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Männerspielzeug:Sehnsuchtswagen zum Selberbauen

Man sieht schon: Es ist das Einstiegsmodell in die Porsche-Welt.

(Foto: Lego)

Kult oder kindisch? Ein neuer Lego-Bausatz feiert den 911er und beschert dem ein oder anderen vielleicht ein neues Lockdown-Hobby.

Von Max Scharnigg

Wenn dieser endlose Pandemie-Winter eines ans Licht bringt, dann die Notwendigkeit von häuslichen Hobbys. Die waren in den Jahren zuvor ein wenig in Vergessenheit geraten, schon allein weil das Wort Freizeitbeschäftigung von vielen Menschen heute ja nur noch als Sport buchstabiert wird - und meistens woanders stattfindet. Aber wenn Outdoor-Landkreise dicht machen, 15-km-Grenzen gelten oder Hochwasser und Schneechaos herrschen, erinnert man sich vielleicht doch an die schöne Tugend einer geruhsamen Beschäftigung, der man in Hauspuschen nachgehen kann: Briefmarken sammeln, Flugzeugmodelle bauen, Lachsfliegen binden, Sachen mit Airbrush verschandeln. Wofür eben einst Hobbykeller genutzt wurden, bevor moderne Jungväter darin ihre Video-Whisky-Tastings veranstalteten.

Einen weiteren Vorschlag, der immerhin nicht ganz so schlimm nach Hobbykeller klingt, macht in diesen Tagen auch die Firma Lego mit ihrem neuen Bausatz des Porsche 911. Mit Spielzeug hat das nicht viel zu tun - der Bausatz gehört zur neuen Lego-Serie "18+" und wird, wie man erfährt, von 16. Februar an zunächst auch nur für Mitglieder des Lego-VIP-Programms erhältlich sein. Das ist ein elitärer Zirkel, von dem man vorher zwar noch nie gehört hat, von dessen Zusammensetzung aber man trotzdem gleich eine ungefähre Vorstellung hat: Eine Gruppe kindgeliebener Ingenieure mit flotten Brillen, Genderstern vermutlich unnötig.

Ab März ist der neue Lego-911er, genauer gesagt ein Oldtimer vom Typ 930 - also das sogenannte G-Modell mit der Bauzeit 1973 bis 1989, dann frei erhältlich. Und bei aller vorschnellen Häme, die große Schachtel übt doch einen nicht unbeträchtlichen Reiz aus. Das liegt erstmal weniger am Lego, als am Porsche. Bausatzentwickler Mike Psiaki hat mit knapp 1500 Einzelteilen das Modell nachgebildet, das selbst bei automobilen Vernunftmenschen noch gelegentlich die Sicherungen durchbrennen lässt. Kaum ein Produktdesign ist schließlich so dauerhaft beliebt und so wertbeständig wie die alte 911er-Form. Noch nicht mal das neuzeitliche Herumliften in Stuttgart konnte der Begeisterung für dieses Auto bislang richtig großen Schaden zufügen, nein, der 911er bleibt der generationsübergreifende Standard für Statussymbole. Und ein Traum, den sich dann doch nur wenige wirklich bis zur Zulassung erfüllen.

Deutsche Sportwagennostalgie zum Anbeißen

Die meisten befriedigen ihre gelegentlich auflodernde 911er-Lust alle paar Monate mit nächtlichen Klick-Orgien auf mobile.de oder aber einem Bummel über die Maximilianstraße in München. Und so sehr man in solchen Stunden der Überzeugung ist, ein Porsche (klar, am Besten noch einer von den luftgekühlten) würde einen zu einem besseren Menschen oder zumindest besseren Mann machen, so unerbittlich scheitert das Vorhaben an den Preisen, die mittlerweile für diese Goldkäfer aufgerufen werden. Oder dem lächerlichen Platzangebot. Oder der fehlenden Garage. Oder dem ersten Kind. Oder der protestantischen Erziehung. Männer kennen sehr viele schrille Wecktöne aus 911er-Träumen.

Wie im richtigen Leben: Für VIP-Kunden gibt's Zertifikate und Porsche-Memorabilia dazu.

(Foto: Lego)

Der neue Lego-Porsche kostet 130 Euro, was für einen Haufen Bausteine immer noch viel ist, für einen Porsche aber eben doch ganz schön wenig. Es ist auch nicht der erste Porsche bei Lego, in der Sparte Technics etwa gibt es auch ein großes Modell, das aber sehr, naja, nach Lego Technics und Jugendzimmer aussieht. Dieser neue 911er aber würde auch auf einem Mahagoni-Regal im Chefbüro eine gute Figur machen. Man hat die ikonische Stromlinienform des Designs und die eleganten Spaltmaße erstaunlich gut in die Plastiksteine übersetzt bekommen. Das Modell ist zudem mit viel Verständnis für die Detailsehnsucht aller verhinderten Porschefahrer gemacht worden: Der Wagen wurde zum Beispiel mit dunkelorangen Sitzen und nougatbraunen Akzenten ausgestattet. Das ist deutsche Sportwagennostalgie zum Anbeißen, man riecht ja beinahe das Leder und das Pitralon-Aftershave des Vorbesitzers.

Der Innenraum wurde überhaupt bemüht originalgetreu gestaltet mit seinen kippbaren Sitzen, Schalthebel, Handbremse, den winzigen Cockpit-Details und einem hübschen Motor. Fehlt eigentlich nur noch eine kleine, stilisierte Ölpfütze zum Unterlegen. Das Beste: Der Bausatz ist ein 2-in-1-Set, und so kann man statt des normalen 911er auch gleich eine Targa-Variante bauen, die ja ehrlich gesagt sowieso immer die noch schärfere Version des 911 war - mit dem schwarzen Sicherheitsbügel vor der Glasheckscheibe und dem abnehmbaren Mitteldach.

Jetzt kommt der überraschende Lego-Aspekt. Denn einerseits klingt es natürlich erstmal fürchterlich, sich so etwas Sinnliches wie einen alten 911er aus so etwas Unsinnlichem wie Plastikspielzeug für Kinder zu bauen. Und man war doch insgeheim froh, dass die bunt gemischten Kisten mit den Steinen irgendwann aus dem Leben verschwunden waren. Andererseits: Sich den Porsche als lackiertes Hochglanz-Sammlermodel auf Holzplatte in den Schrank zu stellen, als Protz-Prothese, das wirkt erst recht kleinbürgerlich. Das dürfen wirklich nur Menschen, die den echten Autoschlüssel auf Nachfrage dann auch in der Schublade haben.

Selbstgebaut und mit ein bisschen Lego-Brutalismus ist die Freude am Modell aber absolut verzeihlich. Denn man hat sich einen Kindheitstraum dann sozusagen auch mit kindlichem Eifer erfüllt, das ist irgendwie stimmig und macht auch klar, dass man über seine kapitalistischen Gelüste durchaus lachen kann. Falls man noch eine zusätzliche Rechtfertigung braucht - in den USA werden aufwändige Lego-Bausätze an Soldaten verteilt, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Nach einem Jahr Pandemie kann diese Maßnahme wohl auch für Zivilisten nicht schaden.

© SZ/from
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