Für sie: Der Neuanfang
Seit die Modeindustrie alle Topjobs neu besetzt hat, gibt es einen Trend: die Konkurrenz in die erste Reihe setzen. Oft handelt es sich dabei um Vorgänger, die man demonstrativ nicht vergessen möchte, wie zum Beispiel John Galliano bei J. W. Andersons Dior-Debüt, oder Alessandro Michele bei Demna Gvasalias Gucci-Premiere. Das Wegwischen von Geschichte ist out, über anderer Leute Mode Lästern seit dem Ableben aller Legenden (Lagerfeld, Armani, Valentino) leider auch. Raf Simons (Prada) saß jetzt mit seinem ehemaligen Studenten Matthieu Blazy (Chanel) bei Alaïa, um Pieter Muliers letzte Kollektion für das Modehaus zu beklatschen, der auch bei ihm studierte. Nun macht er sich auf den Weg zu Versace, das bekanntlich von Prada gekauft wurde.

Womit wir bei Donatella Versace wären, die sich jetzt bei Gucci zeigte. Aber ihr Erscheinen hat andere Gründe als die der oben genannten Designer, die sich alle Optionen offenhalten müssen. Wenn man keinen Job mehr hat in dem Unternehmen, das den Familiennamen trägt, geht man eben demonstrativ auf die Show der Konkurrenz. Noch nie haben wir Giannis Schwester in etwas anderem gesehen als knallengem Versace, und wir hätten es verstanden, wenn sie diesen Karikatur-Look beibehalten hätte. Bei Gucci aber trug sie Gucci, einen Sixties-inspirierten braven Mantel. Bei einer Frau ihres Formats darf man das getrost radikalen Neuanfang nennen. Bei allen anderen sind die Besuche anderer Leute Fashion-Shows eher eine Art schickes Linkedin: Je lauter die gegenseitige Beweihräucherung, desto verzweifelter die Lage.
Für ihn: Der Nichtangriffspakt
Das ist natürlich eine Gefahr, wenn man Menschen zu Chefdesignern befördert, die ihre Karriere vorher in einem anderen Beruf gemacht haben: dass sie sich nicht artgerecht verhalten und die Dogmen der Branche nicht heiligen. Im Fall von Pharrell Williams muss man ja feststellen, dass die Ernennung zum Designer bei Louis Vuitton vor drei Jahren ein Schritt in eine vergleichsweise bürgerliche Existenz war – vorher war er frei eskalierender Topkreativer und ungefähr der hippste Mensch der Welt. Vermutlich versteht er sich auch heute noch als solcher, wenn er während der Pariser Fashion Week fröhlich zur Dior-Show geht – die Marke ist zwar wie Louis Vuitton auch unter dem Dach des LVMH-Konzerns beheimatet, aber trotzdem Laufsteg-Konkurrenz.

Pharrells Look ist dann auch eher so, wie man sich unter Nachbarn besucht – Jeans, Turnschuhe und T-Shirt, ein Outfit, das ganz absichtlich nicht nach Paris Fashion Week aussieht, sondern eher nach Tagesfreizeit und einem modischen Nichtangriffspakt. Das Shirt ist ein Verweis in eigener Sache – es ist nämlich ein Bandshirt des Gospelchors „Voices of Fire“, den Williams im vergangenen Jahr mit seinem Onkel, einem freikirchlichen Bischof, gecastet hat und seither als musikalisches Nebenprojekt betreibt. Das macht also noch mal klar, dass er als alter Pharrell in der Dior-Frontrow sitzt und nicht als LV-Designer, der sich mal ein wenig umsieht. Für Dior-Mastermind Jonathan Anderson dürfte beides okay gehen. Der ist zwar ein Vollblut-Modeschöpfer, gehört aber trotzdem zur gleichen Welle Neo-Kreativer wie Pharrell Williams – und ist vor allem großer Musikfan. Autogramm dürfte er sich trotzdem keines geholt haben.
