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Paris Fashion Week:Aufsehen! Erregend!

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Federleichtes Material und opulente Details wie Schleifen und Blüten: Die erste Kollektion der Designerin Bouchra Jarrar für Lanvin.

(Foto: AFP)

Die Kreationen von Saint Laurent und Lanvin zeigen auf der Fashion Week in Paris viel nackte Haut - aber auch das Debüt der US-Sängerin Rihanna für Puma ist freizügig.

Zu Beginn dieser Show, auf die Paris so lange hingefiebert hat, gibt es einen Moment vollkommener Balance. Lichter schon aus, Musik aber noch nicht an, Stille im Publikum; von draußen flutet Hupen und gedämpfter Baulärm herein. Dunkler Abend. Man sitzt irgendwo in Saint-Germain in einem entkernten Gebäude, von dem man nicht weiß: Wird es gerade wieder aufgebaut? Oder morgen abgerissen? (Tatsächlich handelt es sich um die zukünftige Firmenzentrale von Saint Laurent.) Der Blick geht durch klaffende Rundbögen hinaus auf eine Baugrube, über der meterhoch und weithin leuchtend das ineinander verschlungene Triumvirat der Buchstaben Y, S und L schwebt, gehalten von einem Kran in Bleu-Blanc-Rouge.

Alles drin in diesem Bild (und ja, drunter machen sie's hier nicht): Abriss, Neuanfang, über allem steht die Marke, Nationalheiligtum Frankreichs. Und schon setzt der Beat ein, schon gleißen die Scheinwerfer, schon recken sie alle die Hälse und die Smartphones, um zu erfahren: Was ist der erste Look in der ersten Show des Neuen bei Saint Laurent? Es ist ein schwarzer Lederdress. Dekolleté tief, Schultern breit, Rock gerade so überm Hintern. Eines dieser scharfen kleinen Rock'n'Roll-Kleidchen eben. Man kann nahezu hören, wie all die aufgestaute Spannung aus den anwesenden Menschen herauspufft. Pffffht . . .

Mode

Winzröcke, Netzshirts und schweinchenrosa Babydolls

Winzröcke, Skinny-Hosen, raspelkurze Smokingjacken

Dabei soll diese Pariser Modewoche für Frühjahr/Sommer 2017 hochoffiziell ein Blockbuster werden. Seit drei Jahren - im Gedächtnis der Branche seit Menschengedenken - hat es nicht so viele aufsehenerregende Debüts gegeben. Damals wurden nur die Designer von Saint Laurent und Dior ausgetauscht. Diesmal kommt Lanvin noch hinzu! Der Belgier Anthony Vaccarello, 34, hat die undankbarste Aufgabe, weil die Zahlen verheerend sind, also für ihn. Sein Vorgänger Hedi Slimane, von der Kritik geschmäht, von der jungen Klientel wie eine Gottheit verehrt, hat den Umsatz bei Saint Laurent jedes Jahr um 20 Prozent gesteigert, auf eine knappe Milliarde Euro. Vor der Show war also eigentlich schon klar, dass Vaccarello an der rockigen Westküsten-Ästhetik nicht viel ändern würde, so kommt es auch. Nur den Punk und die Mir-scheißegal-Attitüde, die nimmt er raus.

Viel schwarzes Leder, viel nackte Haut. Die Kollektion ist ein Eighties-Fest und sieht ein bisschen aus wie zu heiß gewaschen, also Winzröcke, Skinny-Hosen, raspelkurze Smokingjacken und unterm Netzshirt blanke Brüste. Zu Yves' Zeiten war das vielleicht mal ein Skandal, jetzt ist es einfach Sex als Nummer sicher. Backstage empfängt Vaccarello die Gratulanten, ein kleiner Mann in Jeans und Pulli, erschöpfte Augen unter schweren Lidern. Jane Birkin und ihre Töchter Charlotte Gainsbourg und Lou Doillon fallen ihm nacheinander um den Hals, das Ex-Supermodel Amber Valletta knallt ihm einen Kuss auf die Backe: "Just loved it!" Er lächelt. Es ist kein Triumph, aber am Umsatz wird man es hinterher nicht merken. Und darum geht es ja.

Bei der Vaccarello-Show fehlt das elektrisierende Gefühl im Bauch

Draußen sitzt ganz allein in der ersten Reihe immer noch Pierre Bergé, Lebenspartner von Yves Saint Laurent, 85 Jahre ist er alt. Wie hat es ihm gefallen? "Das war ganz nah am Spirit der Marke, sehr jung und modern." Was hat Vaccarello anders gemacht als Slimane? Da ruckt er regelrecht hoch und blickt einen streng an: "Diese Frage . . . Sie dürfen diese Frage nicht stellen!"

Die Wahrheit ist, dass die Kleider ähnlich waren. Dass man bei Slimane-Shows aber ein elektrisierendes Gefühl im Bauch hatte, und diesmal - nichts. Saint Laurent, das war drei Jahre lang ein dunkler, wütender Kosmos, in den man einchecken konnte. Jetzt sind es wieder Kleider. Einfach so.

Ein vielschichtigeres Debüt erlebt am nächsten Tag Lanvin, eines der dienstältesten Modehäuser überhaupt. Hier war die Situation zuletzt enorm verfahren: Alber Elbaz, Superdarling der Branche, hatte die Marke in seiner 14-jährigen Regentschaft wieder groß und relevant gemacht und ihr glamouröse Umsätze beschert, die zuletzt aber spürbar einbrachen. Nach einem Richtungsstreit mit der taiwanesischen Eigentümerin wurde er vor einem Jahr höchst spektakulär gefeuert. Exit Elbaz, Auftritt: Bouchra Jarrar, 43, französische Tochter marokkanischer Eltern. Eine leise, ernsthafte Frau, die bisher vor allem Couture gemacht hat. Unter Eingeweihten gilt sie als Meisterin maskulin inspirierter Schneiderkunst, außerhalb der Mode kennt sie kein Mensch. Der erste Look von Jarrar für Lanvin? Ganz andere Geschichte.

Goldketten und Funkelarmbänder - angemessen bourgeois, aber nicht weltfremd

Ein Prunksaal im Pariser Rathaus, acht Kristalllüster, Stuck nicht zu knapp, Wand- und Deckengemälde quadratmeterweise - und herein kommt eine Erscheinung ganz in Weiß, die gleichzeitig nostalgisch ist und modern: Smokingweste überm seidenen Nadelstreifenkleid über Satinhosen zu filigran bestickten Glitzersandalen. Vielschichtig, wie gesagt.

In den Gesichtern in der Front Row kann man Ablehnung und Versuchung miteinander ringen sehen. Auch bei diesem Defilee gibt es ja eine verbotene Frage, wegen der immensen Popularität des Vorgängers, sie lautet: War es nicht an der Zeit? Die Wahrheit ist, dass Elbaz bei Lanvin all den Power-Luxus gezeigt hat, zu dem er fähig war (und den keiner besser konnte als er), zuletzt aber lagen die Pailletten und Swarovski-Kristalle wie Blei auf der Marke. Der perfekte Moment für eine "Suche nach Essenz und Harmonie", wie in den Anmerkungen zur Show notiert ist.

Rihanna debütiert in Paris - mit schweinchenrosa Babydolls

Es ist eine Kollektion in Schwarz-Weiß-Nude, ganz ruhig und konzentriert, mit ein paar opulenten Details. Zu Bikerjacken und Nadelstreifenanzügen addiert Jarrar das Feminine, federleichte Chiffonkleider, Spitzennegligés und Blumenprints, und rundet das Ganze mit schweren Silberketten, Straußenfedern und Funkelarmbändern ab. Das ist angemessen bourgeois, aber nicht abgehoben. Als die zierliche Designerin an der Hand des baumlangen Topmodels Karlie Kloss erscheint, hat in der Geschichte des Hauses Lanvin tatsächlich ein neues Kapitel begonnen.

Sonst noch was? Aber ja. Auch ein veritabler Superstar hat in Paris debütiert, mit der "Fenty by Rihanna"-Kollektion für Puma. Man wird diese Show aus dreierlei Gründen niemals vergessen: Erstens, weil sich schweinchenrosa Babydolls zu brickettdicken Turnschuhen nicht so leicht abstreifen lassen, zweitens, weil man Rihanna zum ersten Mal lächeln sah, und drittens wegen Linda Fargo.

Fargo, silberner Signatur-Pagenschnitt, ist Vizepräsidentin des piekfeinen Luxuswarenhauses Bergdorf Goodman und eine der Mächtigen der Mode. Wäre der Rihanna-Look nicht was für die illustre Kundschaft . . . ? Es soll ein verschwörerischer Scherz sein auf Kosten des Stars, und wirklich, sie wirft den Silberkopf zurück und lacht, Volltreffer! Im Abgang dreht sie sich noch einmal um: "Wir haben die Kollektion schon längst gekauft." Oh.

Rihanna

Stil? Ihr doch egal!