Ladies & Gentlemen:Strick, lass nach!

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Für diesen Winter ist wieder viel avantgardistische Knitwear auf den Laufstegen unterwegs gewesen. Sieht toll aus, aber sind die Sachen wirklich alltagstauglich? Zwei Warnhinweise.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Schwieriges Kleid

Wenn es noch einen Megatrend gibt, dann ist das in diesem Jahr Strick. Von Kopf bis Fuß. Das haben wir natürlich dem Lockdown-Winter 2020 zu verdanken, in dem unbequeme Paillettenhosen ihre Existenzberechtigung verloren, Frauen aber zu Hause nicht den Respekt vor sich selbst verlieren wollten. In der Theorie ist Allover-Strick also eine schöne Idee, und auch auf dem Laufsteg sieht das sehr passabel aus, wie wir hier bei Chloé sehen. Ein Kleid, das warm hält, trotzdem noch die Silhouette erahnen lässt, das ist lässig, das ist toll! Jetzt zur Praxis. Nur sehr wenige werden sich so einen Look leisten können - weder finanziell noch ästhetisch. Denn auf dem Weg zu dieser feenhaften Boho-Nonchalance sind in den meisten Fällen Po und Busen im Weg, die das nun mal sehr flexible Gewirke zu einer eher abstrakten Skulptur deformieren. Nein, dieser Look macht die Frau nicht im Sinne der Body Positivity zu einem Kurvenwunder. Das geht nur mit quasi an den Körper gestrickter Rippe mit Stretchanteil, mit der Azzedine Alaïa, Gott hab ihn selig, berühmt wurde. Allerdings hat der göttliche Designer die Maschen seiner Kunstwerke an den genau richtigen Stellen noch enger gefasst, was sehr kompliziert ist, weswegen die Dinger bis heute so sauteuer sind. Die Ottonormalverbraucher-Rippe, die in diesem Winter überall in Form von Hosen, Röcken und Kleidern in den Läden hängt, beult und leiert hingegen, als sei sie explizit gegen die Selbstachtung gestrickt worden. Also vielleicht doch lieber mal Pailletten zu Hause, warum eigentlich nicht?

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Für ihn: Komplizierter Pullover

Der Pullover ist im Winter natürlich ein essenzieller Bestandteil der Männerkleidung, sei es mit Hemd drunter oder ohne, als Rollkragen unterm Jackett oder am Wochenende im Garten in Form eines ausgebeulten Troyers. Und der dunkelblaue Merino- oder Kaschmir-Pullover ist sowieso der beste Freund des Mannes und gehört mehrfach in jede Schublade. Aber Strick ist auch gefährlich. Strick ist sozusagen der Wolf im Wollpelz. Die Gefahr liegt gerade in der bequemen Alltagstauglichkeit - sie lässt die Träger irgendwann unvorsichtig werden. Dabei gibt es beim Pullover nur sehr wenig Spielraum zwischen Wow und Katastrophe. Und die aktuelle Mode macht es den Männern nicht unbedingt leichter. Das Kombinieren der angesagten Jacquard-, Norweger- und Zopfmuster ist jedenfalls nicht anspruchslos. Sehr schnell bekommt der eigene Look bei solchen Experimenten eine fusselige Note. Und all die neuen Oversized-Pullover sind zwar vielleicht ein wenig fehlerverzeihender als zu kleine, enge Pullover (das Schlimmste!), aber sie wirken leider oft auch nur an Models wirklich zeitgemäß. Normale Männer laufen mit opulenter Knitwear wie hier vom Hermès-Laufsteg jedenfalls sehr schnell Gefahr, als Muttis Liebling oder alleinstehender Tüftler missverstanden zu werden. Als Faustregel für den Alltag im Büro oder gar abends muss man deshalb leider weiterhin sagen: Sobald ein zufälliger Betrachter "Oha, Pullover!" denken könnte, ist der Look mindestens noch mal kritisch zu hinterfragen.

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