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Ladies & Gentlemen:Auf Wolle sieben

Gegen die steife Brise: Zopfmuster sind gerade sehr gefragt.

(Foto: Lemaire/Loro Piano)

Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach Handgemachtem gerade riesig ist - besonders nach Handgemachten, das warm hält. Zopfstrick ist deshalb gerade ein Riesentrend.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Sinn fürs Zugeknöpfte

Zopfstrickpullover mit dramatischen Ballonärmeln von Lemaire.

(Foto: Lemaire)

Es war klar, dass mit der gerade verordneten Existenz in der digitalisierten Isolation die Sehnsucht nach Handgemachtem zurückkommt. Nach etwas, das so aussieht, als hätten es menschliche Hände mit viel Liebe hergestellt, zum Beispiel die einer irischen alten Dame auf einer der Aran-Inseln. Zopfstrick ist deshalb jetzt ein Riesentrend, den man überall kaufen kann, von Balenciaga bis Zara. Ein demokratisches Kleidungsstück ist der Zopfpulli natürlich trotzdem nicht, weil seine Billigvariante ganz einfach zu platt ist: von Maschinen angedeutete, flache Muster, und, weil aus Plastikgarn wie Acryl oder Polyester, ohne jeglichen Stand. Es ist mit gestrickten Zöpfen eben wie mit den echten auf dem Kopf: Es braucht Volumen, damit das Ganze nicht nach Knastvergangenheit aussieht. Die wahrscheinlich schickste Variante kommt von Lemaire, dem Pariser Label für interessante Frauen mit Sinn fürs Zugeknöpfte: Sein Zopfstrickpullover (über matchesfashion.com) hat dramatische Ballonärmel und macht die ganze Frau zur hocheleganten Skulptur, allerdings nicht zu einer eiskalten, denn Cable Knit symbolisiert ja das Faible für Kaminabende und lange Spaziergänge am Nordseestrand. Für ungefähr 1000 Euro sollte ein Kleidungsstück natürlich immer gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, also die Bodenhaftung und den Pariser Esprit vereinen, festzuhalten bleibt: für Wohlhabende bleibt es sowieso kuschelig, ob mit oder ohne Corona und anschließende Wirtschaftskrise. Alle anderen müssen mit steifer Brise rechnen.

Für ihn: Zu verzopft

(Foto: Loro Piano)

Die kurzärmelige Hausjacke mit Zopfmuster hat es ja dank ihres Zwei-Sekunden-Auftritts bei Loriot in den ewigen Kanon der deutschen Herrengarderobe geschafft - wenn auch eher als Lachnummer denn als wirklich angewandte Praxis. So richtig gutgetan hat das dem Zopfmuster nicht, es gilt hierzulande immer noch schnell als, nun ja, verzopft oder zumindest eher alpin konnotiert, vulgo nicht gerade urban. Letzteres lässt sich auch zur Pulloverform des Zip-Troyers sagen, wie er hier von Loro Piana für den Winter vorgeschlagen wird. Der Troyer selbst ist ja ein Kleidungsstück, das ursprünglich im militärischen Bereich und da vor allem bei der Marine zum Standard wurde. Jürgen Prochnow als "Herr Kaleun" in "Das Boot" trägt ihn dann auch Tag und Nacht. Wer je in seiner Jugend deshalb einen Bundeswehr-Shop betreten und einen dicken Miltec-Troyer aus säureresistentem Polyester-Baumwoll-Gemisch erworben hat, der weiß - die Dinger sitzen so massiv, da sorgt die halbe Öffnung auch nicht mehr für Umluft. Ähnlich hermetisch wirkt auch dieses ungleich edlere Modell: Strick plus Zopf plus Kragen plus Reißverschluss plus Farbe ergibt insgesamt viel zu viel Pullover und macht einen recht hausbackenen Eindruck. Nein, irgendwie wird aus dem gezippten Troyer kein mondänes Teil mehr, schon gar nicht mit Zopfmuster. Aber für den Countryclub oder im Sporthotel unterm Sakko mag das hinreichend genügen. Und für die nächste U-Boot-Ausfahrt empfiehlt sich dann wieder ein einfaches Modell, eines, das richtig was abkann.

© SZ

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