Prêt-à-porter-Schauen in Paris Von den Qualen der Modegötter

Wer bin ich? Oder besser: Wer muss ich sein, damit Kritiker, Kunden und Arbeitgeber mich lieben? Bei den Pariser Schauen sind die Designer namhafter Modehäuser auf der Suche nach sich selbst. Existenzielle Fragen beantwortet mancher mit einem Blick in die Vergangenheit - das mag an den Kassen funktionieren, doch den präsentierten Entwürfen fehlt es an Augenzwinkern und Lebensleichtigkeit.

Von Tanja Rest, Paris

Überall dort, wo sich auf dieser Pariser Modewoche die Kreativität eines Designers mit dem Crescendo des Umsatzes verbindet, entsteht eine schön schillernde Blase. Wir reden von Laufstegen an den erlesensten Orten der Stadt, in goldenen Ballsälen und ehrwürdigen Museen, unter der Glaskuppel des Grand Palais oder im Souterrain des Trocadéro - hinter deckenhohen Fenstern ist der Eiffelturm so nah, man möchte ihn umarmen.

Das Defilee von Marco Zanini für Rochas wurde vom Publikum zwar freundlich aufgenommen. Doch beim Hinausgehen fragte sich mancher Beobachter: Wer ist diese Rochas-Frau eigentlich?

(Foto: AFP)

Wir reden über mindestens vier herbei stöckelnde Vogue-Chefredakteurinnen nebst Entourage. Über namenlose Kuckt-mich-an-Mädchen mit Taschen von Céline und Absätzen von Chanel. Über sekundenschnell aufziehende Wolken von Bloggern und Fotografen, in deren Zentrum dann das amerikanische Socialite Olivia Palermo steckt oder das deutsche Prada-Model Antonia Wesseloh oder die Schauspielerin und Balenciaga-Muse Charlotte Gainsbourg, ein kleines sprödes Lächeln auf den Lippen. Das alles ist Paris.

Aber die Kunst ohne das Geld - die gibt es hier schon auch.

Ein abgefuckter Hinterhof im Quarier République. Darin grelles bis düsteres Jungvolk, ein paar Blogger, keine einzige Vogue-Chefin; überm engen Geviert der Wände hängt ein blasser Halbmond. "Garage", steht an der Einfahrt, eine Rampe führt hinauf zum Showroom, von der Decke rieseln rußige Schnipsel wie Papierasche herab. Und dann Rummms: Auftritt der Punkgirls. Irokesenhauben. Lederröhren. Schenkelhohe Stiefel, bodenlange Capes. Bikerjacken mit eckigen Schultern, kinnhohem Kragen und flatternden Fellärmeln wie die Flügel eines dunklen Engels. Es ist eine kompromisslose Kollektion, ganz in Schwarz und ganz kriegerisch.

Hinter den strahlenden Zahlen pocht die Hysterie

Der junge Brite, der sich hinterher verbeugt, heißt wie sein Label: Gareth Pugh. Er zeigt seit drei Jahren in Paris, doch in den Läden sucht man ihn vergeblich. Er hat Einzelteile an Kylie Minogue, Beyoncé und Lady Gaga verkauft, dem Vernehmen nach aber nicht genügend Geld, sein Atelier zu heizen. Et voilà. Auch das ist Paris.

Der Luxusindex ist noch einmal dick nach oben geschnurrt, na toll, was heißt das schon. Selbst die großen Designer entwerfen Taschen, Schuhe, Sonnenbrillen im Akkord, um sich ihre teure Schneiderkunst noch leisten zu können. Nach Zahlen mag das Geschäft mit der Hochglanzmode auch in Krisenzeiten strahlen - dahinter aber pocht die Hysterie.

Dass das Haus Jil Sander den Designer Raf Simons abserviert und die Unternehmensgründerin Jil Sander aus dem Exil zurückholt, passt in diese neue Zeit. Simons' Kollektionen wurden in Mailand gefeiert, aber an der Kasse funktionierten sie nicht besonders gut. Auffallend viele Häuser haben in den vergangenen zwölf Monaten ihre Vordenker gefeuert und sich neue Zugpferde geholt. Es läuft schnurgerade auf das Prinzip FC Bayern zu: Ein Kreativchef muss in seiner ersten Saison die Champions League erreichen, und wenn nicht - bye, bye, Baby.

Ein gutes Beispiel für die Erwartungen, denen die Designer heute ausgesetzt sind, ist Marco Zanini bei Rochas. Seit vier Jahren macht das traditionsreiche Couture-Haus wieder Prêt-à-porter. Bei seiner Schau im Grand Palais stellt Zanini die Models auf klobige Schuhe mit Blockabsatz, er hüllt sie in wehende Plisseeröcke, grobe Wollpullis und Hosenanzüge mit quadratischen Mustern in Juwelenfarben, die ein wenig an Prada erinnern. Das Defilee wird vom Publikum freundlich aufgenommen. Aber beim Hinausgehen murren einige, man habe noch immer nicht verstanden, wer die Rochas-Frau eigentlich sei.

Schluss mit Chi-chi

Das ist eine heikle Diagnose - Stefano Pilati, der für Yves Saint Laurent mal Nonnen und mal Spanierinnen über den Laufsteg schickte, hat sie gerade den Job gekostet. Nach seiner letzten Schau am Montag soll der Nachfolger benannt werden. Ob es am Ende wirklich Hedi Slimane wird oder ein anderer: Er tut gut daran, ins Firmenarchiv zu eilen und die Entwürfe des Meisters zu studieren.

Alber Elbaz hat das bei Lanvin getan. "Ich habe in die Vergangenheit geschaut und analysiert, was genau dieses Haus all die Jahre ausgemacht hat", hat er gerade dem Fachblatt Women's Wear Daily gesagt. "Es ist ein positiver Zugang, denn ich bin ja nicht hier, um dem Geschäft zu schaden." So ist es brav. Nach zehn Jahren sitzt Elbaz bei Lanvin wie ein Jockey im Sattel, er macht erwachsene Mode für erfolgreiche, coole Frauen und hat unter anderem das Kleid befreit. Sprich: Schluss mit Chi-chi.

Die Jubiläumskollektion ist eine Retrospektive seines Schaffens, mit einem kleinen Twist nach vorne. Es beginnt mit Kleidern in Signalfarben und den typischen Drapierungen, der Stoff liegt wie ein Wetsuit auf der Haut - die Lanvin-Frau ist ganz Schulter und Hüfte. Es folgen rasant kurvige Lederkleider, schwarze Cocktailkleider mit ausgestelltem Rock, und für später am Abend die Prunkkleider, über und über mit Ziersteinen und Kristallen bestickt. Zum Schluss fällt der Vorhang, und da steht der kleine, rundliche Alber selbst am Mikrophon und schmettert das Lied "Que sera". Kein Designer wird hier mehr geliebt.

Also, was wird sein? Identität, zurück zur Essenz! Die Kundin muss wissen, wofür genau die Marke steht, in die sie ein paar tausend Euro investieren soll. Idealerweise lässt sich die DNA eines Labels in ein, zwei Schlagworte packen.

Dries van Noten: Ethno-Mustermix. Balmain: Sexzess. Céline: Minimalismus. Maison Martin Margiela: Dekonstruktivismus - und es geht auch im Sinne des Wortes ein Riss durch diese Kollektion. Sie beginnt mit phantastisch androgynen Mänteln und Smokings und endet mit einbeinigen Hosenröcken, lose flappenden Stoffbahnen und offenen Säumen, aus denen die Fäden raushängen. Als hätte man selbst an der Nähmaschine gesessen, nur anders: Das macht dieses Label seit jeher erkennbar. Bei Chanel wiederum wird man am Dienstag wieder viele Variationen des guten alten Tweed-Kostüms sehen.

Augenzwinkern und Lebensleichtigkeit sind dünn gesät

Und bei Dior? Nach dem Rausschmiss von Galliano gilt der arme Bill Gaytten immer noch als Interimsregent, dabei zeigt er bereits seine zweite Kollektion. Und die hat (was nie verkehrt ist) auch gleich ihren Ruf weg: der neue New Look. Also, auch Gaytten war im Archiv und reformiert Christian Diors Sanduhr-Silhouette aus den Fünfzigern. Die Kleider kommen aber ganz zart und unangestrengt daher, in Schwarz, Grau und pudrigem Ballett-Rosé. Gürtel betonen die Taille, Röcke enden auf Höhe der Waden, sehr viele elegante Taschen sind dabei - diese Herbst-Winter-Phantasie ist modern im Sinne von klassisch und wird sich bei den liquiden Damen ab 40 fabelhaft verkaufen.

Halbzeit in Paris. Augenzwinkern und Lebensleichtigkeit sind bei dieser Modewoche bisher dünn gesät, also hier noch schnell drei Ausnahmen. Da war das Model, das bei Vivienne Westwood in einer fliederfarbenen Wolke aus Tüll mit 20-Zentimeter-Plateaus Fahrrad fuhr. Da war der deutsche Designer Lutz Huelle - "Lutz" heißt das Label -, der zu seiner eigenen Schau backstage abtanzte (Soundtrack: Morrissey). "Ich bin einfach so zufrieden mit meiner Kollektion", sprudelte er hinterher, "außerdem liebe ich diesen Song!" Und da war Manish Arora. Der indische Designer zeigte Open Air, in den Docks an der Seine. Drei Sprayer bearbeiteten die weiße Wand, vor der die Models neonbunte Schnickschnack-Kleider zeigten - applizierte Kussmünder mit Kippe! Als die Show endete, war auch das Graffito fertig, und man entzifferte: "Life is beautiful."

Aufgepasst, ihr gequälten Modegötter: Ist doch auch mal 'ne Einstellung.

Fashion Week Paris

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