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Start-up:Vintage wird zum Statement

Immer schon sind Geschäftsmodelle obsolet geworden, neue profitierten. Und leiht man sich heute nicht wie selbstverständlich schon Autos, Fahrräder, Bohrmaschinen? Das Eigentum verliert an Bedeutung, junge Großstädter proben mit der Sharing Economy das Modell einer selbstlosen Gesellschaft. Mode ist aber noch mal individueller als ein Auto, sie ist Ausdruck der eigenen Identität, für bestimmte Milieus oder Gruppen sogar ein Mittel der Distinktion. "Ich glaube, die Vorbehalte werden bei den Menschen weniger", sagt Robina von Stein, und so ganz Unrecht dürfte sie damit nicht haben. Der Second-Hand-Markt boomt, gerade bei einer jungen, gut gebildeten Käuferschicht. Und das nicht, um Geld zu sparen: Für sie ist Vintage vor allem ein modisches Statement. Und dann gibt es ja auch die verbreitete Unsitte, sich eine neue Jacke nur für ein Instagram-Foto zu bestellen. Knipsen, hochladen, zurückschicken. Der Internet-Händler Zalando, so heißt es in Branchenkreisen, soll auch deswegen eine Retourenquote von bis zu 50 Prozent haben.

Für den Alltag sei das Klamottenleihen aber kein Modell, sagt ein Kritiker

Kleidung wird massenweise durch die Welt transportiert, da macht auch Re-nt keine Ausnahme. "Das ist natürlich ein Problem", sagt Robina von Stein, die deshalb bald mit sogenannten Drop-Boxen in Großstädten arbeiten will. Die Kunden können ihre geliehene Kleidung an Sammelorten einwerfen, eine Testphase ist in Berlin bereits gestartet. Mit der App sollen sie zurückverfolgen können, wie viel CO2 im Vergleich zu gekaufter Kleidung eingespart werden konnte. "Kleine Trigger", sagt Robina von Stein, "um die Menschen zu effizienterem Konsum anzuregen."

Mode Väter der Klamotte
Konsum

Väter der Klamotte

Männer holen neuen Studien zufolge beim Shoppen auf. Aber sie gehen dann doch ein wenig anders an die Sache heran als Frauen.   Von Tanja Rest

Die Textilindustrie ist ein Ressourcenfresser, sie benötigt gewaltige Mengen an Wasser, Chemikalien und Energie. Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht bis zu 8000 Liter Wasser, zwischen 2000 und 2015 hat sich die weltweite Textilproduktion verdoppelt. Die sogenannte Fast-Fashion-Industrie stellt Kleidung in Bangladesch, Kambodscha und Vietnam her, von dort wird sie in die ganze Welt geflogen und verschifft. Bis zu 24 Kollektionen pro Jahr, Massenware, mit der die Bekleidungsindustrie weltweit zwei Billionen Euro Umsatz macht, Tendenz steigend. Der Modehändler H & M hatte vergangenes Jahr angeblich Überproduktion im Wert von 3,5 Milliarden Euro, was nicht verkauft werden kann, wird tonnenweise verbrannt.

Und der Konsument ist die treibende Kraft, weil er konsumiert. Laut einer Studie von Greenpeace haben die Deutschen durchschnittlich 95 Kleidungsstücke im Schrank, insgesamt 5,2 Milliarden Teile, Unterwäsche und Socken nicht einberechnet. Billigware wird angehäuft, jedes fünfte Kleidungsstück aber selten oder gar nicht getragen. In Teilen der Gesellschaft wandelt sich das Bewusstsein aber langsam und deshalb ist heute auch Weltverbesserungsrhetorik Teil vieler Geschäftsmodelle. "Der Kunde ist aber kritisch", sagt Robina von Stein, "wenn man damit wirbt, braucht man auch Transparenz."

Für die will sie selbst sorgen, bei einer Podiumsdiskussion der Fashion Week, zu der Branchenkenner im Brecht-Haus Berlin zusammengekommen sind. Gedimmtes Licht, im Publikum sitzen vor allem junge Modeinteressierte. Und in dem Creative Consultant und Fachjournalisten Joachim Schirrmacher hat Robina von Stein auf der Bühne gleich einen bekennenden Skeptiker gefunden. Für den Alltag sei das kein Modell, sagt er, vor allem für einkommensschwache Bevölkerungsteile. Schirrmacher, graues Sakko und Einstecktuch, sieht darin eher Spaltungspotenzial, er zweifelt auch an der Wirtschaftlichkeit und an der Passform von gemieteter Kleidung. "Und wenn jemand für 600 Euro im Jahr Klamotten mietet und seinen Job verliert", sagt er, "dann hat er ja gar nichts mehr." Ein Weg zu mehr Nachhaltigkeit, glaubt Schirrmacher, sei eher ein Verbot für kostenlose Retouren. Der Moderator will später wissen, wer sich Kleidung leihen würde, rund zwei Drittel des nicht ganz repräsentativen Publikums melden sich. Robina von Stein lächelt und sagt: "Jede Veränderung begann mal mit einer Vision."

Nachhaltigkeit "Kauft meine Sachen nur, wenn ihr sie braucht"

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