Porträt Bin ich schön?

In ihrem Laden in Hamburg berät Serena Goldenbaum (rechts) Frauen in Sachen Make-Up.

(Foto: Michael Goldenbaum)

Serena Goldenbaum schminkt Models und Prominente - und ist damit selbst ein wenig berühmt geworden. Dann entdeckte sie: die normale Frau.

Von Katharina Riehl

Am ersten Wochenende im Mai war Serena Goldenbaum mal wieder im Fernsehen zu bestaunen, also nicht sie selbst, sondern ihre Arbeit, und auch ihr Name spielte im ZDF natürlich keine Rolle. Es war bei Carmen Nebels großer Jubiläumsshow aus der öffentlich-rechtlichen Schlagerhölle, gemeldet war ein "Aufgebot an nationalen und internationalen Stars", wo Andrea Berg sowieso niemals fehlen darf.

Serena Goldenbaum, 53, ist eine der erfolgreichsten Visagistinnen des Landes, sie schminkt und frisiert seit 30 Jahren Stars, mit Helene Fischer war sie auf Tour, Andrea Berg gehört zu ihren Kundinnen, ebenso Models wie Claudia Schiffer, Heidi Klum, Eva Padberg, Giselle Bündchen und TV-Sternchen wie Sylvie Meis. Zwei Stunden, sagt Goldenbaum, braucht sie, bis ihre berühmten Kundinnen fertig sind für ein Fotoshooting oder einen Auftritt vor großem Publikum.

Doch schöne Frauen noch schöner zu machen ist nicht mehr der einzige Beruf von Serena Goldenbaum. Das ist auch der Grund für diesen Besuch bei ihr im Hamburger Stadtteil Winterhude. "Make-Up & Stylebar" nennt sie ihren Laden, in dem zwar Fotos ihrer prominenten Kundinnen an den Wänden hängen, sie aber eine völlig andere Zielgruppe ansprechen will: die ganz normale Frau.

Was man an seinem Aussehen nicht akzeptieren kann, sagt sie, muss man ändern

Serena Goldenbaum empfängt bestens gelaunt im buntem Wallegewand, die langen blonden Haare sind offen, das Lachen laut, Fröhlichkeit gehört bei ihr zum Geschäft. Geld verdient sie hier nur in zweiter Linie mit Make-up und Haarschnitten, sondern vor allem mit einer frohen Botschaft, die man auch gleich nachlesen kann auf ihrem dicken pastellfarbenen Buch, das im Eingangsbereich auf dem Tisch liegt: "Beauty for you - Ich zeige Ihnen, wie schön Sie sind."

Auf dem großen, unübersichtlichen Coaching-Markt, wo man sich für jeden Lebensbereich von Job über Beziehung zu Fitness einen persönlichen Berater nehmen kann, hat Serena Goldenbaum eine Nische gefunden. Sie bietet Beauty Coachings an, was im praktischen Sinne mit dem richtigen Einsatz von Bürstchen und Farben zu tun hat, aber auch viel mit der inneren Haltung. Zum Zeitgeist passt das natürlich hervorragend, demzufolge ja alles eine Frage der Einstellung ist, an der man mal arbeiten könnte. 117 Euro nimmt sie für eine Stunde Make-up-Unterricht, ein komplettes Makeover kostet zwischen 700 und 1400 Euro, Online-Kurse zu "Beauty Secrets" aller Art sind für 59 Euro zu haben.

Serena Goldenbaum ist inzwischen selbst so etwas wie ein Promi, die Boulevardmedien feiern sie als "Geheimwaffe der Stars", außerdem ist sie die Tochter einer Hamburger Lokalberühmtheit. Ihr Vater Heinz-Diego Leers eröffnete vor 45 Jahren das Revue-Theater "Pulverfass", Travestiekünstler wie Olivia Jones traten dort auf. Zwischen all den schrillen Figuren, die das Leben im Körper des anderen Geschlechts zur Kunst erheben, lernte sie "den Schmerz kennen, sich in seinem Körper nicht wohlzufühlen". Mit 15 begann sie eine Friseurlehre, bevor sie mit 19 nach London ging und sich dort zur Make-up-Artistin ausbilden ließ. Sie zog zurück nach Hamburg, wo sie über ihren Chef im Friseursalon die ersten Aufträge für Modeshootings bekam. Sie verliebte sich in einen Fotografen und war 25 Jahre lang vor allem viel unterwegs, bis sie in einem Hinterhof den ersten kleinen Laden eröffnete.

Der reichte bald nicht mehr. "Alles, was wir mit Liebe betrachten, empfinden wir als schön. Sehen Sie sich mit liebenden Augen an, legen Sie den Fokus auf die schönen Dinge in Ihnen", schreibt Goldenbaum in ihrem Buch. Für Botschaften wie diese, gemeinsam mit handfesten Tipps zur Auswahl der Lippenfarbe und den Schnappschüssen von ihr mit Helene Fischer am Spiegel rennen sie Serena Goldenbaum in Hamburg die Bude ein. Frauen, sagt sie nicht ohne Stolz, reisen aus München und aus der Schweiz an, um sich von ihr beraten zu lassen.

Serena Goldenbaum ist natürlich nicht die einzige Anbieterin in Deutschland, es gibt jede Menge Schminkkurse und Beauty-Beratungen, doch die Kombination mit Coaching ist seltener. In München veranstaltet zum Beispiel die KR Model-Akademie Seminare zum Thema Beauty & Health, bei der von Darmsanierung über Hautpflege und Businesskleidung bis Smalltalk das bessere Ich in einem Ganztagesseminar für 190 Euro zu haben ist.

Man könnte darüber schmunzeln, wenn das Bedürfnis nach Veränderung und Selbstoptimierung bei vielen nicht so groß wäre. Für viele Männer wie Frauen ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen ein Lebensthema. Serena Goldenbaum sagt zum Beispiel, dass gefühlt 85 von hundert Frauen glauben, sie hätten ein rundes Gesicht und zu dünne Haare. Bei vielen, sagt sie, seien es Botschaften aus der Kindheit, die ihnen bis heute das Leben schwer machen. "Es ist fahrlässig, was gerade viele Eltern ihren Kindern über ihr Aussehen erzählen." Hohe Stirn, lange Nase, kurze Beine, kleine Augen, solche Dinge. Das bleibt oft ein ganzes Leben hängen.

Ihre Botschaft geht so: "Man muss sich erstens selbst akzeptieren, aber man kann zweitens auch sehr viel ändern." Wenn eine Frau schrecklich unglücklich sei mit einem verunglückten Haarschnitt, dann macht sie ihr halt Extensions. "Das Motto ist: Love it, leave it or change it." Während sie das alles erzählt, sprudelt eine ganze Liste an Erkenntnissen aus ihr heraus, die sie sich in 30 Jahren so angeeignet hat: Ausgeblichene Haare wirken, als würde man sich nicht genug um sich selber kümmern; gelb-blond macht älter; Apricot wirkt weniger billig als Rosa, Locken eher verspielt als seriös; Augenbrauen stehen für Durchsetzungskraft. Banal? Vielleicht. Aber welche Wirkungen das Aussehen etwa auf die Karriere haben kann, haben unzählige Studien bewiesen.

Einen Friseur und drei Make-up-Artisten beschäftigt Serena Goldenbaum in ihrem schicken Laden, in dem viele Apple-Produkte auf glänzenden weißen Möbeln drapiert wurden. Bräute lassen sich hier stylen, mache kommen nur zum Haareschneiden. Coachings aber macht sie meistens selber. "Besorgte Eltern schicken ihre Teenager-Töchter mit dem Hilferuf: Meine Tochter sieht aus wie eine Hure!", Karrierefrauen suchen das richtige Styling für ihre Meetings. Kürzlich war eine 60-jährige Notarin bei ihr, die sich noch nie in ihrem Leben geschminkt hat. "Viele Frauen", sagt Goldenbaum, "kommen, weil sie bestimmte Dinge in den Zeitschriften sehen, aber nicht verstehen, wie man das macht. Oder sie sagen: Orange ist doch modern! Ich sage dann: Ja, aber es muss dir auch stehen. Ich helfe den Frauen, aus dem wahnsinnigen medialen Input auszuwählen."

Serena Goldenbaum selbst übrigens ging während ihrer Friseurlehre regelmäßig in der Mittagspause zum Kleidershoppen, weil sie sich selbst im Spiegel nicht gefiel. Heute befolgt sie ihre Regeln und sieht sich selbst mit liebevolleren Augen.