Mailänder Möbelmesse Im Retrowahn gemütlich gemacht

Blick in die Ausstellung "All Together Now" von Herman Miller.

(Foto: Nicholas Calcott)

Den Interior-Design-Entwürfen auf der großen Mailänder Möbelschau fehlt innovative Kraft. Daran ändert auch ein von künstlicher Intelligenz entworfener Stuhl wenig.

Von Max Scharnigg, Mailand

Falls sich das jemand gefragt hat: Der 100. Geburtstag des Bauhauses, der hierzulande seit Monaten so staatsböllernd zelebriert wird, interessiert in Mailand kaum jemanden. Es ist schon beinahe komisch, dass der Begriff auf dem ganzen Salone del Mobile, dieser übergewichtigsten Möbelmesse der Welt, nur in homöopathischen Spuren auftaucht. Und die italienischen Gastgeber machen mit ihren opulenten Auftritten auch wieder relativ unverhohlen klar, dass ihnen das ewige "Form-follows-function"-Diktat der Deutschen ohnehin vorkommt wie ein Speedlimit auf der Wohnautobahn: lustfeindlich und nicht ganz nachvollziehbar.

Was nicht heißen soll, dass es bei Molteni, Minotti, Poltrona und Co. besonders lustig zugeht. Im Gegenteil, von extra grimmigen Aufpassern werden bei den maßgeblichen italienischen Designhäusern dieses Jahr die Messestände bewacht. Wer sie sehen will, muss sich noch mal extra ausweisen, Formulare ausfüllen und vor allem Ehrfurcht zeigen vor all der ausgestellten Neo-Grandezza. In vulgärer Trägheit breiten sich die neuen Sofalandschaften dann vor einem aus, wie Gletscherzungen in hellem Woll-/Polyamidgemisch oder Kalbsleder. Eigentlich erlebt man in diesen Wohnvisionen die häusliche Entsprechung der SUV-Kultur - alles größer und wuchtiger als nötig, aber wenn man erst einmal drin sitzt, ist es doch schwer, jemals wieder mit weniger klarzukommen.

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Als Begleiterscheinungen der großbürgerlichen Sitzterrassen lassen sich dieses Jahr pauschal diagnostizieren: tiefergelegte, elliptische Marmortische, im höchsten Maße benutzerunfreundliche Vasen und wahllos verteilte güldene Leuchtscheiben oder Lichtbälle, die immer so aussehen, als hätte sie Zeus persönlich zur Tür herein gekegelt.

Die Branche habe damit das Kapitel der "poetischen Einfachheit" aufgeschlagen, heißt es auf den Gängen. Gemeint sind wohl einfache Formen in üppigem Finish. Poetisch? Eher melancholisch! Denn das Mondäne paart sich in auffallend vielen Kollektionen munter mit der Formensprache vergangener Jahrzehnte. So sind etwa Polsterstühle fast nur noch in traulicher Cocktailsessel-Anmutung zu haben, gerne in lila, orange, monstergrün oder was die Technicolor-Palette eben noch so hergibt.

Alle Jahrzehnte erleben gleichzeitig ihr Comeback

Selbst ein zuverlässig minimalistischer Hersteller wie das italienische Avantgarde-Label Plank, stellt seine furiose Origami-Sitzskulptur "Land" von Altmeister Naoto Fukasawa in Farben aus, die an eine DDR-Kindertagesstätte erinnern. 2019 gilt: Farben und Muster sind besser, wenn die Betrachter dabei sentimental werden. Ein Ende der Retro-Postmoderne ist nicht absehbar. Es scheint vielmehr, dass die Möbelhersteller auch in diesem Punkt nahe an die Mode herangerückt sind - der nostalgische Remix ersetzt oftmals die tatsächliche Innovation. Und alle Jahrzehnte erleben einfach gleichzeitig ihr Comeback.

Ebenfalls wie in der Mode werden im Rückwärtsblick mittlerweile auch jene Jahrzehnte berücksichtigt, die gemeinhin nicht als goldene Stilepochen gelten, die Neunziger etwa. Der Hersteller Ritzwell zum Beispiel hat mit einigem Aplomb den Sesselentwurf "JK easy chair" von Jun Kamahara wieder ins Programm genommen und siehe da - auch die kantig-kühle Loftästhetik jener Jahre kommt einem tatsächlich wieder (be)sitzenswert vor.

Zu diesem Themenbereich passt auch das anhaltende Gedränge am Vitra-Stand, wo die niederländische Designerin Hella Jongerius ein neues Sofa namens "Vlinder" zeigt. Die Menschen stehen geduldig an, um auf diesem Objekt Probe zu sitzen, das gab es in Mailand auch schon lange nicht mehr.

Dabei ist der Entwurf eigentlich simpel. Eine ziemlich schlichte Sofamatrix wird mit einem deckenartigen Überwurf ergänzt. Dieser fixierte Überwurf macht das Sofa leicht und lässt es heimelig wirken, eben als ob jemand (Mama?) schon eine Decke drüber gebreitet hätte. Jongerius aber, die für ihre ausgefeilten Farb- und Musterkreationen berühmt ist, hat der Decke zusätzlich ein mutiges Muster verpasst, das an die anstrengendsten Patchwork-Dessins der späten Achtziger erinnert. Das Urteil der Probesitzenden teilte sich in zwei Hälften, spontanes Heimweh und Habenwollen bei den einen, Ornament-Schluckauf bei den anderen.

Es ist schwer geworden, Trendlabels oder auch nur führende Designer zu benennen. Das liegt auch ein wenig daran, dass die 100 Topgestalter der Welt heute natürlich allesamt polygam arbeiten und ihre Dienste und Entwürfe schön über die Firmen und Länder verteilen. Marken, bei denen Hausdesigner und Haus über Jahre an einer unverwechselbaren Stilsprache arbeiten, sind selten geworden. Stattdessen nivelliert sich das Erscheinungsbild der großen Vollausstatter hin zu einem internationalen Stil, der derzeit immer ein bisschen nach US-Diplomatenhaushalt 1965 aussieht. Überall Mad-Men-Interieurs, nur ohne Aschenbecher.

Ein Designer immerhin sticht diesmal mit einem besonders gelungenen Portfolio heraus: Michael Anastassiades. Der in London wirkende Zyprer hat sich als Lichtdesigner einen Namen gemacht. Aber auch mit seinen Möbeln oder Lautsprechern für Bang & Olufsen beweist er gestalterische Anmut. Er arbeitet mit ganz grundsätzlichen Formen und veredelt sie möglichst schwerelos.

Der Stuhl sieht aus als hätte ihn ein Klingone entworfen

Womöglich ist der Hype um den Designer als universalen Schöpfer aber ohnehin bald vorbei. Schließlich entpuppte sich die groß angekündigte Überraschung des Platzhirschen Kartell als ein Experiment in Anti-Design. In Zusammenarbeit mit Philippe Starck wurde dort der erste von künstlicher Intelligenz gestaltete Stuhl enthüllt. Das Ergebnis sieht aus wie ein Stuhl, der halb von Philippe Starck und halb von einem Klingonen gezeichnet wurde. Trotzdem gelang Kartell damit eine der wenigen zukunftsweisenden Premieren.

Eine andere ist ein Projekt in der Mailänder Innenstadt, das Google mit dem dänischen Zeitgeist-Möbelhersteller Muuto inszeniert. Die Teilnehmer dieses Experiments, das von Wissenschaftlern der John-Hopkins-Universität begleitet wird, setzen sich dabei unterschiedlich möblierten Räumen aus. Die von Google spendierten, smarten Armbänder messen die Körperreaktionen der Menschen auf ihre Umgebung und werten sie aus. Am Ende hat man schwarz auf weiß, in welchen Räumen man sich wohlfühlt. Das alte Loriot-Verdikt, wonach sich alleinstehende Frauen in violetten Sitzgruppen umbringen, hier erfährt es endlich eine wissenschaftliche Einschätzung!

In Zukunft könnten die Ergebnisse dieses Wohn-EKGs dann direkt an eine künstliche Intelligenz übermittelt werden, die das passende Polstermöbel errechnet und dem 3D-Drucker in Auftrag gibt. Bis es so weit ist, wird aber sicher noch ein runder Bauhaus-Geburtstag zu feiern sein.

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