Mode Der Overall, die weibliche Kämpfermontur

Vorteil von Overalls: Die Fehlerquote beim Kombinieren von Unterteil und Oberteil geht zuverlässig gegen null.

(Foto: Getty)

Designer lassen sich gerne von Arbeitskleidung inspirieren, in dieser Saison ist der Overall das beliebteste Teil. Doch das Kleidungsstück ist nicht ganz unproblematisch.

Von Silke Wichert

Wenn man sich früher irgendwo einschleichen wollte, dann gab es diesen tollen Trick, der in vielen Filmen zu sehen ist: Arbeitsoverall überziehen und souverän als Klempner am Wachmann vorbeispazieren. Es könnte allerdings sein, dass der Trick demnächst nicht mehr funktioniert. Denn ein Blaumann ist längst kein Garant mehr dafür, dass sich hier jemand um Rohrbruch und Heiztechnik kümmert. Wer aktuell einen Einteiler trägt, signalisiert eher, modisch voll auf der Höhe zu sein. In den Laufstegkollektionen von Calvin Klein, Giambattista Valli oder Stella McCartney, bei den großen Ketten wie Zara, bei "Influencern" und nicht so einflussreichen Menschen - Overalls sind überall.

Schwer zu sagen, wer damit angefangen hat, dieses Kleidungsstück seinem natürlichen Habitat zu entwenden. Das Thema "Workwear" ist ja nicht ganz neu in der Mode. Designer haben sich schon immer an allen möglichen Uniformen abgearbeitet. Coco Chanel bediente sich bei der Matrosenhose, Jean Paul Gaultier beim Fischerhemd, die Jeans der amerikanischen Goldgräber hat eine ziemliche Karriere hingelegt, und Camouflage ist längst so etwas wie das neue Schottenkaro, obwohl Flecktarn zu allererst und immer noch zur Militärkleidung gehört.

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Jedenfalls galt bei Männern der Overall spätestens seit dem Film "Top Gun" vor gut dreißig Jahren als ziemlich sexy. (Ist es Zufall, dass Tom Cruise gerade jetzt noch einmal in seinen hineinschlüpft, um den zweiten Teil zu drehen?) Jennifer Beals trug in "Flashdance", wenn sie nicht tanzte, einen Einteiler mit Schweißerschürze darüber. Ein Wink mit dem Löthammer, um hier ein hart schuftendes "Working Girl" abzubilden. Seitdem sind Jumpsuits, Overalls, oder "Boiler Suits", wie sie im Englischen auch genannt werden, immer mal wieder in Mode gewesen, weil sie nicht nur lässig und praktisch sind, sondern auch außerhalb der Werkstatt vor Unfällen schützen: Die Fehlerquote beim Kombinieren von Unterteil und Oberteil geht zuverlässig gegen null.

"Die ewige Vernarrtheit der Mode in die Arbeiterklasse avanciert beinahe zum Fetisch."

"Was wir aktuell erleben, ist die ewige Vernarrtheit der Mode in die Arbeiterklasse, die in unserer Zeit beinahe zum Fetisch avanciert", glaubt der Anthropologe Constantinos Tsikkos, der für die Marktforschungsagentur Trendstop in London arbeitet und den Blog "Fashion. Anthropologist" betreibt. Diese Überhöhung sei so verklärt wie verstörend, schreibt Tsikkos dort, weil viele dieser "ehrlichen Arbeiter" ja kürzlich für Trump und den Brexit gestimmt hätten, was den Look eigentlich hochgradig unsexy machen müsste. Gleichzeitig erscheine das vermeintlich "Andere" aber nicht nur gefährlich, sondern eben immer auch attraktiv und faszinierend. Je mehr sich also unsere digitale Welt von manueller Arbeit entfremdet, desto exotischer wirkt im Umkehrschluss das klassische Proletariat? Auf die Mode übertragen hieße das: Der Overall ist das neue Baströckchen.

Das mag erst mal geschmacklos klingen, aber dass "die da oben" sich zumindest oberflächlich "von denen da unten" angezogen fühlen, ist im Grunde ja ein uralter Trend in Kunst und Literatur. Die britische (Arbeiterklasse)-Band Pulp sang noch Ende der Neunziger in "Common People" über das Upperclass-Mädchen, das sich gern mal mit "gewöhnlichen Leuten" abgeben würde. Es schlüpft sich halt so leicht in etwas hinein, das man bei Bedarf jederzeit wieder ablegen kann. Mode ist hier das perfekte Vehikel.

Frances McDormand als Mildred Hayes in einer Szene des Kinofilms "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri".

(Foto: dpa)

Zwischenzeitlich schien die "Working Class" bei denen da oben ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein, dafür ist sie nun umso präsenter: Der amerikanische "Rust Belt", der mehrheitlich Trump wählte, das Arbeitermilieu aus den britischen Midlands, die für den Brexit stimmten, die "Gelben Westen", die aktuell gegen Macrons "Politik der Reichen" auf die Straße gehen. Die vernachlässigte Schicht - zumindest die Mode nimmt sich ihrer jetzt an.

Und wie fast immer seit "Me Too", wird natürlich auch bei diesem Trend eine feministische Parallele gezogen: Denn natürlich kommen Frauen im Overall gleich viel maskuliner und anpackender daher. Was trug die Frau mit erhobenem Bizeps auf dem alten Propaganda-Plakat "We can do it!", das 1943 während des Krieges weibliche Arbeitskräfte für die amerikanische Rüstungsindustrie anwerben sollte? Natürlich eine Art Blaumann. Das Plakat wurde seit den Achtzigern hundertfach von Prominenten wie Beyoncé oder Kendall Jenner nachgestellt und immer mal wieder als ultimatives Feminismus-Statement gefeiert. Dass Frauen sich nur in männliche Rollenklischees schmeißen müssen, um sich zu "empowern", folgt ungefähr der gleichen Denke wie der alljährliche "Girls' Day", der Mädchen für immer noch klassische Männerberufe begeistern soll. Aber auch wenn so ein Overall nicht sofort gleichberechtigter macht, sehen Frauen darin zumindest weniger aufreizend und zerbrechlich aus.

Kulturelle Aneignung ist auch in der Mode eine komplizierte Angelegenheit

Insofern taugt er in jedem Fall als weibliche Kämpfermontur, wie zuletzt im Film "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri", in dem eine Mutter versucht, auf den unaufgeklärten Mord an ihrer Tochter aufmerksam zu machen. Sie kämpft für Gerechtigkeit, weshalb Frances McDormand weite Strecken dieses Films im Blaumann bestreitet - eine Heldin bei der Arbeit.

Anderen heroischen Figuren wollte der belgische Designer Raf Simons wahrscheinlich mit seiner aktuellen Winterkollektion für Calvin Klein huldigen. Neben Overalls schickte er auch Feuerwehrjacken und Hosen mit Reflektorstreifen über den Laufsteg. Die Feuerwehruniform gehört spätestens seit dem 11. September zur amerikanischen Ikonografie. Aber wenn gerade halb Kalifornien brennt und Tausende dieser Feuerwehrmänner im Einsatz sind - soll man da ernsthaft eine solche Jacke als "Fashion Statement" in Berlin-Mitte tragen? Findet es der Automechaniker wirklich cool, wenn aus der Luxuskarre vor seiner Werkstatt der Besitzer in einem ganz ähnlichen, nur ungleich teureren Einteiler der Marke Carhartt steigt? Kulturelle Aneignung ist auch in der Mode eine komplizierte Angelegenheit, nicht nur bei Baströckchen.

Doch die Sehnsucht nach ein bisschen Schmutz und realer Arbeit ist mitunter ja sogar ganz real. In Städten gibt es den Trend, sich eine Werkstatt einzurichten oder stundenweise in Co-Working-Ateliers einzumieten, um dort etwa ein Regal zu schreinern. Endlich mal wieder etwas mit den eigenen Händen schaffen. Dabei könnte man natürlich prima einen der vielen Overalls anziehen, die es gerade zu kaufen gibt. Aber für echte Arbeit sind die meisten dann doch zu schade.

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