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Trend der Sommersaison:Die Farbe der Stars

Paris Fashion Week Arrivées people au défilé CHLOE Chloé Womenswear Spring Summer 2019 Paris Fr

Ziemlich monoton: Ein Vorschlag von Chloé für Frühjahr/Sommer.

(Foto: imago; Beabreitung SZ)

Die Wiedergeburt der ewigen Seniorenfarbe: Alles spricht dafür, dass der kommende Sommer beige wird. Und dafür gibt es gute Gründe.

Schon in der Aussprache liegt oft maximale Verachtung. Das eigentlich buttercremeweich klingende "Beige" wird zu einem blökenden "Bääähsch" in die Länge gezogen, um auch lautmalerisch zu unterstreichen, dass es sich hier wirklich um die peinlichste, ödeste und altmodischste Farbe der Welt handelt. Tragbar, wenn überhaupt, nur für Senioren, daher auch der Begriff "Rentnerbeige". In englischen Wörterbüchern taucht "drab" - eintönig - sogar ganz offiziell als Synonym auf. Ganz schön viel Voreingenommenheit gegenüber dieser an sich so neutralen Farbe, doch dazu später.

Erst einmal sollte man erwähnen, dass da angeblich ein ziemlich beiger Sommer vor uns liegt, was nicht heißen soll, dass das Wetter trüb wird, Netflix vorübergehend den Betrieb einstellt und Jens Spahn das große Sommerinterview gibt. Die Modemagazine, Trendagenturen und sonstigen Branchenorakel meinen das nämlich ganz wörtlich. Beige gilt als die Farbe der nächsten Saison und zwar am besten gleich von Kopf bis Fuß: beigefarbene Kleider (Burberry), beigefarbene Röcke (Chloé), beigefarbene Schuhe (Bottega Veneta), beigefarbene Taschen (Balenciaga). Erstrebenswerter Sommerteint dazu natürlich: Beige bis Bronze.

Zu verdanken haben wir das vor allem Riccardo Tisci. Der ehemalige Givenchy-Designer zeigte im vergangenen September seine erste, mit Spannung erwartete Kollektion für Burberry und schickte erst mal drei Dutzend beigefarbene Looks über den Laufsteg. Auch wenn der Italiener Tisci zu den absoluten Lieblingen der Branche gehört - rückblickend lässt sich nicht behaupten, dass das Publikum auf der Stelle hingerissen gewesen wäre. Beige gilt auch in diesen Kreisen als eher schwieriger Farbton.

Aber Tisci schien die Sache ernst zu meinen: Sessel, Vorhänge, Teppich - alles changierte irgendwo zwischen Maggi helle Sauce und Toffifee. "Burberry owns this colour", erklärte Tisci später, die Marke hätte gewissermaßen ein Patent darauf. Der Trenchcoat, das Karomuster, alles so urbritisch beige wie ein English Breakfast Tea mit Milch. Er selbst habe sich die Farbe deshalb "einverleiben" wollen. Den neuen Vorzeigeladen auf der Londoner Regent Street ließ er, keine Übertreibung, mit 19 unterschiedlichen Beigetönen einrichten. Die aktuelle Anzeigenkampagne zeigt ebenfalls vor allem - na, Sie wissen schon.

Konsequenz (oder Penetranz) ist etwas, das sich auch in der Mode zuletzt immer mehr ausgezahlt hat. Je deutlicher den Leuten etwas eingehämmert wird, desto eher kommt es in der ständigen Kakofonie von Botschaften noch an. Rihanna, Julia Roberts und Irina Shayk trauten sich als Erste, öffentlich Beige zu tragen. In den vergangenen Wochen zeigten die Modeblogs beim Thema "Wie geht Beige?" aber vor allem das Model Hailey Bieber, die komplett in der Farbe aufzugehen scheint. Was durchaus etwas damit zu tun haben könnte, dass ihr frisch Angetrauter Justin Bieber gerade seine eigene Modelinie Drew House herausgebracht hat, die beinahe vollständig aus beigefarbenen Hoodies, Hemden und Hosen besteht (auch wenn Bieber es hartnäckig "camel" nennt).

Schon wird hier und da die pure Eleganz von Beige gelobt, das Vornehme, Bourgeoise. Grace Kelly war große Beige-Trägerin, nicht nur, weil es perfekt zu ihrem blonden Haar passte. Das blaue Cabrio, das sie in "Über den Dächern von Nizza" fuhr, war mit beigefarbenem Leder ausgepolstert, die Grace-Kelly-Suite im Intercontinental Carlton Cannes ist zu ihren Ehren in Beige- und Cremetönen gehalten. Als Wandfarbe gilt der Ton ohnehin als unschlagbar, auch wenn die Nuancen spätestens seit dem Heyday des englischen Wandfarbenherstellers Farrow & Ball natürlich nicht mehr einfach Beige, sondern Oxford Stone, Savage Ground oder Joa's White heißen. Vor einer beigefarbenen Wand, sagen Innenarchitekten, sähe im Grunde alles gut aus, weil der Farbton allem Vortritt lässt, was mehr Farbe, mehr Charakter, mehr Geltungssucht an den Tag legt.

Je hektischer unsere Umwelt, desto mehr sehnt sich der Geist nach Ruhe. Auch farblich

Burberry mag den Anspruch auf das ultimative Beige haben, aber das Wort geht auf die französische Bezeichnung für noch ungefärbte Wolle zurück. Es beschreibt also in erster Linie einen naturbelassenen Farbton - und angeblich trugen den schon in der Steinzeit vor allem die Alten. Weil sie Raubtieren gegenüber wehrloser waren als die Jüngeren, sollen die Greise versucht haben, sich zum Schutz unsichtbar zu machen und kleideten sich so sandfarben wie die Höhlenwand, in Urbeige sozusagen. Ob Senioren deshalb jahrzehntelang zu der Farbe griffen, weil auch sie möglichst nicht auffallen wollten, wer weiß. Jedenfalls inspirierte das vor allem in Deutschland weit verbreitete Phänomen 2012 sogar einen Dokumentarfilm: "Beige. Eine persönliche Hommage an die Farbe des Alters".

Zuletzt haben sich viele Senioren glücklicherweise von der Nicht-Farbe emanzipiert und trauen sich hier und da, ein strahlendes Blau oder sogar ein beherztes Pink anzulegen; an einem knalligen Paar Nike Air Max führt für immer mehr ältere Herrschaften sowieso kein Weg mehr vorbei. Die Sache mit dem "Rentnerbeige" ist also im Grunde passé, der Farbton wieder frei. Justin Bieber hätte gar nicht so verdruckst auf Camel machen müssen, sondern gleich das Original für sich besetzen können.

In anderer Hinsicht liegt der Sänger allerdings vollkommen richtig: "Come chill" lautet das Motto seiner Marke. Kommt mal runter, entspannt euch! Die aufgeregte Welt da draußen und ihr Blahblah mal kurz sich selbst überlassen, vielleicht sogar Social Media - hallo, Herr Habeck! - einfach abschalten: Keine Farbe könnte diesen Zustand besser visualisieren als total geerdetes, indifferentes Beige. So betrachtet ist die Rückkehr dieses Farbtons dann überhaupt nicht mehr überraschend, sondern im Gegenteil vollkommen logisch. Je hektischer und reizüberfluteter unsere Umwelt wird, desto mehr sehnt sich der Geist nach Ruhe. Ständig ist vom schönen Nichtstun die Rede, vom "Lob der Langeweile", weil wir diesen Zustand angeblich kaum mehr erleben. Und wenn alle sich immer bunter und auffälliger kleiden, um ja nicht im Instagram-Feed ihrer hochselektiven Follower unterzugehen - was ist da auffälliger als vornehme Zurückhaltung?

Wie wär's mit einer neuen Statusmeldung bei Facebook: Bin beige heute, bitte kein Hass

Nach all den Jahren könnte die Farbe ihre Träger also endlich nicht mehr älter, sondern einfach nur weiser machen. Weil sie so neutral ist. Von Stylisten wird sie deshalb gern als die "Schweiz im Spektrum" bezeichnet: stößt keinen vor den Kopf, hält sich im Zweifel lieber raus. Vielleicht sollte man Facebook vorschlagen, Beige als neue Profilfarbe anzubieten, oder auch einen Farbklecks als Statusmeldung: "Bin beige heute, bitte keine aufgeregten Debatten und Hasskommentare auf meiner Seite, danke." Ausgerechnet die ewige Schwäche der als lethargisch verschrienen Farbe könnte jetzt ihre Stärke werden.

Vor einigen Jahren haben Forscher der Harvard Medical School übrigens neben den weißen und den braunen Fettzellen noch eine dritte Art von Fett entdeckt. Diese Zellen lagern die Energie nicht ein, sondern verbrennen sie bei entsprechender Stimulation. Sie könnten womöglich dabei helfen, Fettleibigkeit und Diabetes zu bekämpfen, viele Menschen schlanker, glücklicher und schlussendlich ausgeglichener machen. Die Wissenschaftler nannten sie die "beigen Fettzellen".

Wer sich spätestens jetzt nicht nach ein bisschen Beige im Leben sehnt, ist einfach noch nicht überlastet genug.

© SZ vom 09.02.2019/ick

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