Süddeutsche Zeitung

Wiesn-Trends 2018:Freut euch, Puristen!

Lesezeit: 5 min

Simplify your Tracht: Auch in diesem Jahr kommt die Oktoberfest-Mode ohne Tüll und Glitzer aus. So bleibt auf Dirndl und Lederhose mehr Platz für feine Details. Was man wie trägt.

Von Violetta Simon

Die gute Nachricht vorweg: Das Wettrüsten ist vorbei. Blingbling-Kreationen aus Satin und Taft mit Miederschnürung, Spitzenschürzen und Blumenmustern aus den vergangenen Jahren sind wohl überstanden. Die Dirndlträgerin setzt auf edle Schlichtheit. Das ist alles andere als fad, der Reiz steckt im Detail - vor allem bei Mieder und Bluse. Auch die Herren können sich auf einen stilvollen Auftritt freuen: Nicht nur die Weste kommt heuer groß raus.

Das Dirndl

Das Dirndl ist zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt und hat unterwegs überflüssigen Ballast abgeworfen. "Tracht wird insgesamt feiner und dezenter, dafür kommt sie wertiger daher", sagt Gabriele Hammerschick von Lodenfrey in München. Und zwar in erdigen Farben, von Marineblau über Tannen- und Olivgrün bis hin zu Beerentönen. Bei den Pastelltönen ist Apricot ganz vorn. Insgesamt trägt man wieder mehr Baumwollstoffe und Leinen, verziert mit winzigen Printmotiven wie Punkte, Blüten, Herzchen.

Im Mittelpunkt steht heuer das Mieder, mitunter aus Samt mit Stickereien, oft aus Naturfasern. Dekorative Elemente wie Satinbänder, Spitzeneinsätze, Pailletten und sonstiger Firlefanz sind weitgehend verschwunden. Zum Ausgleich gibt es hübsche Innenfutter und hochwertige Details. Zusammengehalten wird das Mieder von geprägten Knöpfen aus Altsilber, mit Bäumchenstich angenähten Perlmuttknöpfen oder verborgenen Häkchen, immer seltener von einem Reißverschluss. Der Dirndlrock nimmt sich zurück, ist farblich einheitlich, mitunter fein bedruckt. Der Saum umspielt das Knie, kürzer wird's nicht, höchstens länger.

Das Münchner Label Gottseidank hat es im vergangenen Jahr vorgemacht: Gerade bei jungen Frauen kamen die hochgeschlossenen Dirndl bestens an. Auch heuer zeigt sich das Dekolleté auf charmanteste Art zugeknöpft, mit V-Ausschnitt oder als Schlitz. Ebenfalls beliebt ist zwar der ausladende Schneewittchen-Kragen, der in liebevoller Handarbeit von Froschmäulchen, Herzborte oder feinen Rüschen umrahmt wird. Nackte Haut ist dennoch kaum zu sehen, zumindest nicht auf den ersten Blick - die Dirndlbluse macht den Unterschied.

Die Bluse

Absoluter Trend in diesem Jahr sind hochgeschlossene Blusen, die zum klassischen Miederdirndl getragen werden. Andere sind geöffnet, aber nicht ausgeschnitten, etwa mit Schlitz und Knopf. Baumwoll-Blusen sind durch Lochstickerei aufgewertet, Lochspitze oder Spitze bilden durch ihre Transparenz einen spannenden Kontrast zum reduzierten Dekolleté. Lodenfrey-Expertin Hammerschick findet das sehr charmant: "Dass erst auf den zweiten Blick etwas zu sehen ist, kommt vielen Frauen entgegen". Puffärmel sind passé, die Ärmel sind halblang und schmal, ein Rückeneinsatz aus Baumwolle bringt Komfort. Immer öfter sieht man auch hochgeschlossene oder dezent ausgeschnittene, vom Retro-Schick der 60er und 70er Jahre inspirierte Vintage-Dirndl mit Flügelärmchen, die ohne Bluse auskommen.

Der Rock

Für Andreas Kammermeier, Leiter des Einkaufs von Ludwig Beck, ist der Rock mit seinen Borten, Mustern und Farben "das Statement-Teil der Saison". Besonders farbenfrohe Modelle, etwa aus den Häusern Paltinger oder Hoschek, werden in Szene gesetzt statt übertrumpft: Zu so einem Rock genügt eine Trachtenbluse, natürlich in Weiß. Dazu ein Loden- oder Walkjäckchen - "tailliert, hinten Schößchen, vorne Knöpfe, mehr passiert da nicht", sagt Kammermeier. Schlichte Modelle, fein bedruckt, werden mit einem Mieder oder Janker ergänzt. "Zum Aufpimpen" empfiehlt Kammermeier Stretchgürtel mit einer Schließe aus filigranem Metall.

Die Schürze

Eine schöne Schürze passt sogar zum Trachtenrock, findet Nina Munz von Angermaier Trachten. Besonders schön dazu: Schmuckschließen und Schnallen aus Altsilber oder -messing, gefertigt nach alten Vorlagen. Das sind beinahe kleine Kunstwerke, schnörkellose Alternativen zur Schleife. Der Vorteil liegt für Munz auf der Hand: "Man muss nie nachbinden, das Schürzenband ist elastisch, lässt also auch für ein halbes Hendl Platz." Darüber hinaus erübrigt sich die Frage, welchen Status die Schleife anzeigen sollte (siehe Animation). Wer sich aber für eine Schleife entscheidet, sollte darauf achten, dass die Bänder glatt sind und die beiden Schlaufen waagrecht abstehen (wie zwei Mausohren).

Was trägt der Herr?

Die Schuhe

Hohe Pumps passen immer, sind aber für exzessives Bierbank-Hüpfen nicht unbedingt geeignet. Nie verkehrt sei ein Trachtenschuh mit leichtem Absatz, sagt Nina Munz von Angermaier Trachten. Und natürlich klassische Schuhe, modern interpretiert. "Je authentischer und traditioneller das Dirndl, desto schwieriger wird es, den passenden Schuh zu finden", sagt Jörg Hittenkofer, Designer und Inhaber von Gottseidank. Das Münchner Label setzt zum klassischen Dirndl auf schwarze Schuhe und orientiert sich dabei an der Trachtenschuhkultur. "Von dem traditionellen Ansatz würden wir nicht abweichen." Ein reizvoller Stilbruch lässt sich Hittenkofer zufolge mit Stiefeletten oder Riemchenpumps erzeugen. "Außerdem verleihen sie der Frau eine feminine Ausstrahlung."

Accessoires und Drumherum

Je nach Anlass lassen sich Dirndl durch unterschiedliche Schmuckelemente aufwerten. Aber auch hier gilt: Weniger ist mehr. "Lieber Kette, Ohrring oder Armband bewusst als Akzent einsetzen, als von jedem etwas", sagt Hammerschick von Lodenfrey. Auch das so genannte "Gschnür" am Mieder, das als Silberkette zwischen Haken im Zickzack nach oben verläuft, erhält auf den schlichten Miedern wieder die nötige Aufmerksamkeit. Besonders angesagt ist die abgespeckte Variante, als Pendant zum Charivari der Herren. Statt Taler, Amulette und Hirschhorn hängen bei den Damen z.B. Engelsflügel, Herzerl und Bergkristalle.

Kunstblumengebilde auf dem Kopf, die an dekorierte Kühe beim Almabtrieb erinnern, sind out. Haarreifen mit kleinen Blümchen findet Kammermeier "immer noch süß". Immer öfter sieht man jetzt Haarschmuck mit einzelnen, teils echten Blüten. Auch das Hütchen mit Fasanfeder hat ausgedient. Bei Filzhüten orientieren sich die Designer wieder stärker nach alten Vorlagen.

Womit wir bei den Herren angelangt sind.

Die Lederhose

"Nur die kurze!" kommt für Kammermeier von Ludwig Beck infrage. Allerdings hat auch sie eine Mindestlänge: Die perfekte Lederhose endet überm Knie, sonst ist es eine Sepperlhose, und die ist aus gutem Grund ausgestorben. Damit die Lederhose perfekt sitzt, rät der Trachtenexperte, sie etwas zu klein zu kaufen, "die dehnt sich noch". Auch wenn man zunimmt und die Hose zu eng wird, hilft nur: anziehen und leiden - bis sie nachgibt. Beim Kauf sollte man schon etwas mehr investieren, findet Kammermeier. Eine handgefertigte, sämisch gegerbte Hirschlederne (um die 1000 Euro) zeichnet sich aus durch hohe Qualität, geschmeidiges Leder und schöne Stickereien. Im Vergleich zu billigen Lederhosen aus Ziege oder Schwein hält sie im Winter warm, im Sommer kühl. "Dazwischen gibt es noch die Wildbock, aber an die Hirschlederne kommt keine ran."

Die Weste

Sie ist ein Muss zur Tracht, entsprechend liebevoll achtet man hier auf Details. Die Stoffe aus Loden, Brokatmix oder Samtgilet sind filigran gemustert. Die eng aneinander stehenden Knöpfe sind kugelförmig und fein verziert. Genau wie die Damen gibt man sich zugeknöpft: "Die Weste bleibt geschlossen, da lässt man höchstens unten einen, oben zwei Knöpfe auf, damit das Hemd rausblitzt", sagt Kammermeier. Atmen ist dennoch möglich, dank Elasthananteil in Oberstoff und Rücken.

Das Hemd

Auch wenn Auswärtige das immer noch glauben: Karo ist wirklich nicht mehr im Trend. Das unifarbene Hemd hat an Bedeutung gewonnen - in Weiß oder Hellblau. Fliederfarben oder rosa trägt nur eine kleine Zielgruppe. Hochwertiger und festlicher wird es, wenn das Hemd eine leichte Struktur oder, etwa beim weißen Hemd, Streifen Ton in Ton aufweist.

Schuhe, Strümpfe und mehr

Zur Tracht trägt der Mann Haferlschuhe, schwarz und glatt. Alles andere ist Mumpitz - oder eine "modische Weiterentwicklung", wie sich Andreas Kammermeier ausdrücken würde. Strümpfe hingegen dürfen nicht mehr nur grau und dunkelgrün sein, sondern sollten mit dem Rest harmonieren. Deshalb gibt es sie in mindestens zehn Farben, von blau bis hellgelb. "Der modebewusste Mann wählt den zur Weste farblich passenden Strumpf", sagt Kammermeier. Bei Loferln sei gerade grau mit blauen Ringeln angesagt. Die traditionellen Wadenwärmer werden aber nur von wenigen getragen. Woran das liegt? "Man muss schon eine gewisse Wadenmasse mitbringen", meint Kammermeier. Wer schmale Waden hätte, so wie er, sei mit Strümpfen besser dran. Die zieht man übrigens hoch bis unters Knie, und lässt sie nicht lose überm Schuh herumhängen.

In diesem Sinne: Viel Freude auf der Wiesn und immer schön Haltung bewahren!

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