bedeckt München 30°

Pariser Modewoche:Ode an die Freude

Elfenkleider, Motto-Shirts und ein monumentaler Wasserfall im Grand Palais: Eindrücke von der Pariser Modewoche für Frühjahr/Sommer 2018.

Von Tanja Rest

Ein Septemberabend in Paris, die Stimmen ringsum gedämpft, die Luft wie erstarrt, der Verkehr auf der Avenue de New York längst seufzend kollabiert. Als ob einer die ganze Riesenstadt kurz angehalten hätte. 19.55 Uhr, unter den Augen von tausend Zuschauern hasten drei verspätete Gäste mit gesenkten Köpfen über den Laufsteg. Es ist ein elend weiter Weg. In die Gärten des Trocadéro hat das Haus Saint Laurent einen 5000 Quadratmeter großen Sockel betonieren lassen; für diese eine Show, die 20 Minuten dauert. In der Front Row sitzen Kate Moss, Lenny Kravitz und Courtney Love, Trockeneisnebel wallen, und als es acht Uhr herüberläutet und der Eiffelturm zu funkeln anfängt wie ein Christbaum auf Ecstasy: knallt das erste Model den Absatz auf die Platte.

Exakt dieser Moment ist Paris. Die Arroganz. Das Pathos. Der Größenwahn. Nirgendwo können sie das besser als hier. Von der New Yorker Fashion Week wandern die Designer gerade in Scharen ab an die Seine, in Mailand halten sie die Füße still und verzehren sich vor Neid. Dabei ist dieses Défilé für Frühjahr/Sommer 2018 vor allem eine Parade langer, nackter Beine. An den Füßen ein Paar rasante Stiefel, überm Hintern knappe Shorts, dazu einen Glitzersmoking oder eine flatternde Piratenbluse: Das bleibt Anthony Vaccarellos Vision für Saint Laurent. Man weiß, dass die Vision begrenzt ist. Man weiß auch, dass man gerade manipuliert wird. Aber von einem schmutzigen Winkel der eigenen Psyche aus betrachtet, ist es eben trotzdem sehr, sehr geil.

Es gibt Kollektionen, die einen fortreißen wie der Olympia-Looping auf der Münchner Wiesn

Käme einem jemand mit der alten Geschichte, dass die Modewoche eine Institution von vorgestern ist, zu unbeweglich in Zeiten von E-Commerce, den geschmeidigen Influencern auf ewig hinterher hechelnd, man würde jetzt in diesem Moment sagen: Instagram kann einpacken. Ob Paris allerdings noch wesentlich Neues wagt oder nicht vielmehr Cover-Versionen der Bestseller auflegt, ist eine diffizile Frage, auf die es mehrere Antworten gibt. Nehmen wir beispielsweise Dior.

Dort ist seit einem Jahr Maria Grazia Chiuri die Kreativchefin, als erste Frau überhaupt in der 70-jährigen Geschichte des Hauses. Die Italienerin steht für einen völlig neuen Look - sie hat, was einmal undenkbar schien, Dior auf die Straße gebracht. Anderswo heißt das Streetwear, sie aber nannte es: Feminismus. Ihr allererstes Laufstegteil war ein T-Shirt mit dem Slogan "We should all be feminists", einem Ted-Talk der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie entnommen. Das traf den Zeitgeist, das explodierte auf Social Media. Das verkaufte sich wie irre.

Zwei Saisons später gibt es bei Dior gleich zwei feministische Referenzen, zum einen die Bilderwelt der Künstlerin Niki de Saint Phalle, zum anderen einen Essay der Kunsthistorikerin Linda Nochlin mit dem Titel "Why have there been no great women artists?", der als Büchlein auf jedem Sitz ausliegt. Die Modewelt geht mit der heiklen Situation nun folgendermaßen um: Sie flutet Instagram mit frauenbewegten Fotos des Titelblatts und lässt das Buch anschließend liegen. Dabei hätte sich die Lektüre gelohnt, es ist ein kluger Essay.

Die Kollektion ist dann wie gehabt. Vorneweg das Nochlin-Zitat als Aufdruck auf einem Ringelshirt, danach die Tüllkleider mit darunter sichtbarer Dior-Unterhose, die kessen Mützchen, viel Denim, sehr viele Logos und Pullis, über die diesmal die bunten Geschöpfe von Niki de Saint Phalle hoppeln. Das alles ist ungeheuer jung, hübsch und augenzwinkernd, aber man hat doch zwei Einwände. Erstens: Der Feminismus ist hier wortwörtlich nur aufgedruckt. Zweitens: Es fehlt die Eleganz. Die Eleganz aber ist das pochende Herz von Dior.

Es gibt diese Tendenz in der Mode. Entweder ein Designer wird nach zwei Saisons gefeuert, oder er schlägt ein und inszeniert den gleichen Look immer wieder. Und Chiuris Look hat eingeschlagen, ihre Baskenmützen, die "J'adior"-Schuhe und -Taschen sind überall. Auch die anderen Häuser machen Logos, weil es gerade cool ist und auf Instagram funktioniert. Als man bei dem todtraurigen Debüt des neuen Lanvin-Designers (seine Vorgängerin: nach zwei Saisons gefeuert) den Schriftzug "Lanvin" auf einer Tasche sah, da wusste man, dass dieses stolze Haus vorläufig erledigt ist.

Andererseits gibt es in Paris auch Kollektionen, die einen fortreißen wie der Olympia-Looping auf der Münchner Wiesn: Du steigst ein, fährst rauf, stürzt runter, stehst fünfmal kopf, und wenn du aussteigst, ist dir schlecht; aber du bist glücklich. Demna Gvasalia ist der Fünfer-Looping unter den Pariser Designern, er geht von Alltäglichem aus und verändert dann radikal die Perspektive.

Sein fünfter Wurf für Balenciaga lässt einen verblüfft zurück: Da sind klassische Streifenhemden, Tartanhosen und Mäntel in Vichy-Karo. Da sind aber auch Ganzkörperlooks aus Dollarscheinen. Jeans mit Fotoprints eines Bildschirmschoner-Sonnenuntergangs. Aneinandergeheftete Kleidungsstücke, die nichts miteinander zu tun haben, aber je nach Bedarf kombiniert werden können, eine Weste mit einem Anorak, eine Jeansjacke mit einem Trenchcoat. Es ist Gvasalias komplexeste Kollektion für Balenciaga bisher und triefend vor Ironie; wenn man das sagen kann von Kleidern, die später ganz unironisch zweitausend Euro kosten werden.

Und immer weiter: Bei Anrealage schalten sie auf halbem Weg das Licht aus und enthüllen, dass das Gitternetz über jedem Outfit phosphoresziert; bei Koché werden Trikots von Paris Saint-Germain mit Pailletten überhäuft (das ist der Abend, an dem der FC Bayern in Paris 0:3 untergeht). Bei Undercover, dem Label des Japaners Jun Takahashi, sieht man die verrückteste Show der ganzen Woche, inspiriert von der Künstlerin Cindy Sherman und dem Horrorklassiker "The Shining": Zwillingspaare, die händchenhaltend in die Scheinwerferkegel treten, Perlen um die Hälse, eingedellte Tischtennisbälle am Ohr, sie tragen Fifties-Röcke mit Prints der Sherman-Selbstporträts und zum Finale hellblaue Cocktailkleider, über die rote Fäden rinnen wie Blut. Eine Horror-Show der Mode. Wie man später erfährt: Jedes Kleid, von innen nach außen gestülpt, ist mit seinem Zwilling identisch.

Das ist Kreativität, die Grenzen überschreitet. Sie macht keinen Millionenumsatz (große Ausnahme: Balenciaga), aber sie ist da, strampelnd und am Leben und einer der Gründe, warum man zweimal jährlich frohen Herzens nach Paris reist.

Zwei Avantgarde-Etagen darunter flirrt die Lebensfreude, lange gab es auf den Laufstegen nicht mehr so viel Optimismus zu sehen. Die Nachricht vom Massaker in Las Vegas platzt in eine Fashion Week hinein, die gerade andächtig in Rüschen, Glitzer und Pastelltönen schwelgt. Man sitzt in irgendeinem goldbestuckten Saal mit Kronleuchtern und überlegt, was das bedeuten könnte: Ist die Mode exakt so eskapistisch und in sich selbst verliebt, wie viele glauben? Oder streckt sie tapfer das Kreuz durch, weil man der dunklen Welt dort draußen etwas Aufrechtes, Freundliches entgegensetzen muss? Es ist wohl beides wahr.

Dries Van Noten etwa sagt, er habe sich noch nie so nach Leichtigkeit gesehnt wie in diesen Zeiten: "Ich wollte einfach etwas Schönes, Positives entwerfen." Und genau so sieht die Kollektion auch aus, warm und beschwingt wie ein Sommercocktail um fünf Uhr nachmittags. Bei Sonia Rykiel gibt es muschelbesetzte Strandmode aus buntem Strick, bei Stella McCartney wahnsinnig bequem aussehende Overalls und bei Valentino - Anoraks! Kein Witz.

Es sind natürlich Anoraks, in denen man jetzt nicht unbedingt auf die Zugspitze steigen würde, fein modelliert wie Meissner Porzellan, und in den Ärmeln der transparenten Regencapes schillern die Pailletten. Außerdem kommt die Spezialität des Hauses dann ja trotzdem noch: die Elfenkleider, einige in klassischem Valentino-Rot, allesamt so zart und kunstvoll gemacht, dass sie unmöglich vom Planeten Erde stammen können. Stehende Ovationen.

Anoraks, Funktionshosen und Bergsteigersocken - und jetzt alle mal raus an die frische Luft!

Karl Lagerfeld hat natürlich auch Regencapes. Und Bäume. Und Felsen. Und einen Wasserfall, der sich mitten hinein ins Grand Palais ergießt. Drunter macht er's einfach nicht bei Chanel. Die Verdonschlucht hat die Vorlage geliefert für diese Kulisse, die auf dem Laufsteg dann aber etwas, sagen wir, großzügiger interpretiert wird. Oder kann sich irgendjemand das Chanel-Mädchen bei einer Kanutour vorstellen? Regencapes also, und Regenhüte und Regenstiefeletten mit Chanel-Kappe. Alles aus durchsichtigem Plastik, damit der Tweed-Kosmos darunter sichtbar wird, wie stets gespickt mit amüsanten Details. Sehr hübsch. Und mit dem Outdoor-Thema liegt Lagerfeld wieder mal goldrichtig.

Natur, ein seltsames Konzept im künstlichen Kosmos Mode. Wenn man richtig verstanden hat, sollen jedenfalls alle mal dringend an die frische Luft. Es wimmelt in Paris nur so von Funktionshosen, Anoraks, Poloshirts, Trainingsanzügen, Bergsteigerstrümpfen (Miu Miu) und Variationen auf den Trenchcoat, der schrägste von allen bei Céline: die Mantelschöße lang genug, dass sie um den Hals gebunden ein Cape ergeben. Céline gilt jetzt schon so lange als Definition eines modernen Frauenbildes, dass man immer wieder vergisst, wie sperrig Phoebe Philos Designs oft sind. Die Schönheit erschließt sich erst beim zweiten Blick, dafür aber richtig. Sollte einer Kollektion der "Feminismus"-Wimpel angeheftet werden, dann jedenfalls dieser.

Am letzten Abend der Pariser Modewoche lautet die Selbstdiagnose auf Luxusvergiftung im Endstadium. Außerdem hat man das dringende Bedürfnis, die Stimme um zwei Oktaven runterzuhusten, weil die schrillen "Amazing!"-Schreie (wird hier so von einem erwartet) auf Dauer irre auf den Kehlkopf gehen. Aber dann kommt eben doch noch was, in den Katakomben des Louvre.

Ein Frack im Stil von Louis XVI, herrlichster Brokat; dazu aber nicht seidene Kniebundhosen und kleine Pumps. Sondern Laufshorts und Sneakers mit dicker Sohle. Das ist Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton. Es ist zugegebenermaßen nicht zwangsläufig Kleidung fürs Büro. Aber wenn die Mode nicht mehr träumen darf - wer dann?

© SZ vom 07.10.2017
Zur SZ-Startseite