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Nette Nester:Wipfel der Gefühle

Komm, wir bauen uns einen echten Stammsitz! Das Baumhaus ist heute zu einem beliebten Spielplatz geworden - vor allem für Architekten und andere Erwachsene.

Es fängt immer gleich an", sagt Roderick Romero. "Der Kunde fragt: Können Sie ein Baumhaus für meine Kinder bauen? Aber irgendwann übernehmen es die Eltern und laden ihre erwachsenen Freunde zu Übernachtungspartys ein." Der amerikanische Architekt ist mit seinen luftigen Entwürfen einer der Drahtzieher der neuen Baumhaus-Bewegung, die gerade ein weltweites Revival erlebt. Denn war früher so ein Haus in den Bäumen ein reines Kindervergnügen und bloßer Bretterverhau, der vor Sturm ebenso zitterte wie vor einem Besuch des TÜV, legen sich inzwischen auch volljährige Menschen Zweithäuser in den Wipfeln zu, ganzjährig bewohnbar und nicht selten aufwendig gestaltet.

Häuser in Baumkronen zu bauen, ist natürlich keine Idee der Gegenwart. Bereits in der römischen Antike ließ Kaiser Caligula für seine Feste ein Baumhaus konstruieren, indigene Völker in Asien, Afrika oder Südamerika leben seit jeher mit schützendem Abstand zu den Gefahren des Waldbodens und nicht nur Peter Pan, sondern auch politische Baumbesetzer wissen um den beruhigenden Effekt einer hochgezogenen Strickleiter. Aber wenn heute auch Ozzy Osbourne das Bedürfnis hat, seine Villa zeitweise gegen ein Tree House einzutauschen, muss noch mehr dran sein am Erlebnis Baumhaus.

Ob im weiten Wald oder im eigenen Garten - das Baumhaus ist Inbegriff der kleinen Freiheit

"Baumhäuser sind etwas Besonderes, weil sie dem Menschen wie kein anderer Raum Freude bescheren", ist sich der Kanadier Joel Allen sicher. "Hoch über dem Boden herrscht eine unglaubliche Ruhe, während man sich sachte mit den umliegenden Wipfeln wiegt." Deswegen brachte der 36-Jährige zwei Jahre damit zu, in einem Wald nahe Vancouver sein "Hem Loft" zu konstruieren. Wie ein hölzernes Bienennest hängt es nun meterhoch in unwegsamen Gelände in der Wildnis British Columbias. "So einen privaten Rückzugsort in den Wäldern zu haben, transportiert uns Menschen ganz automatisch zurück in die Kindheit, wo wir uns in einer magischen Welt verlieren konnten, ganz ohne die Last an Verpflichtungen und Erwartungen des Erwachsenendaseins." Ob im weiten Wald oder im eigenen Garten - das Baumhaus ist Inbegriff der kleinen Freiheit und Erfüllungsort für jenen Eskapismus, von dem heute so viele Stadtmenschen regelmäßig befallen werden.

Dank dieser urbanen Nachfrage entstehen derzeit überall Baumkonstruktionen, die mit kindlicher Nostalgie nicht mehr viel gemein haben. So hat zum Beispiel die gehobene Hotellerie das Baumhaus ebenfalls für sich entdeckt und bietet von exklusiven Tree Lodges in Afrika über Baumterrassen-Resorts in Indien bis hin zum Kranzbach-Baumhaus in Oberbayern die Deluxe-Variante einer Kinderfantasie - natürlich immer nur wenige Meter vom Spa-Bereich entfernt. Botschaft: Abenteuer ja, aber bitte komfortabel.

Natürlich ist das dann nicht mehr die wacklige Bretterbude - die Außenwände eines der Baumzimmer des schwedischen Treehotels etwa sind komplett verspiegelt, so dass der Kubus fast gänzlich in der natürlichen Umgebung verschwindet. Gäste die hier ab- beziehungsweise aufsteigen, können "ihre Energie umgeben von unberührter Natur aufladen", verspricht die Webseite - 440 Euro pro Nacht und einen Fußmarsch in den Wald vorausgesetzt.

Das Urban Treehouse in Berlin-Zehlendorf wurde hingegen bewusst nicht mitten im Grünen gebaut, "sondern in einem urbanen Umfeld, einem Wohngebiet, das genau zwischen städtischem Leben und der Natur liegt", schreiben die Initiatoren, denen es vor allem um einen reizvollen Perspektivwechsel geht. Dass die puristischen Bauten hier vorrangig auf Stelzen stehen, würde zwar zur Disqualifikation bei Baumhausromantikern führen, bei vielen der modernen Entwürfe ist der Baum als tragende Säule aber ohnehin ins Hintertreffen geraten.

Sichtet man, etwa auf dem Blog treehouselove.com, aktuelle Baumhäuser, denkt man weniger an ein Leben mit der Natur, sondern an den Umstand, dass sich Architekten und Designer offenbar erst bei diesen unernsten Projekten so richtig ausleben: Es werden Stämme mit 3-D-Scannern vermessen, Hybrid-Aluminium-Konstrukte entworfen, um den Baum weniger zu belasten und Designs umgesetzt, die sonst als ewige Zukunftsvisionen in der Schublade vergammelt wären. Das Redwood Treehouse im neuseeländischen Auckland sieht etwa aus wie eine hölzerne Glasbläserei und beherbergt in seinem Kokon aus luftig arrangierten Stäben ein ganzes Café. Die Gebilde der Firma O2 Treehouse aus den USA wirken wie überdimensionales Origami, das sich ebenso abstrakt wie organisch um die Bäume drapiert.

In Deutschland ist der gewünschte Stil meist traditionell oder märchenhaft

O2 Treehouse gehört damit zu den Akteuren einer Branche, die bis vor Kurzem noch gar nicht existierte: professionelle Anbieter für Baumhäuser. War der Bereich bis dato von Vätern und Großvätern besetzt, die fehlendes Wissen über Statik mit umso größerer Begeisterung wettmachten, gibt es inzwischen einen Markt für Auftragsarbeiten. Zu den Vorreitern zählen La Cabane Perchée aus Frankreich (ebenso wie England ein baumhausverrücktes Land) oder Pete Nelson von TreeHouse Workshop aus den USA, der mit seiner TV-Dokuserie "Die Baumhausprofis" auch hierzulande einen Sendeplatz bei DMAX belegt. Seit 2003 ist der Bremer Architekt Andreas Wenning mit seiner Firma Baumraum einer der wenigen Anbieter im deutschen Raum. Dass es einen Boom rund um Bauen im Baum gibt, kann Wenning bestätigen. Rund sechzig Projekte hat er bereits realisiert, unter anderem in Brasilien, Russland und Argentinien - der Wipfelsturm ist ein globales Phänomen. In Deutschland ist der gewünschte Stil dabei meist traditionell, rustikal oder märchenhaft, nur wenige Bauherren denken gleich so modern wie Wenning. "Es musste erst Pionierarbeit geleistet werden, um den Menschen zu zeigen, dass ein Baumhaus auch für Erwachsene ein Refugium sein kann," sagt er.

Dass sich der Trend gerade jetzt durchsetzt, ist wohl kein Zufall. Zum einen entspricht die Reduzierung auf einen kleinen Raum dem immer populärer werdenden Bedürfnis nach Minimalismus. So wird die Beschränkung auf das wohnlich Wesentliche in den USA schon seit Jahren in Form des "Tiny House Movement" zelebriert, das stilvolle Cabins, raffinierte Bauwagen oder futuristische Wohnkapseln hervorbringt. Zum anderen lösen sich gesellschaftliche Stereotype wie jenes vom genussfeindlichen, verknöcherten Öko auf. Das erlebt Andreas Wenning auch bei seinen Kunden. "Sie umgeben sich mit modernen Gütern, sind aber dennoch ökologisch orientiert. Das spiegelt auch die Entwicklung der Baumhäuser wieder und dass sie moderne Formen des Wohnens in Einklang mit der Natur bringen können. Da sitzt der Mensch dann mit dem Laptop in den Bäumen."

Ein professionell gebautes Baumhaus ist allerdings Menschen mit entsprechendem Budget vorbehalten. Liegt ein simples isoliertes Modell bei Baumraum bereits bei 10 000 Euro, sind den Luxusvarianten nach oben nur Grenzen durch die Stämme gesetzt. So ließ sich Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling für 250 000 britische Pfund ein Stelzenhaus bauen und Roderick Romero wurde nicht nur von Ozzy Osbourne, sondern auch von Sting, Donna Karan und Val Kilmer mit hochpreisigen Projekten beauftragt. Ein Baumhaus, das offenbart diese Kundenliste, hebt sich eben nicht nur in Sachen Höhe vom gewöhnlichen Drittdomizil ab, sondern taugt auch noch als individuelles Statussymbol. Yacht und Sportwagen hat jeder - ein eigener Baum mit einem Haus darin ist aber niemals Stangenware.

"Ich habe noch nie gesehen, dass jemand in einem Baumhaus nicht gelächelt hat."

Bauen zu lassen, käme für Menschen wie Joel Allen nie in Frage, der sein Hem Loft gänzlich illegal in die kanadische Wildnis zimmerte. "Selbst wenn ich es mir hätte leisten können, wäre ich nie auf die Idee gekommen, jemanden mit dem Bau zu beauftragen", so Allen. "So leidenschaftlich an etwas zu arbeiten und all die Herausforderungen selbst zu meistern, war ein elementarer Bestandteil des Ganzen und umso befriedigender." Das gilt offenbar auch, wenn das Baumzuhause nicht für den Eigenbedarf gedacht ist. Der Amerikaner Foster Huntington realisierte seine Ast-Architektur zum Beispiel von Anfang an als Gemeinschaftsprojekt. Ein ganzes Jahr arbeitete der Fotograf und Blogger an seinem durch eine Hängebrücke verbundenen Doppelbaumhaus namens The Cinder Cone - mit der Hilfe von rund dreißig Freunden. Gänzlich ohne Bezahlung. Lediglich um der Schönheit der Sache willen und eben als Erfüllung eines Traums.

Bestandteil vom Träumereien ist so ein Baumhaus ziemlich oft, wahrscheinlich schon allein deshalb, weil es nicht am Boden steht sondern immer ein bisschen surreal durch die Luft schwebt. Und auch wenn das Baumhaus auf Bestellung etwas von diesem Charme verliert, bleibt der Kern aller Begeisterung doch derselbe: über den Dingen sein und sich einen Raum schaffen, wo vorher keiner war. "Unterbewusst suchen die Menschen da oben nach einer Auszeit von unserer überentwickelten Welt", glaubt Joel Allen, der ständig damit rechnen muss, dass sein Baumhaus von Ordnungshütern entfernt wird und den Bau trotzdem nicht bereut.

Die früher existenzielle Funktion, hoch oben vor Feinden gefeit zu sein, hat sich gewandelt, heute geht es eher darum im Großstadtdschungel nicht unterzugehen. "Ein Baumhaus ist kein reiner Funktionsraum", sagt Baumraum-Gründer Andreas Wenning. "Dort zelebriert man alles ein Stück weit. Es ist ein Gefühl der Erhabenheit - im räumlichen und im übertragenen Sinn." In einem Baumhaus verändert sich der Blick auf die Dinge und sein amerikanischer Kollege Roderick Romero ergänzt dementsprechend: "Meine Kunden finden Frieden in Baumhäusern, lösen sich vom Denken eines Erwachsenen und nehmen vielmehr den Zustand eines Kindes ein. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der in ein Baumhaus gekommen ist und nicht gelächelt hat."

Das gilt für Ozzy Osbourne ebenso wie für Otto Normalverbraucher. Deswegen ist der Trend zum Baumhaus auch eher die Fortführung einer Konstante als eine flüchtige Mode. "Ein Baumhaus bietet für unsere Sinne unverrückbare Qualitäten", sagt Andreas Wenning. "Unseren Wunsch nach Intimität, nach Rückzug, das Wohlbefinden, wenn man gewisse Gerüche riecht, die Nähe zur Natur - seit jeher haben Menschen diese Grundbedürfnisse gehabt und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern." Ob die Luxusvariante oder Do-it-yourself-Bude in der Eiche hängt, ist also unerheblich, denn es gilt immer: Ein Baumhaus beflügelt den Menschen und erdet ihn zugleich.