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Ladies & Gentlemen:Aus der Reihe tanzen

(Foto: Reuters, AFP)

Wie man Erwartungen ganz lässig unterläuft, das zeigten die Regisseurin Chloé Zhao und der Musiker Questlove bei der Oscar-Verleihung. Preisverdächtig!

Von Julia Werner und Jan Kedves

Tiefstapeln: Chloé Zhao

Wie man es macht, ist es falsch. Das weiß wohl auch die Gewinnerin der wichtigsten Oscars (für beste Regie und besten Film), Chloé Zhao. Der gebürtigen Chinesin mit Wohnsitz in den USA wird auf Social Media ihr Background vorgeworfen. Ihr Vater ist ein chinesischer Stahl-Immobilien-Private-Equity-Tycoon, und, Skandal, sie besuchte sogar ein englisches Internat. Und macht trotzdem Filme über unterprivilegierte Menschen! Man darf sich also, wenn man wohlhabend ist, nicht für die Armen interessieren. Öl in dieses identitätspolitische Feuer gießt natürlich ihr nächstes Filmprojekt, nämlich die Regie für einen zukünftigen Kassenschlager für Marvel. Wäre Zhao in einem golden glänzenden Kleid und glitzernden High Heels über den roten Teppich spaziert, hätte diese Blöd-Argumentation sicher noch mehr Auftrieb bekommen. Ihr Outfit - ein hochgeschlossenes, aufwendig gearbeitetes Tageskleid mit schlichten weißen Turnschuhen - wirkt vor diesem Hintergrund also wie geschickte Tiefstapelei. So wenig Make-up, so wenig Haar-Style haben die Oscars ja noch nie gesehen! Es könnte natürlich auch sein, dass die Regisseurin einfach keinen Bock auf Glamour hat und sich in einem Versace-Fummel lächerlich verkleidet vorgekommen wäre. Die erste Theorie macht aber mehr Spaß, denn nicht nur ihr Outfit, auch ihre 620-Euro-Basics an den Füßen sind nämlich von Hermès. Schöner kann man den Hatern den modischen Mittelfinger nicht zeigen.

Hochstapeln: Questlove

Die schärfsten Hingucker bei den Oscars trug diesmal eine coole Katze. Ahmir Thompson alias Questlove, Schlagzeuger der amerikanischen Band The Roots, stellte sich mit der Selbstverständlichkeit einer cool cat aus dem Jazzkeller auf den roten Teppich: in goldenen Crocs. Der 50-Jährige war an dem Abend der Musikdirektor der Zeremonie und übererfüllte mit seinen Schuhen die Bitte der Academy, man solle sich inspirierend und "nach Höherem strebend" ("inspirational and aspirational") kleiden. Denn wer strebt, braucht kein echtes Gold; mit echtem Gold wäre man ja schon oben angekommen. Und was könnte inspirierender sein, als sich den strebenden Bling-Effekt mit einer Graffiti-Dose einfach selbst zu sprühen, so wie Questlove es offenbar getan hat? Afroamerikanische Stilwissenschaft, wie sie auch im Soul und Hip-Hop praktiziert wird. Die Marke Crocs dürfte sich bedanken, denn so werden die Schlappen aus Kunstharzschaum, die immer ein bisschen aussehen, als sei man in eine Schildkröte getreten, noch weiter nobilitiert. Luxus-Crocs für den Laufsteg gab es in Kooperation mit Balenciaga längst. Das Business boomt. Gerade meldete die Marke, dass der globale Umsatz im ersten Quartal 2021 um 64 Prozent gestiegen sei. Crocs sind die It-Schuhe der Pandemie, ideal zum Rumschluffen zu Hause. Dass mit Sprühgold ein strahlend-schluffiger Oscar-Look draus wird: Hauptsache, bling! Beim Reinzoomen sieht man, dass der Lack auf dem roten Teppich schon anfängt abzublättern.

© SZ/chrm
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