Serien sind zuverlässige Drinkfluencer. "Sex and the City" hat den Cosmopolitan zum It-Cocktail gemacht und "Mad Men" den Old Fashioned zurückgebracht. Von "House of the Dragon", dem Fantasy-Spin-off der Überserie "Game of Thrones", gibt es zwar sogar Rotweine als Fanartikel zu kaufen, zum It-Drink hat es aber nicht gereicht. Den haben zwei Stars aus der Serie geliefert: Emma D'Arcy und Olivia Cooke. In einem Promo-Interview stellen sie sich gegenseitig Fragen, unter anderem nach ihren jeweiligen Lieblings-Drinks. "A Negroni", antwortet D'Arcy, und ergänzt mit gesenkter Stimme: "Sbagliato... with Prosecco in it." "Stunning", atemberaubend, erwidert Cooke. Mit einer Überzeugung, dass man meinen könnte, die Schaumweinlobby hätte den Dialog gesponsert.
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Doch ob nun geplant oder nicht, es war zu erwarten, dass die Trendmaschine Tiktok den Rest erledigt. Dort werden seitdem Videos und Fotos von leuchtend roten Drinks und deren Zubereitung gepostet. Die New York Times veröffentlichte euphorisch ein Rezept (mit pürierter gerösteter Orange). Und auch hierzulande werden Barkeeper gerade oft nach Negroni Sbagliato gefragt. Wahlweise reagieren sie mit einem wissenden Lächeln oder, zunehmend öfter, mit einem dezent genervten "Tiktok, schon klar".
Jetzt braucht natürlich kein Mensch virale Absolution, schon gar nicht an der Bar. Schließlich war der Sbagliato schon immer gut, manchmal ist er sogar der bessere Negroni. Vom klassischen Negroni, der traditionell aus Wermut, Campari und Gin besteht, existieren heute zahlreiche mehr oder weniger sinnvolle Varianten, es gibt ihn als "Teqroni" (mit Tequila statt Gin) und als weißen Negroni (mit Lillet Blanc und Enzianlikör, nun ja). Doch in einer Welt, in der es den Ur-Negroni gibt, braucht man eigentlich keine Variante von ihm. Mit eben einer Ausnahme: Einzig der Sbagliato steht dem Classico in nichts nach, im Gegenteil.
1972 (oder 1968, so genau weiß man das bei solchen Legenden immer nicht) soll er in Mailand erfunden worden sein, weil ein Barkeeper aus Versehen Prosecco statt Gin in den Negroni gab. Das klingt zwar nach einer so unwahrscheinlichen Verwechslung, dass es Absicht gewesen sein muss, aber die Legende vom Fehler und der Name waren damit in der Welt: Negroni "sbagliato" (gesprochen mit stummem "g") heißt "falscher" Negroni. Für ein halbes Jahrhundert fristete der Sbagliato ein Schattendasein. Sein Ruf: ein Leichtgewicht, die langweiligere Alternative zum "Classico". Gespritztes wird von Connaisseuren, besonders von selbsternannten, ja immer gern belächelt. Doch die Connaisseure sollten sich entspannen, schließlich bekommt sogar die Weinschorle heute Lob von Sommeliers. Sie sollten akzeptieren, dass es eben Negronis für unterschiedliche Situationen gibt. Und bei aller Negroni-Liebe, die Umdrehungen der klassischen Variante können einen schon schaffen, besonders, wenn - wie außerhalb Italiens unverständlicherweise immer noch üblich - nicht automatisch eine Snackauswahl zum Aperitivo serviert wird.
Auch der "falsche" Negroni hat die richtige Balance aus bitter und süß. Sein Rot leuchtet ebenso intensiv. Der würzige Wermut und der säuerliche Campari kommen sogar noch ein bisschen intensiver rüber, weil nicht der Gin noch Wacholdernoten mitbringt. Je nachdem, welchen Schaumwein man verwendet, kann der Sbagliato süßer ausfallen als der Klassiker (mit einem trockenen Spumante, aber auch nicht unbedingt). Der prickelnde Prosecco macht den Sbagliato noch frischer und aufregender, auf jeden Fall zugänglicher und, ja, am Ende schon auch leichter. Mit Vernunft hat das übrigens nicht zwangsläufig etwas zu tun. Der Vorteil von Negroni Sbagliato: Man kann davon locker einen zweiten trinken. Oder einen dritten.
So mixt man Negroni Sbagliato:
Jeweils 3cl Campari und roten Wermut in ein Tumbler-Glas mit Eiswürfeln geben und umrühren. Mit 3cl Schaumwein, zum Beispiel Prosecco, auffüllen, jetzt nur noch vorsichtig umrühren, damit sich die Kohlensäure nicht auflöst. Mit einer Orangenscheibe oder -zeste servieren.

