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Trend-Möbel Ohrensessel:Rückkehr des Ruhesitzes

The Egg and ottoman

Die Rückkehr der Sessel: "The Egg", Arne Jacobsen, 1958.

(Foto: Brøndum & Co.)

Sehnsuchtsort für alle, die zu viel um die Ohren haben: In den Wohnzimmern halten wieder große Sessel Einzug - für maximalen Weltabschied.

Müsste man eine Karikatur zum Thema bürgerliche Gemütlichkeit zeichnen - der Ohrensessel wäre dabei so sicher gesetzt wie das Kaminfeuer, das gute Buch und Hausschuhe. Kein anderes Möbel strahlt eine solche Zufriedenheit aus, kein anderes definiert das Zuhause-Sein seit Jahrhunderten so gut wie der große Sessel mit den Ohrenbacken, die seinen Insassen vor den Unbilden der Welt abschirmen.

Vielleicht, weil es von diesen Unbilden wieder besonders viele gibt, erlebt die große, gepolsterte Sitzmaschine in diesen Jahren ein sehenswertes Comeback. Fast alle namhaften Hersteller haben neue Ohrensessel im Programm oder Klassiker wieder aufgelegt. Und nicht nur das, es ist ihnen auch gelungen, die Gleichung Kaminsessel+Fußhocker = Spießerglück umzudrehen und daraus ein Supermöbel zu machen, mit dem sich jedes anspruchsvolles Interieur krönen lässt.

Das neue Statussymbol im Haus

Bei Preisen von 5000 Euro und mehr, wie sie etwa für den "Grand Repos" Sessel von Vitra (Entwurf von 2011), den "Ro" von Jamie Hayon für Fritz Hansen (Entwurf von 2013) oder den "808" von Thonet (Entwurf von 2014) bei entsprechender Stoff-Konfiguration fällig werden, ist mit dem großen Sessel auch ein neues Statussymbol im Haus.

Das hat durchaus historische Richtigkeit, als Erfinder des Ohrensessels gilt immerhin Charles II., der als König den Puritanismus in England für beendet erklärte und wieder etwas mehr Lebensfreude einkehren ließ, wozu auch bequemeres Sitzen gehörte. Mit Arm- und Kopfstützen versehen, entstand so gegen 1660 bei Hofe der "sleeping chayre", der noch etwas später seine kantige Urform gegen sinnlichere Linien eintauschte. Seitdem hält der mächtige Stuhl mit den Konstanten hohe Lehne, Seitenhalt und tiefer Sitz Einzug in die Wohnkultur und erfuhr als Club-, Großvater-, Chef- und letztlich Fernsehsessel immer neue thematische Zuweisungen.

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Was den Blick fängt

Der andere Sitzplatzhirsch, der ihm noch in Preis und Funktion das Wohnzimmer streitig macht, ist das Sofa. Aber anders als die weiten Polsterflächen, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend modular und strukturloser designt wurden, verspricht der Ohrensessel festen Halt, bei gleichzeitiger Wahrung der Gemütlichkeit. Anders gesagt: Während man in der Sofalandschaft zum wenig zivilisierten Fläzen neigt, behält man im großen Sessel die Würde des Sitzenden, kann aber eben trotzdem sanft versacken, sei es durch raffinierte Polsterung oder Wipptechnik.

Wer sich aufs Sofa begibt, hat den Tag beendet und sich für das Wegdämmern entschieden, der Sessel steht dagegen für geistreiche Einkehr bei sich selbst mit der zusätzlichen Möglichkeit eines dynamischen Power-Naps, dem angeblich schon Albert Einstein in seinem Ohrensessel akribisch und mit einem Schlüssel in der Hand nachgegangen sein soll: Fiel der Schlüssel zu Boden, war der kleine Schlaf vorbei und der Sessel wieder Denk- und Arbeitsstätte. Bloß nicht hinlegen!

Der ikonische Egg-Chair von Arne Jacobsen, dessen organische Formgebung bis heute kaum Faszination eingebüßt hat, wurde Mitte des letzten Jahrhunderts zunächst für die Lobby des SAS-Royal Hotels in Kopenhagen entworfen. Für einen Zwischenort also, der exemplarisch die Notwendigkeiten des perfekten Ohrensessels deutlich macht.

Er soll abschirmen und maximalen Rückzug und Weltabschied bieten, auch wenn der Betrieb ringsherum summt. Dank Drehgestell und Feder ist man bei Bedarf aber auch schnell wieder mittendrin, der Sitzende kann sich sozusagen selbst an- und abschalten. Dieses schnelle Verschlucktwerden ist die Kernkompetenz des Möbels, an der heute immer noch getüftelt wird.

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Weg mit dem Wohnkrampf!

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Fühlt man sich wie leicht sediert, ist der Stuhl gut.

Wo Jacobsen mit seiner organischen Ei-Form sinnbildlich Nestwärme vorschwebte, näherte sich das junge Münchner Designteam Formstelle dem Effekt für den Thonet-Sessel etwa mit einem eher geometrisch geformten Schutzraum. Bei ihrem "808" wölbt sich der obere Teil der Rückenlehne zackig wie ein Mantelkragen um den Sitzenden. Wer in die Polster sinkt, merkt regelrecht, wie die Schallwellen der Restwelt an der Außenkante abprallen. Wenn man sich fühlt wie leicht sediert, ist der Stuhl gut. Auch ein fester Stand ist wichtig, schließlich soll der Sessel absolut zuverlässigen Halt geben, egal mit wie viel Verve man sich hineinfallen lässt.

Harte Schale, weicher Kern - das ist die DNA aller neuen Großsessel, und dieser Aufbau macht eigentlich schon deutlich, was sie sein sollen: ein zweites Haus im Haus. Dass sie damit auch jenseits von Kamin- und Tabakspfeifen-Behaglichkeit wieder Käufer finden, ist kein Wunder. Sie sind ein Rückzugsort, den man für sich alleine hat, ein Platz für den Individualisten in uns, niemand kann sich dazusetzen, es ist ein solitäres Möbel. Ob als Oase innerhalb des Familientrubels oder einziger Wärmeort in der modernen Ungastlichkeit eines Architektenhauses mit Sichtbeton und bodentiefen Fenstern - Bedarf dafür gibt es genug. Außerdem eignen sich die Supersitze auch für die heimliche Hauptbeschäftigung dieser Zeit optimal: das Herumschieben von digitalen Inhalten auf Tablets und Smartphones, das ganze haltlose Im-Netz-Sein lässt sich in der angenehm echten Tiefe eines hohen Sessels beinahe genießen. Und für den unbehausten Unternehmensberater, der jedes Jahr die Stadt wechseln muss, ist ein großer Sessel vielleicht das einzige Stück Heimat und Lebensart, das sich mitzunehmen lohnt.