Comeback der Moon Boots Mondsüchtig

Hier ein Modell von Yves Salomon - mit Fell und Karo-Muster

(Foto: Major Giovanni Allegri Woman)

Sie machen ein schlankes Bein, weil sie selbst klobig sind. Vor allem aber sind sie warm und bequem: 50 Jahre nach ihrer Erfindung sind Moon Boots wieder mal angesagt.

Von Anne Goebel

Als Jane Fonda 1968 in dem Film "Barbarella" durch das All turnt, trägt sie Silberstiefel mit oberschenkelhohem Schaft. Sie sehen höllisch unbequem aus, ebenso das weiße Pendant aus Lackleder - aber so war das eben im Space Age. Futuristische Mode hatte nichts mit wohlfühlen zu tun. Für die Mission Zukunft stecken Designer wie Paco Rabanne oder André Courrèges Frauen in enge Kettenhemdchen oder PVC-Kleider. 1969 dann die Erlösung, in Italien wird der Moon Boot erfunden. Ein bunter, sehr bequemer Schuh. Seitdem bedeutet modetechnisch ein Flug in die Galaxie vor allem: warme Füße.

Der Moon Boot ist so ziemlich das einzige Überbleibsel aus den Chemiefaser-versessenen Sechzigern, das bis heute überlebt hat. Wenn man von diversen Anläufen absieht, den Plastikmantel wiederzubeleben (seinerzeit schlüpfte sogar Princess Anne in eine grellpinke Regenhülle, jüngster Reanimationsversuch: ein Modell von Marine Serre für schlappe 750 Euro). In den Schneestiefeln haben Generationen von Skifahrern ihre steifgefrorenen Füße aufgetaut. Nach der Anspannung auf der Piste signalisiert der Moon Boot schon optisch: loslassen. Zehen gelockert, schlurfender Gang - die rundlichen Treter leiten über in den gemütlichen Teil des Wintersports.

Volle Packung: der Original Moon Boot von Tecnica in Metallic.

(Foto: PR)

Zum 50. Jahrestag der Mondlandung 2019 will der Hersteller Tecnica nun vom Schub der Apollo 11-Nostalgie profitieren. In München wurde eine flauschbesetzte Jubiläumskollektion vorgestellt, mit zeitgemäßen Sneakeranleihen, neongrün bis leuchtend orange - eine Hommage an die psychedelischen Farbvorlieben der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre.

Und auf der Männermodemesse Pitti Uomo in Florenz soll im Januar mit einer Installation an die Achse Cape Canaveral-Giavera del Montello erinnert werden. In aller Bescheidenheit natürlich, aber der Raketenstart in Florida im Juli 1969 war ja für den Schuhmacherbetrieb in dem kleinen italienischen Ort bei Treviso der Auslöser für die Erfindung des Stiefels. Es gibt sogar ein Paar handsignierte Moon Boots mit der Unterschrift des Astronauten Buzz Aldrin.

Dass der ausgepolsterte Schuh seit einigen Saisons wieder auf den Laufstegen auftaucht, ist in erster Linie der Retromanie geschuldet. Die Mode legt ja von Hippie bis Rave alle Stilrichtungen munter wieder auf, und die Faszination für das Astrale hatte vor allem Chanel mit einer Raumschiff-Kollektion befeuert. Von Calvin Klein bis Margiela gab es zuletzt Endzeit-Schuhe zu sehen, die aussahen, als müsste sich die Menschheit für eine Auswanderung auf den Mars wappnen.

Saint Laurent steuerte die fellige Yak-Variante bei, das Prinzip bleibt dasselbe: Klobiges am Fuß macht schlanke Beine. Dieser Effekt hatte natürlich schon den Erfolg des Ur-Moon-Boot ausgemacht, vor allem bei Frauen. Männer wirken in den Polarpuschen ja immer leicht karnevalesk. Selbst in "Moonraker" trug James Bond daher sicherheitshalber nur dezent wattierte Kurzstiefeletten.

Nicht unbedingt tragbar, aber ein Hingucker: Moon Boots von Jeremy Scott

(Foto: Randy_Brooke)

Bei der Tecnica Group in Venetien kann man die neue Aufmerksamkeit für den Klassiker gut gebrauchen. Die Mondschuhe sind zwar überall auf der Welt bekannt und waren auch nie weg, wobei Spezialanfertigungen in Echtpelz oder von Louis Vuitton schon eher etwas für eine Nischenkundschaft sind. Aber der Familienbetrieb hat sich mit Zukäufen übernommen und brauchte einen Investor, um auf die Füße zu kommen. Da schadet es nicht, wenn das Vorzeigeprodukt wieder stärker gefragt ist. Der allgemeine Trend zu unförmigen Schuhen tut ein Übriges, auch die Lobeshymnen für Ryan Gosling in dem Mondfahrer-Film "First Man" dürften den Italienern zumindest indirekt nützen.

Die Winterstiefel machen nur einen Teil des Geschäfts bei Tecnica aus. Auch die Wanderschuhmarke Lowa und die Skianbieter Blizzard und Nordica gehören zum Portfolio der 1960 gegründeten Firma. Alberto Zanatta, Sohn des Gründers, führt inzwischen die Geschäfte und ließ kürzlich wissen: "Wir haben Vollgas gegeben und Fehler gemacht." Mit zu vielen Markeneinkäufen, vom Modelabel Think Pink bis zum Snowboardhersteller Nitro hatte sich die Holding verzettelt. Inzwischen ist das Unternehmen wieder verschlankt.

Senior Giancarlo Zanatta, leidenschaftlicher Skifahrer wie der Sohn, hatte bei der Apollo 11-Landung der Abdruck von Neil Armstrongs Schuh fasziniert. Das Rillenmuster im Mondstaub ist längst ein ikonisches Bild. Das Foto hatte Zanatta vor Augen, als er den Winterstiefel mit ähnlichem Profil erfand - wann das genau war, lässt Tecnica in seiner Firmengeschichte im Unklaren. Etwas Mythos muss sein bei außerirdischen Themen. Viel Freude hatten die Zanattas jedenfalls an den Entwürfen von Jeremy Scott, der im Februar in New York Moon Boots in einer beinlangen Overknee-Version zeigte. Untragbar natürlich, außer für Barbarella.

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