bedeckt München 25°

Möbeldesign:Schluss mit Oberfläche

Studiobesuch bei dem Designer Stefan Diez

Das Design der Zukunft? Muss vor allem zukunftsfähig, also absolut nachhaltig sein, sagt auch der Münchner Designer Stefan Diez.

(Foto: Gerhardt Kellermann)

Haben Home-Office und Pandemie unsere Möbel verändert? Jein. Bahnbrechende Entwürfe brauchten wir gar nicht, Stuhl- und Tischmodelle gab es ja auch vor der Krise genug. Revolutionär ist eher die neue Haltung der Designer. Nun soll Nachhaltigkeit mehr sein als nur ein PR-Versprechen.

Von Laura Weißmüller

Eine Lampe wie ein Experiment. Kreis, Dreieck und Pyramide stapeln sich da in Form eines Glaskolbens übereinander. Im bauchigen Ende steckt ein roter schraubenförmiger Glaspfropfen. Hier lässt sich die Konstruktion öffnen und mit einer Flüssigkeit befüllen. Sobald das Licht ausgeht, leuchtet die Lampe bläulich auf, es wirkt wie eine Mischung aus Nordlicht und fluoreszierender Alge im Meer.

"We are not in this alone" heißt die Lichtquelle, deren Inneres durch Biolumineszenz zum Leuchten gebracht wird. Es ist eines der Objekte, auf das man stößt, wenn man die Frage stellt, was eigentlich das Design in dieser Pandemie macht. Vor mehr als einem Jahr wurde der Alltag vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Wohnungen mussten plötzlich Klassenzimmer, Kita, Büro, Sportstätte und Erholungsort in einem sein, während das Draußen lange Zeit zum feindlichen Terrain erklärt wurde. Grund genug, mal in der Designwelt nachzuhören, wo die neuen Gegenstände, Möbelstücke und Entwürfe bleiben, die das Leben zu Hause wieder leichter machen; davon war zuletzt ja viel die Rede.

Eine Lampe wie ein Experiment: Der Entwurf "We are not in this alone".

(Foto: Ignacio González; As A Ceremony)

"Diese Lampe leuchtet eigentlich nicht genug. In gewisser Weise ist sie nutzlos", schränkt Antonia Insunza die Bedeutung gleich mal ein. Insunza hat gemeinsam mit ihrer Büropartnerin Alessia Pegorin den geheimnisvoll leuchtenden Glaskolben entworfen. Die Berliner Lichtdesignerinnen wollten herausfinden, was Quellen für ein nachhaltiges Licht sein können und landeten bei Algen. So wichtig wie das Ergebnis ist den beiden immer der Prozess, der dorthin führt. Ihr 2018 gegründetes Büro haben sie deswegen "As A Ceremony" getauft. Es geht ihnen um ein tieferes Verständnis der Dinge, weshalb eine Lampe bei ihnen schon mal aussehen kann wie aus dem Baukasten: Statt elektronische Bestandteile hinter cleanen Oberflächen zu verstecken, sind sie bei ihnen offen sichtbar. "Ästhetik des Respekts" nennen sie das.

"Die Natur ist das einzig wahre Modell"

"Die Natur ist das einzig wahre Modell, wenn es um Nachhaltigkeit geht", sagt Alessia Pegorin zur fluoreszierenden Lampe, und wenn die Pandemie eines noch klarer gemacht habe, dann das: "Als Designer sind wir für unsere Umwelt verantwortlich."

Das ist, mit Verlaub, keine bahnbrechende Neuigkeit. Es gehört zum großen Paradox dieses Berufes, etwas Neues entwerfen zu wollen und gleichzeitig zu wissen, dass das meiste davon, wenn es denn jemals industriell produziert wird, an der Zerstörung dieser Welt teilnimmt: weil es knapper werdende Ressourcen verbraucht, weil es auf Kosten der Gesundheit der Arbeiter entsteht, weil es die Müllberge wachsen lässt. Doch so bekannt diese Wahrheit ist, so wenig schien sie die Branche lange Zeit wirklich zu interessieren. Im Gegenteil, die Taktung und mit ihr die Zahl an neuen Produkten nahm immer weiter zu. Den Messen - Köln, Frankfurt, Mailand und wo sie alle stattfinden -, folgten Design Weeks, die mittlerweile fast jede größere Stadt veranstaltet und die mit Weltneuheiten ebenfalls um internationale Aufmerksamkeit buhlen.

Alessia Pegorin und Antonia Insunza © As A Ceremony, Foto Adriano Redoglia

"Als Designer sind wir für unsere Umwelt verantwortlich": Alessia Pegorin und Antonia Insunza.

(Foto: Adriano Redoglia; As A Ceremony)

"Wer soll das alles anschauen?", fragt Stefan Diez vor seinem Studio in München. Der Industriedesigner ist einer der bekanntesten hierzulande, viele seiner Entwürfe sind preisgekrönt und werden von renommierten Firmen Europas produziert. Diez will den Veranstaltungen nicht ihre Berechtigung absprechen, nur habe er schon vor der Pandemie bei vielen "eine große Erschöpfung" gespürt. Ihn selbst eingeschlossen. Er plante ein Sabbatical, noch vor der Pandemie. Bremse reinlegen, Pause machen. Für Hersteller sei das schwieriger. "Als einzelnes Unternehmen kannst du die Geschwindigkeit nicht rausnehmen." Wer seinen Stand auf dem Salone in Mailand, der wichtigsten Möbelmesse der Welt, ein Jahr nicht bucht, verliert ihn. Dabei täte es der Branche gut, "ein bisschen mehr nachzudenken und weniger in die Öffentlichkeit zu gehen". Auch nach zwei Jahren Pandemie werde man schließlich merken, "dass wir immer noch genügend Stühle haben, um darauf zu sitzen".

MEA-1009-1 Eames Paravent

Den formschönen Paravent entwarfen Charles und Ray Eames 1946.

(Foto: Thomas Dix/Vitra Design Museum)

Aber was sind dann die neuen Möbelentwürfe, die uns den veränderten Alltag angenehmer machen? "Das wird erst die Rückschau zeigen", sagt Mateo Kries. Der Kunsthistoriker leitet das Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein, er ist einer der besten Pulsnehmer der Szene. Gleichzeitig hat er die Vergangenheit im Blick. Warum man bislang keine bahnbrechenden Neuerfindungen sehen kann, habe natürlich einen einfachen Grund: Bis ein Möbelstück auf den Markt kommt, braucht es Zeit. Dafür haben Entwürfe aus den vergangenen drei, vier Jahren, die das Arbeiten zu Hause erleichtern, jetzt ihre Berechtigung gezeigt: der Bürostuhl, der nicht als Bürostuhl zu erkennen ist und deswegen abends beim Familienessen nicht unangenehm an die Arbeit erinnert. Der platzsparende Sekretär, hinter dessen hochgeklappter Tischplatte ein Mini-Büro verschwindet oder der Paravent, der Räume in unterschiedliche Zonen einteilt. Die letzten beiden Typologien wurden im 19. Jahrhundert entwickelt - all die anderen angeblichen Neuheiten fürs Home-Office, die in den vergangenen vierzehn Monaten die Designblogs und Magazinseiten füllten, in der jüngeren Vor-Corona-Zeit.

MSK-1052 Aalto Sekretär

Auch bei Alvar Aaltos Sekretär aus der Zeit 1931 - 32 verschwand das Mini-Büro bereits hinter einer hochgeklappten Tischplatte.

(Foto: Jürgen Hans/Vitra Design Museum)

Trotzdem hat Kries eine Veränderung in der Designwelt wahrnehmen können: "Immer mehr Menschen realisieren, dass es beim Design nicht nur um schöne Produkte geht, sondern dass Design einen Kontext hat und dass der wichtig ist." Wie wird etwas produziert? Aus welchen Materialien ist es? Handelt es sich um einen ehrlichen Preis - oder einen, den Natur und Arbeiter bezahlen? Was bisher nur ein Thema für Designexperten gewesen sei, interessiere nun die breite Masse. Das habe auch Auswirkungen auf den Beruf: "Der Designer, der nur die Oberflächen gestaltet, ist passé."

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, wie schnell Gestaltung auf Krisen reagieren kann. "Mit der Ölkrise verschwanden von einem Tag auf den anderen voluminöse Plastikmöbel", sagt Kries. Frank Gehry, der 1973 noch nicht der Stararchitekt war, der er heute ist, sondern ein geradezu wahnwitziger Tüftler, holte rasch die Entwürfe für seine Pappmöbel heraus, für die er - anders als in den plastikeuphorischen Sechzigern - nun einen Hersteller fand. Enzo Mari, der visionäre Design-Pessimist aus Italien, veröffentlichte ein Jahr später die Anleitungen seiner Möbel zum Selberbauen. "Autoprogettazione" durfte jeder, der wollte, aus simplen Holzlatten nachzimmern.

MUS-1006_0001 Gehry Wiggle Side Chair

Frank Gehry entwarf seinen Wiggle Side Chair aus Pappe Ende der Sechzigerjahre.

(Foto: Jürgen Hans/Vitra Design Museum)

"Die Ölkrise war ein Witz im Gegensatz zu dem, was wir heute durchmachen", sagt Stefan Diez. Der Designer steht in seinem Münchner Studio, der Westermühlbach fließt hinterm Haus entlang, durchs Fenster hört man Vögel zwitschern und von Ferne Jugendliche beim Basketballspiel. Diez weiß auch, was es bedeutet, mit drei Kindern zu Hause arbeiten zu wollen. "Das stresst. Doch das Problem beim Home-Office dürfte sich in der Regel nicht mit einem neuen Bürostuhl für zu Hause lösen lassen." Das sei das kleinste Thema, wohingegen das größere nichts mit Industriedesign zu tun habe: dass die Wohnungen nicht fürs Arbeiten geeignet sind. Wie wir arbeiten und wie wir wohnen, seien komplexere Fragen, die man nicht (nur) dem Design stellen sollte.

Was aber ist dann die Rolle der Gestalter in der Pandemie? "Wir als Designer entscheiden, wie etwas konzipiert ist, aus welchen Materialien es hergestellt und wo es produziert wird." Spätestens jetzt habe man gemerkt, "dass es sich mit den endlichen Ressourcen nicht ausgeht". Weswegen nun die Rolle rückwärts angesagt sei: Produkte müssten so entworfen werden, dass sie leicht zu reparieren und sortenrein zu recyceln sind.

Stefan Diez

Stefan Diez ist einer der bekanntesten Industriedesigner Deutschlands.

(Foto: Robert Brembeck)

Eigentlich alte Themen. "Darüber ist schon geredet worden, als ich studiert habe", sagt Diez, 50. Seine Erklärung für die fatale Untätigkeit der Branche in puncto Klimaschutz: "Es gab den Umweg über die Globalisierung, die viel mehr Spaß gemacht hat." Plötzlich produzierten alle Firmen in China. Vor allem: billig. "Die Idee des Recyclings war bis jetzt ein leeres Versprechen", so Diez. Wenn überhaupt, dann werde downgecycelt, was bedeutet, dass wiederverwertetes Material anschließend eine schlechtere Qualität hat. Aber: "Was früher ein Thema war, hat jetzt einen Markt."

Für Stefan Diez eine Bestätigung, er denkt Design schon seit Jahren als Teil einer Kreislaufwirtschaft. Sein Büro arbeitet nach einem Kriterienkatalog. Zum Beispiel, dass die eigenen Entwürfe leicht reparierbar und sortenrein zu recyceln sein und aus nachwachsenden Materialien bestehen müssen und dass sie wenig Energie und CO₂ verbrauchen, ob bei Produktion oder Nutzung. In gewisser Weise passt Diez damit die zehn Thesen eines Dieter Rams für gutes Design an die Zeit der Klimakatastrophe an. Wer schon knapper werdende Ressourcen für seine Entwürfe verwendet, der muss zumindest dafür sorgen, dass dies nachhaltig passiert.

Studiobesuch bei dem Designer Stefan Diez

Die Leuchte Ayno von Stefan Diez bekam den ersten Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design 2021.

(Foto: Midgard/JENNER-EGBERTS Foto+Film)

Dass dabei gutes Design entsteht, zeigen Diez' Entwürfe: Seine Lampe "Ayno" ist so schlank und leicht, dass sie an eine glamouröse Angelrute erinnert. Das Sofasystem "Costume" aus recyceltem und recycelbarem Material, an dem Diez und sein Team viereinhalb Jahre gearbeitet haben, ist minimalistisch simpel, ohne freudlos zu wirken.

Hier geht es nicht nur um das Was, sondern vor allem auch um das Wie: Statt immer neue Produkte auf den Markt zu bringen, basteln viele Designer heute daran, dass wir weniger brauchen. Weil sie Sharing-Modelle entwickeln, Reparatursets und Rücknahmekreisläufe. Weil sie unterschiedlichste Gewerke an einen Tisch bringen, um wirklich Neues anzustoßen. Was als Design Thinking in den vergangenen Jahren zum PR-Sprech mittelständischer Firmen verkam, füllen sie mit Inhalt. Denn die Klimakatastrophe braucht nicht nur andere Produkte als die der Wohlstandsjahre, sondern auch andere Lebensformen. "Plötzlich hat Design viel mehr mit Chemie und Physik zu tun", sagt Stefan Diez und klingt begeistert.

Die fluoreszierende Lampe aus Berlin mag nur schwach leuchten, den Weg in eine neue Designwelt weist sie trotzdem.

Studiobesuch bei dem Designer Stefan Diez

Viereinhalb Jahre tüftelten Stefan Diez und sein Büro, damit das Sofa "Costume" aus recycelten Materialien auch wieder komplett recycelt werden kann.

(Foto: Diez Office)
© SZ
Zur SZ-Startseite

SZ PlusDesign
:Baut auf die Natur

Moderne Architektur ist oft kühl, technisch und umweltfeindlich. Die in Harvard lehrende Forscherin Julia Watson will das ändern - indem sie zeigt, wie indigene Völker mit nachwachsenden Rohstoffen erstaunliche Bauwerke schaffen.

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB