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Morgenrituale:Aufstehen und abtauchen

Versenkung in der Wanne: So gleitet man perfekt in den Tag.

(Foto: Karla Alexander)

Wer sich morgens in die Badewanne legt, statt zu duschen, ist unserer Leistungsgesellschaft suspekt. Völlig zu Unrecht! Ein Plädoyer für den gelassenen Start in den Tag.

Doch, es gibt Menschen, die jeden Morgen ein heißes Bad nehmen. Leider begegnet man ihnen mittlerweile so selten wie Menschen, die noch mit Handkoffer verreisen oder bei Sonnenschein mit Sonnenschirm spazieren gehen. Standard unter den Morgenroutinen ist heute vielmehr eine Mischung aus preußischem Gehorsam und amerikanischem Selbstoptimierungswahn: Zack raus aus dem Bett, zack unter die kreislaufanregende Wechseldusche, zack an die Arbeit. Wer sich so richtig im Griff zu haben glaubt, geht vorher noch joggen und stürzt sich anschließend nackt und tapfer in ein Gewässer, je kälter, desto besser. Gut fürs Immunsystem, nicht wahr?

Dagegen morgens aus dem Bett wanken und sich erst mal eine heiße Wanne einlaufen lassen? Sich darin versenken und in aller Ruhe den Tag andampfen lassen? Das kommt einem heute in etwa so angebracht vor, wie das Tiramisu zur Vorspeise zu essen, den Aperitif zum Frühstück einzunehmen, Zigarre hinterher und dann tanzen zu gehen. Also wie ein Kindertraum oder das Fantasieleben von Menschen, die vielleicht Karl Lagerfeld heißen.

Keine Anerkennung für Bader

Ein fast schon militärisch ausgeführter Morgenmarathon löst gesellschaftlich keinerlei Verwunderung aus, findet allenfalls Anerkennung. Jemand, der morgens ein heißes Bad nimmt, erregt hingegen den mittelschweren Verdacht, ein Problem zu haben. Beziehungsweise, sehr bald eines zu bekommen. Morgens heiß baden ist schließlich das Gegenteil von Abhärtung und Straffheit. Und Abhärtung ist doch der Schlüssel zum Lebenserfolg!

Nur dieser hartnäckige Irrglaube kann der Grund dafür sein, dass man so selten Vorbader beziehungsweise Vorbilder findet, die älter als drei oder jünger als 65 Jahre sind und trotzdem morgens überzeugt in die Wanne steigen. Ein paar gibt es aber doch, und wenn sie einem nicht alle fünf Jahre mal überraschend im Bekanntenkreis begegnen, tun sie es halt im Internet.

Christina Hendricks zum Beispiel, die rothaarige Schauspielerin aus der Serie "Mad Men" bekannte sich in einem Interview dazu. Ja, sie sei eine dieser seltenen Menschen, erzählte sie, denn morgens als erstes Wasser über ihren Kopf geschüttet zu bekommen, käme ihr ungemein aggressiv vor. Bei objektiver Betrachtung ein ziemlich gutes Argument, oder? Wenn sie um fünf Uhr am Set sein muss, erklärt Hendricks, steht sie um halb fünf auf, lässt sich sechs Minuten lang die Wanne einlaufen, liegt fünf Minuten darin und steigt wieder heraus.

Ein weiterer Morgenbader ist der Modedesigner Tom Ford. Auch er lässt sich um halb fünf Uhr morgens ein heißes Bad ein, macht sich einen Espresso auf Eis, versenkt sich für eine halbe Stunde im heißen Wasser und schlürft in Ruhe seinen kalten Kaffee, während er irgendwo in dieser gediegenen Wechselwirkung zum Leben erwacht. Danach sei er ideal auf den Tag vorbereitet.