Pfälzische Schuhfirma wird 175 Kaisers neue Schuhe

Lammleder, Lack, Glitter: Die Firma Peter Kaiser produziert seit 175 Jahren in der pfälzischen Kleinstadt Pirmasens, zum Jubiläum sogar Schuhe mit goldener Sohle. Wachstum war nie das Ziel des Traditionshauses, doch das wird sich nun ändern.

Von Elisabeth Dostert

Schuhe. Hunderte. Pumps, Ballerinas mit kleinem Absatz, bedruckt mit floralem Muster. Lammleder, Lack, Glitter, der von Hand aufgetragen wird. Eine Ahnung von Sommer. Paarweise auf blassgrünen Wägelchen, von denen an einigen Stellen die Farbe abblättert, so alt sind sie. Es riecht nach Klebstoffen, Leder und Farbe. Eine Frau steppt Schleifen auf Sandalen, eine andere kontrolliert jedes Paar. Stimmen die Nähte? Sitzen die Absätze richtig? Viel Handarbeit. "Schuhe in dieser Qualität lassen sich nicht voll automatisiert herstellen", sagt Marcus Ewig, Geschäftsführer der Peter Kaiser Schuhfabrik GmbH in Pirmasens. 100 bis 150 Arbeitsschritte sind für einen Schuh nötig. Allein zwölf Stunden braucht es, um einen Pumps herzustellen. Sie sind das Markenzeichen der Fabrik. Pumps kommen nie aus der Mode.

Pirmasens ist aus der Mode gekommen. Die Stadt in Rheinland-Pfalz war mal das Zentrum der deutschen Schuhindustrie. Aber das ist lange her. Um die Jahrhundertwende gab es in Pirmasens und in den Nachbarorten Hauenstein und Waldfischbach mehr als 300 Schuhhersteller. Die meisten sind verschwunden, riesige Firmen wie Rheinberger oder Neuffer. Straßennamen erinnern noch an die Fabrikanten. Die alten Werkhallen sind längst abgerissen oder umgewandelt, Kulturdenkmäler.

Im "Rheinberger", der einst größten Schuhfabrik Deutschlands, sitzt seit 2008 das Dynamikum, ein Technikmuseum. Zu den Exponaten gehört eine Unendlichkeitsmaschine. Aber was ist schon unendlich? In Pirmasens zeigt sich, wie endlich eine Industrie sein kann. In Hauenstein gibt es ein Schuhmuseum. Eine Schuhkönigin gibt es auch seit ein paar Jahren. Gerade amtiert Nadine I. Welche Schuhe sie trägt, ist auf vielen Fotos gar nicht zu sehen.

Rund drei Dutzend mittelständische Schuhfirmen gibt es noch in Pirmasens, Firmen wie Kennel & Schmenger oder die Schuhfabrik Carl Semler. Peter Kaiser wird in diesem Jahr 175 Jahre alt. Schon das Überleben ist ein Erfolg. Vielleicht war es der Verzicht auf Wachstum, dass die Firma allen Widrigkeiten widerstand, oder doch nur pfälzische Sturheit?

Rückblick: Als Peter Kaiser 1838 seine Werkstatt aufschließt, ist er nicht der Erste in Pirmasens. Es gibt viele Schuster, die so ihren Sold im Dienste des Landgrafen Ludwig IX. aufbessern. Nach dessen Tod wird die Truppe aufgelöst, und die Soldaten fertigen aus alten Uniformen Schlappen. Viele Möglichkeiten zum Broterwerb gibt es in der Pfalz nicht.

Das Elend findet heute in Asien statt

In einer Schriftenreihe für das Hauensteiner Museum hat Michael Wagner die Geschichte aufgeschrieben. Die Zustände in der Produktion müssen noch um die Wende zum 20. Jahrhundert erbärmlich gewesen sein: Elf Stunden täglich, die Löhne reichen zum Leben nicht aus, viele Arbeiter betreiben nebenher Landwirtschaft. "Singen, pfeifen und Tabak rauchen" verboten, mit Beginn der Arbeitszeit wird der Zugang zur Fabrik geschlossen. Was Wagner aus einer Fabrikordnung zitiert, liest sich wie mancher Bericht aus der heutigen Textil- und Schuhproduktion in Asien. Das Elend scheint gegenwärtig, es findet heute nur woanders statt, weiter weg, in Asien. Man kann aus der Geschichte lernen - oder auch nicht.

Lange Zeit, sagt ein altgedienter Mitarbeiter im Lederlager von Peter Kaiser, sträubten sich die Pirmasenser Schuhfabrikanten gegen die Ansiedlung von Unternehmen aus der Auto- und Chemieindustrie, weil sie fürchteten, dass ihnen die Mitarbeiter wegen der höheren Löhne davonlaufen. Auch deshalb fehlten Alternativen, als Mitte der Sechzigerjahre die Strukturkrise die Schuhindustrie schüttelte, bis fast nichts blieb. Allein zwischen 1963 bis 1973 werden in der Stadt und im Landkreis fast 180 Betriebe mit gut 7000 Beschäftigten stillgelegt, schreibt Wagner. Schuhe lassen sich billiger im Ausland produzieren.

Peter Kaiser scherte sich nicht um die Konkurrenz. Erst Anfang 2000 bauten die Pfälzer eine Produktion in Portugal auf, die gibt es immer noch. Nach Asien drängte es die Pfälzer damals - wie auch heute - nicht. Geschäftsführer Ewig kennt die Firmengeschichte ganz gut. Er hat sie sich aufschreiben lassen. Der Betriebswirt arbeitet erst seit Mitte 2012 für Peter Kaiser. Er hat eine Menge aufzuholen. Jahrzehnte. Wachstum war nie die Strategie der Firma.