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Orthopädische Unterwäsche:Kompressionsstrümpfe für Hipster

Hautfarbe ade: So sinnlich kann eine Strumpfhose aussehen, die die Durchblutung fördert.

(Foto: Christian Schuller/Item M6)

Ein Unternehmen aus Bayreuth hat ein Produkt in Mode gebracht, das man sonst nur aus dem Sanitätshaus kennt. Der Trick: gutes Design - und ein Wellness-Versprechen.

Er hat jede Menge Metall und Tattoos im Gesicht und guckt maximal grimmig. Sven Marquardt ist das, was man einen harten Hund nennt. Klar, er ist schließlich auch der härteste Türsteher von Berlin. Wer vor dem Technoclub Berghain seinen Spruch "Wir haben uns dagegen entschieden" zu hören bekommt, weiß, er hat verloren. Zumindest für diesen Abend. In der ehemaligen DDR war Marquardt all das, was man dort offiziell nicht war: schwul, Punk und dauerhaft auf Droge. Man kann ihn also mit vielem in Verbindung bringen, Kompressionsstrümpfe gehören erst mal nicht dazu.

Doch genau dafür hat er jetzt die Werbekampagne fotografiert. Er zog tätowierten Kerlen vom Kiez die knallengen Dinger an und stellte sie in einen abgewrackten Boxring irgendwo in Berlin. Die Schwarz-Weiß-Bilder sehen ziemlich cool aus, weshalb hippe Magazine gleich darüber berichtet haben.

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Die Strümpfe, die Marquardt so ungewöhnlich inszeniert hat, sind von Item M6. Dem Unternehmen ist es gelungen, ein Produkt auf dem Modemarkt zu etablieren, das man sonst nur aus Sanitätshäusern kennt. Das ist ein kleines Kunststück, denn Kompressionsstrümpfe sind zunächst einmal nichts, was man freiwillig trägt. Bei Venenerkrankungen, Krampfadern, Gelenkschmerzen oder Thrombose werden sie vom Arzt verschrieben und von der Krankenkasse bezahlt.

Die Firma Medi, zu der Item M6 gehört, ist Weltmarktführer in diesem Bereich. Vor etwa sechs Jahren kamen sie auf die Idee, orthopädische Strümpfe und Strumpfhosen in abgeschwächter Form zu entwickeln. "Die Lightversion sozusagen", sagt Michael Weihermüller. Zusammen mit seinem Bruder Stefan leitet er das Familienunternehmen, mittlerweile in der vierten Generation. Er sitzt im fünften Stock eines dieser typischen Zweckbauten in einem Industriegebiet am Rande von Bayreuth, sieht aber kein bisschen provinziell aus: graue Flanellhose, weißes Hemd, dunkelblauer Blazer, italienische Wildlederschuhe. Und natürlich trägt er dazu Kompressionsstrümpfe.

Der Strumpf sorgt dafür, dass das Blut schneller fließt

Nun darf man bloß nicht den Fehler machen und Stützstrumpf dazu zu sagen. "Ein Stützstrumpf ist einfach nur ein enger Strumpf", erklärt Michael Weihermüller. Ein Kompressionsstrumpf dagegen hat einen unterschiedlichen Druckverlauf. An der schmalsten Stelle des Beines, dem Knöchel, ist der Druck am größten, zur Wade hin nimmt er ab. "Dadurch kann das Blut schneller fließen und Flüssigkeitsansammlungen werden praktisch nach oben ausgespült." Der Effekt: Das Bein fühlt sich angenehm leicht an und erstaunlicherweise überhaupt nicht eingeengt, obwohl das Material so stramm anliegt. Eine Modebloggerin schrieb, sie komme sich mit Item M6-Strumpfhose 8,7 Kilogramm leichter vor. So exakt kann man das nach einem Selbstversuch nun nicht bestätigen, aber alles andere stimmt. Miriam Weihermüller fällt noch ein Aspekt ein, der für viele Frauen nicht unerheblich ist: "In den Strumpfhosen sehen die Beine viel schlanker aus. Man kann viel kürzere Röcke tragen." Sie ist die Tochter von Michael Weihermüller, zur Zeit hochschwanger und eigentlich im Mutterschutz, aber sonst zuständig für die Sparte Lifestyle.

In der Zentrale von Medi in Bayreuth sind 1400 Mitarbeiter beschäftigt, an die 900 in der Produktion. Im Drei-Schicht-System, sechs Tage die Woche. Das ist nötig, denn das Unternehmen stellt mehr als 100 000 verschiedene Artikel her. Neben Kompressionsstrümpfen auch andere medizinische Produkte wie Knieorthesen (bei Kreuzbandrissen oder nach Meniskus-OP) oder Rückenprotektoren. Der Lifestyle-Bereich macht bisher erst zehn Prozent aus, aber er wächst. Vor einem Jahrzehnt stieg die Firma in den Sportmarkt ein. Medi stattet die Deutsche Ski-Nationalmannschaft, den Extrem-Kletterer Stefan Glowacz und den Triathleten Timo Bracht aus. Und irgendwann fragten die Sportler, ob es diese Kompressionsstrümpfe, die den Muskel so schön entspannten und einen so locker laufen ließen, nicht auch für den Alltag gäbe.

"Das war der Startschuss für Item M6", sagt Miriam Weihermüller. Damit so etwas wie ein Kompressionsstrumpf bei Modekunden ankommt, darf er natürlich nicht so heißen, sondern wird als "Wellness für die Beine" verkauft. Zusammen mit der Werbeagentur Leo Burnett wurde ein cooler Markenauftritt konzipiert, für Logo und Verpackung gab es bereits mehrere Design-Preise. Für die Kampagnen holen sie sich angesagte Fotografen wie eben Sven Marquardt oder Kristian Schuller und kooperieren mit Designern wie Dorothee Schumacher. Und irgendwie haben sie es sogar geschafft, Wolfgang Joop dazu zu bringen, in Talkshows zu sitzen und über die Vorzüge orthopädischer Strümpfe zu dozieren.

Das genaue Strickverfahren wird streng gehütet wie eine Geheimrezeptur

Inzwischen gibt es nicht nur Strümpfe, sondern Kompression für den ganzen Körper, das nennt sich dann Shapewear. "Der Druck muss ja nicht aufs Bein beschränkt sein. Man kann damit auch am Hintern, am Bauch und an den Hüften arbeiten", sagt Miriam Weihermüller, die nebenher mit der Designerin Anne Gorke ein eigenes Modelabel betreibt - ökologische Mode im Bauhaus-Stil, die Marle war im vergangenen Jahr für den German Fashion Award nominiert.

Den Erfolg von Item M6 hätten andere auch gern. "Manche schreiben sogar eins zu eins unsere Produktinformationen ab", sagt Michael Weihermüller. Deshalb wird das genaue Strickverfahren der Strümpfe ungefähr so streng gehütet wie die Geheimrezeptur der originalen Sachertorte - bei der Führung durch die Fertigungshallen dürfen auf keinen Fall Fotos gemacht werden. "Viele Mitbewerber sind klassische Strumpfhersteller aus der Mode, denen fehlt einfach unser Know-how." Etwa, wie man es schafft, dass ein orthopädischer Strumpf sechzig Wäschen hält, ohne seine Wirkung zu verlieren.

Über das ganz spezielle Kompressionsstrumpfwissen verfügt Medi jetzt schon seit fast 100 Jahren. Um 1920 herum hatte Albert Weihermüller die Firma in Pausa in Sachsen gegründet, einst das Zentrum der weltweiten Kompressionstrumpfherstellung. 1951 floh der Sohn über die Grüne Grenze aus der DDR, mit Teilen einer Strickmaschine im Rucksack, und baute das Unternehmen in Bayreuth wieder auf.

Der ungewöhnliche Name der Modelinie ist einfach erklärt: "Item" ist das englische und etwas griffigere Wort für Warenartikel, und "M6" kommt aus der traditionellen chinesischen Medizin. "Es bezeichnet den 6. Meridian, der durch den Knöchel verläuft und der für Leichtigkeit und Energie steht", sagt Miriam Weihermüller. Der Punkt also, an dem bei den Strümpfen die Kompression am größten ist.

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