bedeckt München 17°

Pirelli-Kalender:Das Jahr wird nackt

Pirelli Das Jahr wird nackt Bilder

Pirelli-Kalender

Das Jahr wird nackt

Der Pirelli-Kalender gilt als Objekt der Begierde. Und, auch wenn kein einziger Autoreifen darin zu sehen ist, als riesige Marketingmaschine.

Berühmte Models, angesehene Fotografen, dazu die künstliche Verknappung: Der Pirelli-Kalender gilt seit 51 Jahren als Objekt der Begierde. Und, auch wenn kein einziger Autoreifen darin zu sehen ist, als riesige Marketingmaschine.

Das neue Jahrtausend haben sie im Pirelli-Kalender eröffnet mit Brüsten und Ärschen im Halbdunklen, und niemand hat sich darüber aufgeregt. Aber 2013, als weder Brust noch Arsch zu sehen waren, weil der Fotograf lieber Frauen abbildete, die sich für humanitäre Zwecke engagierten - da also druckte die FAZ eines der züchtigen Fotos aus dem Kalender auf ihrer Titelseite (ja!), dazu die Überschrift: "Thema verfehlt". Entrüstung, Entsetzen landauf, landab, der Literaturkritiker Hellmuth Karasek schrieb im Abendblatt, es sei nun "wieder eine Festung der Männerfantasien geschleift worden", die taz beschwerte sich tatsächlich, niemand wolle "Wichsvorlagen mit Hirn".

Entschuldigung?

Es geht hier also um einen Kalender, der gerade wieder unter das VIP-Volk gebracht wird, in dem seit jeher Frauen in erotischen Posen und seit 1972 barbusig abgebildet sind. Es geht um: den Pin-up-Kalender eines Reifenherstellers. Aber der Pirelli-Kalender ist halt mehr als das, nicht wahr?

Wenn du im Kalender bist, hast du's geschafft

Ein Marketinginstrument, das gewiss, allerdings eines, dessen Berühmtheit nur vom Gourmetführer der brancheninternen Konkurrenz von Michelin erreicht wird. Es gibt den Kalender inzwischen schon seit 1964, das Konzept ist ein einfacher Dreisatz aus berühmten Models / berühmten Fotografen / sexy Fotos. Hinzu kommt die künstliche Verknappung, der Kalender wird nicht verkauft, wurde er noch nie. Er wird zugewiesen: treuen Kunden, guten Freunden und Geschäftspartnern der Firma, eben wichtigen Menschen überall auf der Welt. Die Auflage für 2015 liegt nach offiziellen Angaben bei gerade mal 17 000 Stück, die Verknappung führte schon früh zu einer eigenartigen Gier der Konsumenten. Die Kalendermacher berichteten "von Bestechungsversuchen mit Antiquitäten, Baumkuchen und leckerem Lachs", schrieb der Spiegel 1974.

Wichtig sei außerdem die Freiheit, sagt Firmenchef Marco Tronchetti Provera: Fotografen wie Models seien "total frei", sie könnten sich ästhetisch so verwirklichen, wie sie möchten, auf Kosten von Pirelli selbstredend. Das klingt auf unerhörte Weise übertrieben, aber wenn man sich die Ausgaben der vergangenen 50 Jahre ansieht, muss man zu dem Schluss kommen, dass der Mann recht hat: Frauen in grünen Badeanzügen vor Christbäumen; eine Blondine beim Zähneputzen; eine entblößte Kurzhaarige mit Strapsen, sich eine Cola-Dose vor die Scham haltend; schwarz-weiß fotografierte Nackte bei derart eigenartigen leichtathletischen Übungen, dass es Leni Riefenstahl eine wahre Freude gewesen wäre. Reifen, irgendwo? "Es geht beim Kalender nicht darum, ein Produkt zu verkaufen", sagt Tronchetti Provera, ach so.

"Die Heiße Kartoffel 2015"

Der Bayerische Bauernverband hat vor ein paar Wochen seinen diesjährigen Kalender vorgestellt, Titel: "Die Heiße Kartoffel 2015", nackte Schönheiten räkeln sich im Kartoffelmeer, und ja, es gibt auch anderes Kalendermaterial, die Feuerwehrfrauen seien da herausgegriffen, erhältlich für 17,90 Euro ohne Versand. Aber alles nur: billiger Abklatsch. Der Pirelli-Kalender heißt in der Kalender- und Modeszene "The Cal", denn es gibt nur einen.

Für die Edition 2015 hat die New Yorker Fotografen-Ikone Steven Meisel Elite-Models wie Karen Elson, Adriana Lima und Natalia Vodianova, aber auch Newcomer wie die Deutsche Anna Ewers und die Amerikanerin Gigi Hadid in Lack und Leder abgelichtet. Entstanden ist wenig Kunst und viel Porno; Entrüstungspotenzial: null. Das Shooting war in New York, und nun haben sie den neuen Kalender in Mailand der Weltöffentlichkeit vorgestellt.

Drei Tage lang.

Kochen mit Eva Herzigová

Am ersten Tag: Interviewrunden im Luxushotel. Das Model Sasha Luss trägt ein ärmelloses Kleid und einen Glitzer-Haarreif, das Model Gigi Hadid trägt eine Lederjacke und darunter nur einen BH, das Model Isabeli Fontana jubelt affektiert, als um sechs die letzte Journalistengruppe vor ihr steht, nach doch schon über vier Stunden Reden.

Am zweiten Tag: die offizielle Kalenderpressekonferenz im Hauptquartier, mit Ex-Model Sophie Dahl als Moderatorin. Am Abend die Gala, Dresscode: Black Tie.

Am dritten Tag: ein Koch-Event mit Eva Herzigová im Museum.

Das sei doch unglaublich, raunt ein Model-Agent am dritten Tag halb bewundernd, halb erschüttert, wie gut es der Reifenbranche offensichtlich gehe.

Auf der Bühne des Palazzo Reale rühren da gerade drei Spitzenköche in Töpfen herum, begleitet von der noch immer zauberhaften Eva Herzigová, im Saal sämtliche lokale Prominenz, der Bürgermeister von Mailand und natürlich Signore Tronchetti Provera. Nach der Kocherei eröffnen sie die Ausstellung im Palazzo Reale, noch bis Februar zeigt das ja nicht ganz unbedeutende Mailänder Museum "besondere Stücke aus dem Kalender", wie der Kurator sagt. Draußen hängen die Plakate des Ausstellungsprogramms, in dieser Reihenfolge: Chagall, van Gogh, Segantini, Pirelli.

Pirelli-Kalender Da drehen nicht nur die Reifen durch Bilder

Pirelli-Kalender 2013

Da drehen nicht nur die Reifen durch

Internationale Topmodels, die nicht nur schön, sondern auch sozial engagiert sind. Ein Kriegsfotograf, der Sonne langweilig findet. Und die aufregende Millionenmetropole Rio de Janeiro zwischen Schönheit und Armut. Der aktuelle Pirelli-Kalender in Bildern.

  • Themen in diesem Artikel: