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Modegeschichte:Monsieur Dior und seine Liebe zu Kleidern

Christian Dior war in seine Kleider regelrecht verliebt, darum gab er nicht nur seinen Kollektionen Namen, sondern auch jedem einzelnen Look.

(Foto: courtesy Schirmer/Mosel)

Christian Dior wollte nichts als Mode machen - doch dass alle seine Kreationen begehrten, quälte ihn. Zum 70-jährigen Bestehen des Hauses wird die Autobiografie des Designers neu aufgelegt.

Kurz nachdem das letzte Mannequin den Laufsteg hinter sich gelassen hat, schiebt der Couturier den grauen Satinvorhang zur Seite und tritt in den Saal. Er schüttelt Hände, küsst parfümierte Wangen und erntet Bravorufe. Er wird rot. Am liebsten wäre Christian Dior jetzt allein mit seinen Kleidern, um sie in Ruhe anschauen und ihnen danken zu können.

"Ich möchte schreien, so überwältigend ist das Gefühl, dem Leben wiedergegeben zu sein. Und dennoch weiß ich, dass ich schon morgen eine grausame Leere verspüren werde", schreibt er in seiner Autobiografie über den Moment nach einer Show. Besser könnten zwei Sätze Diors Beziehung zur Mode nicht auf den Punkt bringen: Er hat sie verehrt und geliebt. Gleichzeitig empfand er sie als Last und fühlte sich von ihr erdrückt.

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Erstmals auf Deutsch ist seine Autobiografie "Dior" im Jahr 1957 erschienen. "Es gibt keine pikanten Histörchen über berühmte oder berüchtigte Kundinnen", schrieb damals mit leiser Enttäuschung die Zeit. Stattdessen habe Dior in seinem Lebensbericht dargestellt, wie er wurde, was er ist.

Nahezu 60 Jahre lang war das Buch vergriffen. Nun, zum 70-jährigen Bestehen des Hauses, hat es Schirmer/Mosel unter dem Titel "Dior und ich" neu aufgelegt. Die 260 Seiten sind nicht nur deshalb lesenswert, weil heute jeder die Marke Dior kennt, aber kaum noch jemand etwas über ihren Gründer weiß. Das Buch ist auch ein lehrreicher Gegenschnitt zur aktuellen Situation der Branche.

Es geht schon damit los, dass Christian Dior die Schlagzahl an Kollektionen zu hoch fand - dabei waren es damals nur zwei pro Jahr. Drei Monate arbeitete er mit seinem Personal an einer neuen Saison. Danach fuhr er auf sein Anwesen an der Kanalküste, nicht weit entfernt von seinem Elternhaus in Granville, um sich zu erholen: "Ich habe nie mehr als drei Monate Zeit, um über die vergangene Kollektion nachzusinnen, bevor ich schon wieder an die nächste denken muss."

Der Verkaufsdruck überschattet den kreativen Prozess

Auch einem anderen Dior-Designer war alles zu viel: Raf Simons kündigte 2015 seinen Job, weil er kaum noch Zeit für den kreativen Prozess fand und sich dem Verkaufsdruck ausgesetzt fühlte. Allerdings musste er auch mindestens sechs Kollektionen im Jahr entwerfen, zwei für das Prêt-à-porter, zwei für die Couture und zwei Zwischenkollektionen; zwischendurch jettete er noch zu Store-Eröffnungen (Monsieur Dior dagegen schipperte höchstens mal mit der Queen Mary nach New York).

Das Label schmückt inzwischen eben auch Männer- und Kindermode, Schuhe und Taschen, Sonnenbrillen, Schmuck, Uhren, Parfums, Make-up, Nagellacke und Cremes. Es ist eine Zentrale des Luxus geworden, in Zahlen: mehr als 35 Milliarden Euro Umsatz im Jahr bei weltweit 122 000 Mitarbeitern.

Dior-Designer Raf Simons

Roben fürs Blitzlichtgewitter

Als Christian Dior am 15. Dezember 1946 in der Pariser Avenue Montaigne seine Räume für handgemachte Kostüme und Kleider eröffnete, hatte er gerade mal zwei Handvoll Angestellte. Ein kleines Studio, einen Vorführsalon, ein Zimmer für die Models, ein Direktionsbüro, sechs Umkleideräume. Mehr war nicht. Bis kurz vor Unterzeichnung des Mietvertrags zweifelte er noch schwer daran, ob er als Couturier überhaupt geeignet sei. Tatsächlich explodierte der Name Dior in Europa dann innerhalb kürzester Zeit - wie heute #chanel auf Instagram, wenn Fashion Week ist.

1946 ist das Jahr, in dem sich Europa langsam wieder aufrappelt. Nach dem langen, grausamen Krieg sehnt man sich wieder nach Verschwendung und Schönheit. Das Zentrum kann nur Paris sein, weshalb die Vertreter der hohen Gesellschaft dort eine Lustbarkeit nach der anderen veranstalten. Zum "Ball der Vögel" des Künstlers Christian Bérard müssen die Gäste mit einer Halbmaske aus Federn kommen. Die Schriftstellerin Marie-Laure de Noailles lädt "Auf den Mond". Was der neuen Hoffnung fehlt, ist die richtige Tagesmode.