Es war ein Urknall – zumindest im Mode-Universum: 1986 erkämpfte der belgische Boutiquebesitzer Geert Bruloot sechs jungen flämischen Designern die Teilnahme an der British Designer Show, die damals eigentlich nur Briten vorbehalten war. Und doch teilten sich Dries Van Noten, Dirk Bikkembergs, Ann Demeulemeester, Dirk Van Saene, Walter Van Beirendonck und Marina Yee – allesamt Absolventen der Königlichen Akademie der Schönen Künste von Antwerpen – dann tatsächlich einen Messestand in London. Ihre gezeigten Entwürfe waren edgy und eigensinnig, eine rebellische Avantgarde.
Doch die langen Namen waren zu kompliziert für die englische Presse, die prompt etwas Griffigeres erfand: The Antwerp Six. „Der Name blieb an ihnen kleben, wie ein Label“, resümiert Bruloot: „Auch wenn sie es nicht wollten.“ Und auch nur drei Jahre lang gemeinsam ausstellten, bevor alle ihrer Wege gingen. „Erst später erkannten sie, was für ein wichtiges Kapitel der Modegeschichte damit verbunden wurde.“
In den frühen 1980er-Jahren führte Bruloot die schweren Stiefel von Bikkembergs in seinem High-End-Schuhgeschäft Coccodrillo. Zunächst wollte er lediglich mit dessen Schuhwerk nach London reisen, erzählt der Modepionier. „Doch dann dachte ich mir, zu sechst hätte unsere Ausstellung viel mehr Wumms.“
Er sollte recht behalten: Noch auf der Schau platzierte damals der Einkäufer des New Yorker Luxuskaufhauses Barneys eine erste Order. Andere folgten. Er schlug also gehörig ein, der belgische Big Bang und erschütterte die Selbstgewissheit von Paris bis Mailand. Denn bis dahin hatte man noch nie etwas von Haute Couture aus Antwerpen gehört.

Noch immer schlage das Herz des Antwerpener Designs im Fashion-Quartier rund um das Modemuseum, sagt Bruloot, der die jüngst angelaufene Retrospektive zu den sechs Designern 40 Jahre nach diesem spektakulären Durchbruch mit kuratierte. Eine Aufgabe, der er sich nur zögerlich stellte, wie der 69-Jährige erklärt: „Es sind meine besten Freunde – es ist schwierig, eine Ausstellung über beste Freunde zu organisieren.“ Und noch eine zweite Hürde galt es zu nehmen: „Es ging darum, einen Mythos zu visualisieren. Auch das ist sehr, sehr schwierig.“
Gerade steht der gebürtige Ostender im ersten Ausstellungssaal, ringsum sind wandhohe Collagen aus Archivfunden zu sehen und Ausschnitte des frisch erschienenen (und über zwei Kilo schweren!) catalogue raisonné zur anekdotenreichen Zeitleiste: Entwürfe samt Randnotizen, früheste Zeitungsartikel, Schnappschüsse von ersten Modeschauen. Ein körniges Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Antwerp Six unterwegs zur Modemesse Pitti Immagine Uomo beim Picknick in Florenz, vor ihrem für die Reise gemieteten Camper: „Es war kaum Geld da“, lacht Bruloot: „Der Camper diente als Transportgerät, Schlafunterkunft und Showroom.“
Das Phänomen der Antwerp Six, so hebt der Belgier zur Erklärung an, sei in einer Zeit glücklicher Fügungen entstanden: „Schon dass sich diese sechs innerhalb eines Klassenzimmers der Akademie befanden, ist doch ein unerhörter Zufall.“ Genau genommen waren es sogar sieben Ausnahmetalente, zählt man Martin Margiela dazu, der zur selben Zeit an der Antwerpener Mode-Akademie studierte, seine Kommilitonen damals allerdings nicht nach London begleitete.
Die Popkultur brachte eine weitere Kehrtwende: „Fashion fand nicht mehr nur in den Modehäusern von Paris oder Mailand statt, sondern auf Plattenhüllen.“ Außerdem habe man Anfang der 1980er-Jahre damit begonnen, Mode als Ausdrucksmittel eigener Neigungen einzusetzen: „Es war Spaß und Punk bei Vivienne Westwood, Zeichen der Macht bei Armani oder Moschino oder stand, wie bei Rei Kawakubo, für Intellektualität“, fasst Geert Bruloot zusammen.
Zusätzlich hilfreich für die Karrieren der Flamen: Die Förderprogramme der belgischen Regierung für die durch zwei Ölkrisen geschwächte Textilindustrie. Der Talentwettbewerb „Goldene Spindel“ etwa, an dem auch die Modeklassen der Antwerpener Akademie teilnahmen und dessen erste Ausgabe 1982 Ann Demeulemeester gewann.

„Mit der jetzigen Ausstellung wollen wir die sechs hochleben lassen“, stellt Bruloot klar, „aber auch das Talent von heute diskutieren.“ Denn immer noch zählt die Akademie von Antwerpen zu den besten Modeschulen der Welt. Er habe eine Botschaft für die Jungen, nickt der Modehistoriker: „Macht es auf eure Weise. Versucht, ehrlich zu sein.“ Das sei es, was die Arbeit der sechs stets ausgezeichnet habe.
Balmain, Chanel, Gucci, Marni, Prada, Tom Ford: Die aktuellen Chefdesigner kommen von belgischen Modeschulen
Platz wäre da für den Nachwuchs: Dries Van Noten zog sich vor zwei Jahren aus dem Reich der opulenten Stoff- und Muster-Mixe seines eigenen Labels zurück. Ann Demeulemeester vor über zehn Jahren ebenfalls, auch wenn sie weiterhin Geschirr und Möbel von charakteristisch-dunkler Melancholie entwirft. Die immer schon näher zur Kunst als zur Mode agierende Marina Yee galt in der Gruppe als am wenigsten vor den Fallstricken der Industrie gewappnet und hatte 30 Jahre lang keine eigenen Arbeiten gezeigt.
Yee feierte erst kurz vor ihrem Tod im vergangenen November Erfolge, dank eines Geschäftspartners, der das junge Label jetzt mit Entwürfen aus ihrem Archiv weiterführen will. Dirk Bikkembergs kehrte seinem sportorientierten Mode- und-Sneaker-Business bereits 2011 den Rücken. Und Dirk Van Saene beendete das ironische Trompe-l’œil-Spiel mit der Haute Couture zu Corona-Zeiten, um sich fortan ausschließlich seinen Skulpturen aus Steinzeug zu widmen.
Nur Walter Van Beirendonck arbeitet weiterhin an exuberanten, genderfluiden Kollektionen, gab allerdings 2022 zumindest die Leitung der Antwerpener Modeschule ab, an der er fast 40 Jahre gelehrt hatte.

„Walter hörte in dem Jahr auf, als ich hier ankam. Aber ich habe noch mitbekommen, wie unglaublich geduldig er mit seinen Master-Studenten umging“, erinnert sich Vincent Koerber. Inzwischen studiert der Stuttgarter selbst im vierten Jahr und sitzt gerade an einem der langen Tische im Nähatelier der Modeschule, die sich die Räumlichkeiten mit dem Antwerpener Modemuseum teilt. Eine ganze Batterie an Nähmaschinen wartet hier auf den Einsatz, durch die hohe Wandverglasung fällt der Blick auf die Liebfrauenkathedrale in filigraner Brabanter Gotik und ihren Turm mit 123 Metern, dem bis heute höchsten Gebäude Antwerpens.
So ein richtig wildes Modestudentenleben, wie man sich das vorstellen könnte, führt der 21-Jährige wohl allerdings nicht: „Dazu ist es zu viel Arbeit.“ Es gilt, sich auf die große Jahresmodenschau im Juni vorzubereiten. Dieses Jahr muss er dabei bis zu zwölf Looks präsentieren, jeder davon mit drei bis vier genähten Einzelstücken. Dazu Sonnenbrillen, Accessoires, Schuhe.
Um die vier Stunden dauert das Event, 160 Studenten aus allen Jahrgängen wollen dem Publikum und den Lehrern imponieren – aber natürlich auch den vielen Talentscouts der Industrie. Die 5000 Eintrittskarten zu den zwei Schau-Abenden sind meist am ersten Verkaufstag schon ausverkauft.

„Wenn man sich dafür interessiert, was in der Mode seit den 1980er-Jahren passiert ist, führt kein Weg an Antwerpen vorbei“, klärt der junge Deutsche die Wahl seines Studienorts. Auch das Curriculum spricht für sich: Neben dem Modehandwerk werden die angehenden Designer in unterschiedlichsten Bereichen unterrichtet. Schmuck etwa oder Kostümdesign, Bildhauerei, Grafikdesign und Druck.
Das habe ihm Selbstvertrauen gegeben, nickt Koerber, und das sei doch die Hauptsache eines Studiums: „Hier muss man sich an so vielen verschiedenen Dingen probieren, das schult das Verständnis.“ Antwerpen würde die Modeschule-Rankings schließlich nicht zufällig dominieren. Auch Brüssel und Gent genießen international einen hervorragenden Ruf im Modeausbildungssystem: „Die Kreativdirektoren an den Schlüsselpositionen kommen aus Belgien“, nickt der junge Mann mit Nachdruck.
Ein Blick auf derzeitige Anstellungen gibt ihm recht: Ob Balmain, Chanel, Gucci, Marni, Prada, Tom Ford, Versace oder Yves Saint Laurent: Die aktuellen Chefdesigner (beziehungsweise ihre Chefdesignerin, denkt man an Meryll Rogge bei Marni) kommen von belgischen Modeschulen.
Den bei aller propagierten Freigeistigkeit scharfen Blick der Antwerpener Professoren aufs Handwerkliche bekam Florentina Leitner zu spüren: „Das erste Jahr lief super smooth“, erinnert sich die Österreicherin, deren Label inzwischen von Lady Gaga wie auch K-Pop-Stars getragen wird, an die eigene Studienzeit. „Aber dann kam das zweite Jahr, wo man das erste Mal eine ganze Kollektion fertigt, die nicht mehr nur auf dem Papier gut aussehen soll, sondern eben auch genäht.“
An der Umsetzung haperte es, und Leitner musste ihr zweites Jahr wiederholen. Sie habe das als Chance begriffen, so die 30-jährige: „Die zweite Kollektion war dann tatsächlich sehr viel besser.“ Seit elf Jahren lebt die Modedesignerin nun in Antwerpen, vertreibt von hier aus ihre Mode mit verspieltem, gerne von Mangas inspiriertem Twist.
Als „Stadt, die mich wachsen lässt“, bezeichnet Leitner ihre selbstgewählte Heimat: „In Paris geht alles so schnell, du musst dauernd performen“, zieht sie ihr Resümee: „Ich mag, dass Antwerpen klein ist, kompakt, mir Ruhemomente gibt.“ Dennoch sei die Stadt international. „Und wenn ich mir etwas Wildes wünsche“, schließt die Designerin, „dann gehe ich einfach zu den Galerie-Eröffnungen.“
Hinein also ins kreative Herz der Szene, rund ums Modemuseum MoMu und Mode-Akademie. Hier, an der Nationalestraat und den umliegenden Sträßchen wie Lombardenvest und Steenhouwersvest reihen sich Taschen-, Schmuck- und Mode-Boutiquen aneinander und bilden das Fashion-Quartier.
Dries Van Notens Flagshipstore hinter ziegelverkleideter Belle-Époque-Fassade liegt hier, aber auch die Geschäfte weiterer erfolgreicher Absolventen der Antwerpener Mode-Akademie, etwa Christian Wijnants oder die Antwerp-Six-Wegbegleiterinnen Wouters & Hendrix mit ihren Schmuckkreationen.

„Wir müssen unsere Talente nähren“, sagt Pionier Geert Bruloot. Denn die Industrie habe sich verändert. Seinen eigenen Schuhladen – über 36 Jahre lang einer der wichtigsten Anlaufpunkte im Antwerpener Modeparcours – musste er 2019 schließen: „Am Ende kamen die Leute mit einem Handy ins Geschäft und zeigten ein Foto: Habt ihr das?“ Verneinte er, war das Geschäft geplatzt: „Dann waren sie gleich wieder draußen.“
Er habe trotzdem Hoffnung, sagt Bruloot: Die internationalen Studenten, die Fashion-Ausstellungen und -Events, die Modearchive: „Es mag in anderen Städten größere, luxuriösere Geschäfte geben“, bekennt der Modeexperte. Aber Antwerpen sei von jeher eine Stadt des Handels und des Unternehmertums gewesen und vor allem: „Schon seit Jahrhunderten umarmt Antwerpen Kreativität und Kunst.“
Bis Anfang 2027 werden im Modemuseum also die Antwerp Six so richtig gefeiert: der muskelbetont-sportliche Kosmos von Dirk Bikkembergs. Ann Demeulemeesters schwarze Silhouetten und Federcolliers. Das kreative Chaos in Marina Yees Arbeitszimmer. Dirk Van Saenes lässt seine Kleider auf Schaufensterpuppen in einer ewigen Ellipse auf Schienen kreisen, und auch Dries Van Noten zeigt Lieblingsentwürfe, darunter das Abendkleid in flamboyantem Fuchsia aus der gemeinsam mit Christian Lacroix gestalteten Frühlings-Sommer-Kollektion von 2020.

Inmitten der grellen Farben und clownesk überspitzten Exzentrik seiner Entwürfe setzt ein digitalisierter Walter Van Beirendonck zum Zwiegespräch mit Puk-Puk an, dem Fantasiewesen, das er in den 1990er-Jahren kreierte. Die aus Computerscreens erbaute Standfigur zeigt nicht nur Modeschauen-Mitschnitte auf den Bildschirmen, sie stellt ihrem Schöpfer auch Fragen zu den Modeplänen für morgen: „Ban Banality“ skandiert der Designer dabei als Losung – verbanne die Banalität. Und weiter: „Die beste Art und Weise, die Zukunft voraussagen zu können“, gibt Beirendonck dem Maskottchen wie Museumsbesuchern mit, „ist, sie selbst zu kreieren.“ Es scheint so zu sein, als sei Antwerpen dafür immer noch der richtige Ort.
Die Ausstellung „The Antwerp Six“ ist bis zum 7. Januar 2027 im Antwerpener Modemuseum MoMu zu sehen.
