Mode Wenn die Mamma ruft

Laura Biagiotti erkannte früher als andere, dass die Ära der maßgefertigten Mode zu Ende ging.

(Foto: dpa)

Laura Biagiotti entwarf feminine, tragbare und bequeme Kleidung, bevorzugt in Weiß, bevorzugt aus Kaschmir. Eine "italienische Chanel", wie manche jubelten, ist sie nie gewesen.

Nachruf von Tanja Rest

Wenn in der Mailänder Front Row von Etro zuletzt Damen mit Pussy Hat saßen, wenn sich Teile der Industrie vor Begeisterung entleibten, weil an den Kreativspitzen von Dior und Givenchy nun erstmals eine Frau designt, wenn die Mode also gerade schwer auf dem Feminismustrip ist, dann kann man aus aktuellem Anlass nur sagen: Es gab eine Frau, der all dies und mehr gelungen ist in einer Zeit, die von Frauenquoten noch nichts wusste. Kein Mensch wäre in den Siebzigerjahren auf die Idee gekommen, die Unternehmerin und Designerin Laura Biagiotti als Botschafterin eines neuen, kämpferischen Feminismus willkommen zu heißen. Sie war plötzlich da, mit größter Selbstverständlichkeit - und blieb.

Dabei hatte die Tochter eines römischen Kaufmanns und einer Schneiderin eigentlich Archäologin werden wollen. Aber wie das so ist in Italien: Wenn die Mamma ruft, bricht man als gute Tochter auch das Studium ab und kommt nach Hause. In der heimischen Schneiderei entdeckte Biagiotti, dass sie nicht nur ein Talent für Gestaltung, sondern auch ein feines Näschen fürs Geschäftliche hatte. Dies mündete 1972 in die erste Kollektion unter ihrem Namen, die mit großem Erfolg in Florenz gezeigt wurde und die Weichen stellte für alles, was da kommen sollte.

Laura Biagiotti, die Unternehmerin, erkannte früher als andere, dass die Ära der maßgefertigten Mode (Alta Moda) zu Ende ging und setzte von Anfang an aufs serienmäßig produzierte Prêt-à-porter. Sie war die erste italienische Designerin, die eine Manufaktur für Kaschmir ins Land holte. Sie war auch die erste, die ein Defilee in China zeigte. Der Damenmode fügte sie bald noch eine Kollektion für Übergrößen hinzu, es folgten eine Herrenlinie, Kinderkleidung, Accessoires und Einrichtungsgegenstände. Spätestens Mitte der Achtzigerjahre war aus "Laura Biagiotti" ein international agierender Konzern geworden.

Laura Biagiotti, die Designerin, verfolgte einen konventionelleren Weg. "Ich habe nie daran geglaubt, dass Frauen glücklicher werden, wenn sie sich wie Männer anziehen. Das ist falsch verstandener Feminismus", sagte sie noch 2013 in einem Interview. Folglich entwarf sie feminine, tragbare und bequeme Kleidung, bevorzugt in Weiß, bevorzugt aus Kaschmir, was ihr den Titel "Queen of Cashmere" eintrug. Eine "italienische Chanel", wie manche jubelten, ist sie nie gewesen.

Biagiottis Kleider blieben stets im Bereich des Schicklichen

Es waren der aggressive Luxus von Gucci und Miuccia Pradas Ästhetik des Hässlichen, die die italienische Mode in den Achtzigern aus den Angeln hoben und nach vorn katapultierten. Biagiottis Kleider dagegen blieben stets im Bereich des Schicklichen, im internationalen Modezirkus spielten sie schon lange keine Rolle mehr. Ihren Namen kennen deutsche Frauen darum vor allem als Duft. "Roma" heißt das Parfum, das sie 1988 auf den Markt brachte, ein Welterfolg, so gefällig und unaufdringlich wie die Marke selbst. Es kam in einem milchgläsernen Flakon in Form einer römischen Säule daher, und eine tragende Säule des Unternehmens ist es bis heute.

Laura Biagiotti, die niemals verstörte und doch in so vieler Hinsicht Pionierin war, ist am Freitag an den Folgen eines Herzstillstandes gestorben. Sie wurde 73 Jahre alt. Für die Nachfolge ist längst gesorgt: Ihre Tochter Lavinia, 38, aus der Ehe mit dem 1997 verstorbenen Gianni Cigna, hat in den vergangenen Jahren bereits die Geschäfte geführt. Dabei wollte sie eigentlich Medizinerin werden. Aber wie das so ist in Italien: Wenn die Mamma ruft.

Laura Biagiotti

Queen of Cashmere