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Modedokus:Kleider machen Filme

Genauso gesichtslos wie ihr Schöpfer: Model in einem Entwurf von Martin Margiela aus dem Jahr 2009.

(Foto: Reiner Holzemer Film)

Dokumentarfilmer lieben die Modebranche. Nun nähert sich ein deutscher Regisseur dem Designer Martin Margiela an.

Martin Margiela macht sich mal wieder rar. Der legendäre belgische Designer zeigte bekanntlich nie sein Gesicht, 2009 kehrte er der Mode ganz den Rücken, jetzt lässt passenderweise auch die Dokumentation über ihn auf sich warten. "Margiela - In His Own Words" wird seit zwei Jahren in den sozialen Netzwerken so herbeigesehnt wie kaum ein anderer Modefilm zuvor. Am kommenden Donnerstag sollte der Film nun endlich in den deutschen Kinos anlaufen, doch wegen Corona ist der Start jetzt erst einmal auf den Herbst verschoben. In Ländern wie England, Belgien oder China kann er mittlerweile auf Bezahlplattformen gestreamt werden; weil in Deutschland aber die bayerische Filmförderung beteiligt ist - der Regisseur Reiner Holzemer ist Deutscher - hat hier das Kino Vorrang.

Immerhin dürfte sich das Warten lohnen: Laut dem Hollywood Reporter ist der Film "Die beste Mode-Dokumentation des Jahrzehnts." Und das will tatsächlich etwas heißen. Denn in den vergangenen Jahren gab es eine regelrechte Flut von Designer-Dokus. "Dior & I", "McQueen", "Dries", "Very Ralph" und "Wonder Boy" über Olivier Rousteing von Balmain. Dieses Jahr erscheint neben Margiela außerdem "In the Footsteps of Christian Louboutin" und Luca Guadagninos Dokumentation "Salvatore Ferragamo - The Shoemaker of Dreams". Allmählich ist es einfacher, aufzuzählen, welche große Marke eigentlich noch kein filmisches Denkmal im Regal stehen hat.

In den Neunzigern und frühen Nullerjahren dagegen verirrte sich nur gelegentlich ein Filmemacher in die Modewelt. Als der preisgekrönte Regisseur R. J. Cutler 2007 nach Geldgebern für einen Film über die amerikanische Vogue und ihre gefürchtete Chefredakteurin Anna Wintour suchte, bekam er noch zu hören, wer denn bitte einem Haufen Leute dabei zusehen wolle, wie sie Magazinseiten blätterten. Nun, offensichtlich ziemlich viele: "The September Issue" avancierte 2009 auch abseits der Modewelt zum Publikumserfolg und spielte allein an den Kinokassen weltweit rund 6,5 Millionen Dollar ein. Spätestens da wurde einer ganzen Reihe von Leuten klar: Nicht nur mit Kleidern lässt sich ganz gut Geld verdienen, sondern auch mit Filmen über ihre Entstehung.

Die Mode ist längst zum Unterhaltungsphänomen geworden, das ein Millionenpublikum in Museen, zu Youtube und Castingshows lockt. Und ausgerechnet dort, wo früher alle Einblicke hermetisch abgeriegelt wurden, lässt man die Türen nun sperrangelweit offen stehen. Teilhabe ist im digitalen Zeitalter schließlich alles. Also wird über Social Media ständig Material von "hinter den Kulissen" serviert, um die Kunden möglichst eng an die Marke zu binden. Das macht vielen Leuten offensichtlich Lust auf noch mehr Hintergrunddetails. Gleichzeitig liegen Dokumentationen ohnehin im Trend.

Im Film ist nur die Stimme des scheuen Margiela zu hören. Das gilt schon als Sensation

"Die Mischung ist für Filmemacher im Grunde ideal", sagt der Münchner Reiner Holzemer. "Visuell spannend, interessante Protagonisten, alles extrem kreativ, gleichzeitig herrscht immens hoher Druck." Holzemer hatte vorher Porträts über Fotografen wie Juergen Teller gedreht und landete 2017 mit seiner Arbeit über den Belgier Dries Van Noten gleich einen enormen Erfolg. "Dries" wurde in 64 Länder verkauft.

Dass der Regisseur es dann tatsächlich schaffte, auch Margiela zu überzeugen, der ja eigentlich nicht einmal Interviews gibt, grenzt an eine Sensation. "Drei Jahre hat es gedauert, bis er schließlich einwilligte", erzählt der 62-Jährige. Aber natürlich zeigt sich der Mann auch diesmal nicht. Anfangs sei er ständig gefragt worden, wie das gehen solle: ein Protagonist, der über 90 Minuten nicht zu sehen ist, sagt Holzemer. Aber im Endeffekt funktioniert "Margiela - In His Own Words" erstaunlich gut. Die Kamera konzentriert sich vor allem auf Margielas Hände, es kommen Weggefährten wie Jean-Paul Gaultier oder Carine Roitfeld zu Wort und vor allem eben Margiela selbst. Am Ende hat der Zuschauer eigentlich doch ein ziemlich gutes Bild von ihm.

Valentino soll entsetzt über sein Porträt gewesen sein. Er fühlte sich zu gut getroffen

Aber es sind ja längst nicht nur die sensiblen oder exzentrischen Designer, die das Sujet so dankbar machen. Auch in den ersten Reihen und Ateliers sitzen jede Menge Egos, die schon Stoff für Filme liefern, etwa André Leon Talley, gewichtiger Ex-Editor-at-Large der amerikanischen Vogue und Ex-Intimus von Anna Wintour. Die langjährige Stylistin Grace Coddington ist der heimliche Star von "The September Issue", bei "Dior & I" sind es die Atelierdamen, die dem damaligen Neuankömmling Raf Simons gelegentlich die Show stehlen. Die besseren unter all den Mode-Dokus bilden solche Spannungen ab. Die schlechteren sind eher spielfilmlange Imagefilme. Meistens sieht man, wo ein (halbwegs) unabhängiger Filmemacher am Werk war, oder die Marke selbst mitproduziert hat. "The Director" (2013) von James Franco über die ehemalige Gucci-Designerin Frida Giannini etwa gilt als peinliche Auftragsarbeit mit eher negativem Werbeeffekt. Der italienische Couturier Valentino hingegen soll zunächst entsetzt über das ein bisschen zu authentische Bild von ihm in "The Last Emperor" (2008) gewesen sein. Für das Publikum hingegen wurde er damit erst recht zur Legende.

Auch Reiner Holzemer plant bereits den nächsten Modefilm. Es gäbe diverse Ideen, aber nach Dries und Margiela hänge die Latte natürlich hoch, sagt der Regisseur. Namen wie Jil Sander, Helmut Lang, John Galliano immerhin wären theoretisch noch frei.

© SZ vom 23.05.2020
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