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Mückenstiche:Juckt mich nicht

Brutzelstab: Den Stick kann man ins Handy einstecken, dann wird ein Plättchen erhitzt.

(Foto: heat it)

Bis zu 200 Mal pro Minute wird man in diesem Sommer von einer Mücke angeflogen. Darauf stilvoll zu reagieren, ist gar nicht so einfach.

Von Jan Kedves

Raus in die Natur! Dem Ruf folgt man gerade gerne, nicht nur weil das Wetter es dringend nahelegt, sondern weil man in der Natur vor dem Sars-CoV-2-Erreger einigermaßen sicher ist. Dort, wo Baumwipfel sich sanft im Wind wiegen, müssen sich Aerosole, die virenhaltig sein könnten, doch im Nu verziehen - so viel hat man in den vergangenen Wochen gelernt. Man wandert also befreit durchatmend durch den schattigen Wald oder liegt am See, schwimmt ein wenig, lässt dabei vielleicht auch mal Shorts und Bikini ganz weg. Wunderbar. Bis es juckt.

Ein Insekt hat seinen Stachel in die Haut gerammt oder hat sich mit seinem Rüssel eine Blutmahlzeit gegönnt. Blutmahlzeit, so heißt es in der Fachsprache wirklich, wenn Stechmücken an Menschen saugen. Es beginnt das alte Spiel: Schwellung, Rötung, Juckreiz, und mal wieder der Versuch, die Finger davon zu lassen. Denn wenn man die Stelle reibt und kratzt, macht man ja alles nur noch schlimmer. Hach, Natur!

In diesem Sommer ist das Problem besonders akut, denn je nach Gegend wird man pro Minute bis zu 200 Mal angeflogen und angesaugt. Eine unvorstellbare Zahl. In den Auenwiesen und Wäldern der Oder zum Beispiel, wo zuletzt eine veritable Mückenplage herrschte, verzeichnet das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung mit Sitz in Müncheberg, Kreis Märkisch-Oderland, in der Tat so viel. Hier ist es die Rheinschnake, eine sogenannte Überflutungsmücke, die so rasend zusticht.

Was tun? Sich reichlich mit Autan, Anti Brumm und Nobite einsprühen. Solche Anti-Insekten-Sprays halten aber bei Menschen, die für Insekten offenbar besonders schmackhaft riechen, nie lange vor. Die Cremes und Gels, die Linderung nach einem Stich versprechen, wirken auch nicht superzuverlässig. Was aber erstaunlich gut hilft, ist Hitze, sprich: noch mehr Hitze. Genau genommen eine Temperatur von knapp unter bis knapp über 50 Grad Celsius.

Die sogenannten elektronischen Stichheiler arbeiten mit diesen Temperaturen. Man drückt sie von außen auf die Haut, sie heizen dem frischen Stich mit sogenannter lokaler Hyperthermie ein, auf dass er gar nicht erst anfängt zu jucken. Das geht so: Ein kleines Keramikplättchen wird erhitzt. Sobald die richtige Temperatur erreicht ist, macht das Gerät piep, dann hält man das Keramikplättchen drei Sekunden lang (Kindermodus) oder fünf Sekunden lang (Erwachsenenmodus) auf den Stich. Es folgt: tatsächlich kein Jucken!

So funktioniert der Bite Away, ein Produkt aus Brehna in Sachsen-Anhalt. Er sieht aus wie eine Mischung aus elektrischer Zahnbürste und smartem Sextoy. In der Spitze sind neben dem Keramikplättchen noch ein Lämpchen und zwei grüne ovale Tasten. Sie sollen wie Insektenaugen aussehen. Hübscher Design-Kniff! Das Gerät ist seit etwa zehn Jahren im Handel, gehört längst zum Standardrepertoire jeder Apotheke und hat sich laut Hersteller in den vergangenen drei Jahren weltweit knapp 2,5 Millionen Mal verkauft. Für Strom sorgen zwei AA-Batterien. Sie machen den Bite Away vielleicht etwas schwer.

Leichter ist der Heat-it-Stick, ein brandneues Produkt aus Karlsruhe, das nach demselben Prinzip funktioniert, nur mit dem Unterschied, dass als Stromquelle das Smartphone dient. Sprich, der Heat-it-Stick (29 Euro) kommt ohne integrierte Batterie aus. Er hängt einfach am Schlüsselbund, klein wie ein Memory-Stick. Wenn man gestochen wurde, steckt man das Teil in den USB-C-Anschluss des Android-Smartphones, jenen Anschluss, über den man sonst dessen Batterie lädt (die iPhone-Version soll bald erscheinen). Über eine App aktiviert man die Aufheizfunktion und hält sich die Kontaktfläche danach ein paar Sekunden lang auf die Haut.

Ein kleines Spiegelei unter der Haut

Was chemisch unter der erhitzten Stelle passiert beziehungsweise wie die lokal applizierte Hitze auf das Betäubungsmittel und den Blutverdünner wirkt, die vom Insekt unter die Haut gespritzt wurden, scheint noch gar nicht genau klar zu sein. "Lange glaubte man, dass Hitze die Eiweißmoleküle dieser Stoffe zerstört. Mittlerweile nimmt man an, dass die Ausschüttung des körpereigenen Histamins, das für die Schwellung und den Juckreiz sorgt, gemindert wird", schrieb das Magazin Brand eins in einem Beitrag über den Heat-it-Stick. Fast schade - denn die Vorstellung, dass man die injizierten Insektenstoffe unter der Haut wie ein kleines Spiegelei brutzelt, so dass es nicht mehr jucken kann, ist doch auch ganz schön, oder?

So oder so: Die Prozedur ist, das versprechen die Hersteller, gesundheitlich völlig unbedenklich. Sie fühlt sich ein bisschen an wie früher im Club, als man auf dem vollen Dancefloor manchmal eine brennende Zigarette an den Arm bekam. Ja, unangenehm. An sensiblen Stellen wie den Speckröllchen seitlich am Rumpf tut es noch mehr weh. Man beißt halt die Zähne zusammen. Aber es ist schnell vorbei.

Ein Problem gibt es allerdings: So ein Brutzelstab funktioniert nur an der Vorderseite des Körpers richtig gut - wenn man sich selbst damit behandeln will. Wer einen Stich am Rücken hat, bräuchte zur punktgenauen Behandlung einen Spiegel und sehr gelenkige Arme. Man muss ja die Keramikfläche wirklich genau auf die betroffene Stelle halten. Mit Juckreiz linderndem Gel ist das anders, das kann man zur Not auch großflächig beziehungsweise grobmotorisch auftragen. Die wichtige Stelle erwischt man irgendwie mit. Bei einem Stichheiler hilft nur Präzision.

So gesehen wäre es von Vorteil, wenn man in der Natur nicht ganz alleine ist. "Entschuldigung, könnten Sie mir hier hinten bitte mal einen Hitzestoß versetzen?" oder "Brutzel mir nach dem Piep bitte diesen Hubbel an": Sätze, die Gestochene in diesem Sommer zueinander sagen.

© SZ/vs
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