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Mode:Normal extrem

Shootingstar der Politik mit Shootingstar der Mode: Alexandria Ocasio-Cortez mit einer "Shopping Bag" von Telfar.

(Foto: Tom Williams/AP)

Bushwick Birkin statt Birkin Bag: Der amerikanische Designer Telfar Clemens schafft es, mit seinen Kleidern und Taschen genau den Zeitgeist zu treffen.

Von Trisha Balster

Auf den Stufen des Kapitols trug kürzlich der Shootingstar der amerikanischen Politik den Shootingstar der Mode über der Schulter. Erstere, kaum überraschend, die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez. Letzterer, schon etwas überraschender, eine Tasche eines kleinen New Yorker Labels. Das hat seinen Sitz im Wahlkreis der Kongressabgeordneten - und löst seit Monaten Begeisterungsstürme aus.

Aufregend wirkt die "Shopping Bag" von Telfar auf den ersten Blick allerdings nicht: ein viereckiger Entwurf, mit abgesetztem Logo, von 150 US-Dollar an in drei Größen erhältlich. Kreiert wurde die Tasche 2014 von Designer Telfar Clemens, der sich an den Einkaufstaschen von Bloomingdales orientierte. Mittlerweile sind die Bestände regelmäßig leergekauft. So konnte das Label seinen jährlichen Umsatz zwischen 2017 und 2019 von 100.000 auf mehr als 1,6 Millionen US-Dollar steigern, gab das Wall Street Journal an. Wer es heute auf die Warteliste schafft, muss sich bis Jahresende gedulden.

Die Tasche ist Statussymbol und Geheimcode, eine "It-Bag" für eine Generation, die sich aus Prinzip eigentlich niemals auf ein "It" festlegen würde. Deshalb auch der inoffizielle Titel: "Bushwick Birkin". So begehrt wie die "Birkin Bag" von Hermès, aber deutlich erschwinglicher - und für Trägerinnen designt, die lange nicht als Zielgruppe von Luxusmarken ins Visier genommen wurden. Statt auf den Boulevards zu flanieren hängen sie eben im Brooklyner Stadtteil Bushwick ab.

"Bushwick Birkin" lautet der Spitzname der Tasche, in Anlehnung an die "Birkin Bag" von Hermès.

(Foto: Telfar)

Clemens traf mit seinem simplen Design genau dieses Empfinden; und zwar aus seiner eigenen Lebensrealität heraus. Der 35-Jährige arbeitet mit jenen Leuten zusammen, die seine Tasche durch Bushwick spazieren führen, unweit des Büros des Labels. Sie posieren auf seinem Instagram-Account und in seinen Werbekampagnen, treten bei seinen Modenschauen auf - sie sind also nicht bloß Markenbotschafter, eher Markenkern.

Auf dem Laufsteg sieht man schwarze Männer in bauchfreien, asymmetrischen Tops. Der Ausschnitt scheint auf die Schulter verschoben, der Hals ragt stattdessen durchs geweitete Armloch. Oder sie tragen schräg abgeschnittene Jeansshorts, die an oberschenkelhohe Lacklederstiefel knüpfen. Bei Jacken schwingen die Arme unter den eigentlichen Ärmeln, die wehen dagegen wie Superheldencapes. Eine Kollektion bewarb Clemens mal mit dem Slogan "Extremely Normal". Sein Ziel, sagt er dem New Yorker, sei es, wie Michael Kors zu werden. Der eroberte mit seinen Handtaschen die Armbeugen des Landes. Normaler geht es kaum.

Mit Mode setzte sich Clemens nicht in einem Kunststudium auseinander, sondern er brachte sich alles selbst bei. Als Sohn liberianischer Einwanderer wuchs er in Queens auf, sehnte sich nach den Stücken in der Damenabteilung, und fertigte sie einfach selbst an. Später studierte er Wirtschaft, arbeitete nachts als DJ und durchforstete in der Freizeit Manhattans Secondhandläden, um die Funde dann zu zerlegen.

Telfar steht für Unisex, Gruppengefühl und Diversität

Das eigene Label kam 2005. Ein Logo musste her, also erinnerte Clemens sich an den Englisch-Nachhilfeunterricht im Kindergarten. Seine Lehrerin malte damals die Initialen der Schüler an die Tafel. Clemens versah mit T und C erst aus Langeweile seine Schulhefte, dann aus Begeisterung seine Designs. Lange arbeiteten Freunde ohne Bezahlung für ihn, stylten seine Shows, fotografierten die Kampagnen. Schon vor 15 Jahren gelang es ihm, sein Label mit Bedeutung aufzuladen, das ist bis heute das Fundament seines Erfolgs. Telfar steht für Unisex, Gruppengefühl und Diversität.

Schlagworte im Grunde, die aber in der Branche nicht wichtiger sein könnten. Für Clemens ist das Fluch und Segen. Lange wurde er nicht beachtet, weil er so war, wie er war - jetzt wird er dafür gefeiert. 2017 bekam er sogar den wichtigsten amerikanischen Modepreis verliehen, den CFDA/Vogue Fashion Fund Award.

Nicht immer ist das plötzliche Interesse nachhaltig: Erst kürzlich wurde Telfar von Gap nach einer groß angekündigten Kooperation für Kanye Wests Label Yeezy fallen gelassen - nachdem Clemens bereits 30 Designs angefertigt hatte und nur noch die Unterschriften auf dem Vertrag fehlten. Offiziell, weil die Pandemie die Planung erschwerte. Die Branche vermutet, dass Clemens dem um einiges bekannteren West weichen musste. Dabei hätte der Mall-Gigant Gap ganz gut in seinen Plan gepasst. Dem Branchenmagazin WWD sagte er, das Revolutionärste, was seine Firma machen könnten, sei es, kommerziell zu sein.

Die Einnahmen spendete er an ein Gefängnis

Für eine Fashion-Week-Party lädt er deshalb auch mal in eine Filiale der Fastfood-Kette White Castle am Times Square. Schließlich hat er die Burger so oft nachts gegessen - warum also nicht auch die herausgeputzte Modeszene zwischen den Fritteusen tanzen lassen. Wenig später designte er Uniformen für die Mitarbeiter in mehr als 350 Filialen sowie eine kommerzielle Kollektion, bestehend aus T-Shirts und Hoodies. Deren Erlös spendete er an einen Kautionsfond für minderjährige Insassen auf der New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island, die unweit seines Wohnorts in Queens liegt.

Als die Herrenmodemesse Pitti Uomo Clemens Anfang des Jahres als Gastdesigner nach Florenz lud und bei der Inszenierung freie Hand ließ, organisierte er ein großes Abendessen und eine Übernachtungsparty im Palazzo Corsini - allerdings nur für Familie und Freunde. Journalisten und Einkäufer durften erst am nächsten Morgen kommen, als die Feier längst zu Ende war und die verwüstete Tafel zum Laufsteg wurde.

Auf die Meinung der Branche kommt es Clemens vielleicht ohnehin nicht mehr an. Statt von strauchelnden Luxuskaufhäusern abhängig zu sein, vertreibt Telfar höchst erfolgreich über die eigene Website. Die Kundinnen kaufen schließlich auch ohne teuer produzierten Werbeanzeigen mit Hollywood-Schauspielerinnen. Bereits vergangenes Jahr entschieden er und sein Team, die aktuelle New York Fashion Week ausfallen zu lassen.

Statt über den Laufsteg spazieren seine Trägerinnen ohnehin lieber über dreckiges New Yorker Kopfsteinpflaster. Oder eben über die Treppen des Kapitols in Washington, D.C..

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