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Oktoberfest:Das heutige Dirndl wurde für Hitler entworfen

Der klassische Dirndlschnitt mit einfachem Rock und schmaler Taille, den wir heute tragen, ist seit Langem unverändert. Er wurde in dieser Form von Gertrud Pesendorfer entworfen. Die Innsbruckerin leitete bis 1945 die sogenannte Mittelstelle Deutsche Tracht und arbeitete für Hitler emsig an der Neuerfindung eines Nationallooks, basierend auf regionalen Trachten. Deren Unterschiede sollten zunichtegemacht werden. "Zentnerschwere Röcke, Ungetüme von Hauben werden unsere Bäuerinnen nicht mehr belasten", schrieb die Nationalsozialistin in ihrem Werk "Neue deutsche Bauerntracht". Die Tracht sei ein Mittel, "unsere Art zu erhalten gegenüber allem Fremden". Jüdinnen war das Dirndltragen verboten.

Auch von "Überwucherung durch fremde Gewächse" schwadronierte Pesendorfer. Und sie schnitt, als Angriff auf die katholische Kirche, dem Dirndl die züchtig langen Ärmel ab. Auch die knappe Dirndlbluse, wie wir sie heute kennen, geht also auf ihr Konto. Ihr bis 2013 verlegtes Buch "Lebendige Tracht" gilt als Standardwerk. Pesendorfer konnte sich bis zu ihrem Tod als Instanz fühlen und prägte bis in die Achtzigerjahre unsere Vorstellung von traditioneller Bekleidung.

Wobei sich seither unter Stil-Gesichtspunkten Erfreuliches getan hat. Denn als sich der Käferzelt-Promi-Look (Organzabluse, Spitzenschürze, geschürzte Lippen) und die Touri-Aufmachung (Made-in-China-Dirndl auf Pofaltenhöhe, Heidizöpfe) optisch annäherten, setzte ein Umdenken ein. Jetzt wollen es alle extrapuristisch. Selbst die Fußballergattin möchte nun die Frau im schlichten Baumwolldirndl sein, die unter all den Billigoutfits so angenehm wirkt, dass sie für ihre Anmut und ihr Traditionsbewusstsein gelobt wird.

Ein reizendes Kompliment, natürlich - aber historisch kaum haltbar. Dirndl und Lederhose sind alles andere als die althergebrachte Wiesn-Uniform. Das Volksfest ist viel älter als das Bauernkleid, zum ersten Mal wurde es 1810 anlässlich einer Adelshochzeit gefeiert. Aber erst ab den 1880er-Jahren trugen Hofmägde überhaupt Dirndl, im Alltag, bei der Arbeit. Zur Freizeitkleidung wurde ihr Gewand erst sieben Jahrzehnte später, als Städterinnen mit Industrialisierungspanik bei der Sommerfrische in den Alpen das Dirndl imitierten und, je nach Gusto, verfremdeten. Es gibt also nicht den Wiesn-Look, er ist reine Geschmackssache.

Man muss deswegen nicht gleich auf Tracht verzichten. Guter Stil auf der Wiesn heißt eben: die von selbsternannten Brauchtumsspezialisten aufgestellten Regeln souverän zu brechen. Wie wäre es mit Western Boots zum Dirndl anstelle der ewigen braven Ballerinas? Oder statt Dirndl einen wunderschönen, von Lederhosen inspirierten Rock des Labels Feder Rock mit Strickjacke in Regenbogenfarben. Dirndl aus afrikanischem Wax-Stoff fertigt die Marke Noh Nee aus München. Und für die Herren gibt es, statt brachial kariertem Shirt, ein schmales, gekrempeltes, geradezu elegantes Trachtenhemd von "Hund sans scho".

Die Pesendorfer zitierte gern den von ihr verehrten Turnvater Jahn: "Solange eine klein gedrängte Völkerschaft noch ihre volkstümliche Kleidung trägt, ist sie gegen Einschmelzung geharnischt." Was volkstümliche Kleidung heute ist, das bestimmen auf der Wiesn zum Glück: dicht gedrängte Menschen aus aller Herren Länder. So gesehen ist das Oktoberfest sowieso das Epizentrum des weltoffenen, lässigen, kurz, des guten Geschmacks.

© SZ vom 15.09.2018/cck
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Von Elisa Britzelmeier (Text) und Martin Moser (Fotos)

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