Na und?

© SZ
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