Mode Der Reißverschluss galt als vulgär

Auch heute, hundert Jahre später, ist es aber nicht so, dass der Reißverschluss sämtliche anderen textilen Verschlussmöglichkeiten abgelöst hätte. Ginge es streng nach Funktion, gäbe es nur noch ihn - und hier und da vielleicht den Klettverschluss, der Ende der 1950er-Jahre lanciert wurde. Aber selbst im dritten Jahrtausend, während sich die ersten Menschen schon auf die Mars-Landung vorbereiten, binden wir uns immer noch unsere Schuhe, wenn's sein muss doppelt, und knöpfen unsere Hemden, auch wenn es Kunststoff-Zipper gibt, die sich auf der Haut nicht kalt anfühlen. Warum? Die einfachste Erklärung lautet wohl: Mode ist zwar manchmal praktisch, aber garantiert nie logisch.

Der Reißverschluss galt anfangs jedenfalls als vulgär (Gummischuhe! Tabakbeutel!), kein anständiger Modedesigner wäre auf die Idee gekommen, ihn zu verwenden. Das änderte sich erst 1933, als der Amerikaner Charles James einen langen Metall-Reißverschluss in einem Kleid spiralförmig um den ganzen Körper führte, von oben nach unten. Die Suggestion, dass man das Kleid mit einem einzigen langen Zipp öffnen könne und dafür nur die Frau zu drehen bräuchte wie eine Schaufensterpuppe, trug sicher zum Appeal des Entwurfs bei.

Coco Chanel Uniformen der Befreiung
Die rätselvolle Vita der Coco Chanel

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Damit begann sozusagen die modische Nobilitierung des Reißverschlusses, die sich zwei Jahre später bei Elsa Schiaparelli fortsetzte, der legendären, mit großem Humor gesegneten Pariser Gegenspielerin von Coco Chanel. Schiaparelli war fasziniert davon, dass sich die damals gerade neu entwickelten, aus Cellulose bestehenden Kunststoff-Reißverschlüsse in allen erdenklichen Farben einfärben ließen. Das eröffnete ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten. Schiaparelli versteckte die Reißverschlüsse in ihren Entwürfen dann nicht mehr verschämt hinter einer Blende, sondern legte sie frei, in einem zum Stoff passenden Farbton.

Neue Modelle aus Aluminium wiegen nur halb so viel wie herkömmliche aus Messing

Spätestens seit diesen Jahren kann der Reißverschluss also auch Ornament sein. Als zum Beispiel Ende der Siebzigerjahre, zur kommerziellen Hochphase des Punk, die Bondage-Hosen immer populärer wurden, die ursprünglich von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren in ihrem Seditionaries-Laden in London verkauft worden waren, schienen, je häufiger und billiger die Hosen kopiert wurden, immer noch mehr Reißverschlüsse an allen möglichen und unmöglichen Stellen hinzuzukommen. Hinten auf den Oberschenkeln, schräg über dem Knie. Der Reißverschluss hatte hier keine Funktion mehr, außer, dass er eine gewisse Krassheit und Sado-Maso-Erotik reinbringen sollte, als Äquivalent zur Sicherheitsnadel im Ohr.

Überhaupt: die Erotik des Reißverschlusses. Gerne hätte man dazu etwas in den "Mythen des Alltags" des französischen Philosophen Roland Barthes gelesen, zwischen seinen brillanten Kurzessays zum Striptease oder zur aerodynamischen Karosse des Citroën DS. Leider schrieb Barthes aber nichts zum kulturellen Phänomen des Reißverschlusses, also auch nichts darüber, wie er zum Reizverschluss wird, der signalisiert: Hier geht es genauso schnell wieder raus.

Barthes wird ja zu Lebzeiten noch das "Sticky Fingers"-Albumcover der Rolling Stones gesehen haben, das 1971 einen funktionstüchtigen Metallzipper an der Stelle hatte, wo in der Fotografie der Jeans-Stall eines Mannes zu sehen war. Die Vorstellung, dass einen hier ein Penis anspringen könnte, war skandalös. Wessen Teil da genau in der Hose steckte, darüber streiten sich bis heute die Pop-Historiker, sicher ist nur, dass es nicht Mick Jagger war. Konzept: Andy Warhol, wer sonst.

Natürlich könnten wir hier jetzt noch ewig weitermachen mit den Beispielen für die kulturelle Relevanz des Reißverschlusses, aber es ist ja auch interessant zu schauen, wie es mit ihm weitergehen wird. Wird er seinen zweihundertsten Geburtstag erleben? Oder werden vollautomatische Lösungen ihn ersetzen? Die Vorstellung fällt schwer.

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Zwar gibt es von Nike den Konzept-Schuh MAG, der ursprünglich für den Film "Zurück in die Zukunft" (1985) entworfen wurde und im vergangenen Jahr dann in einer funktionalen limitierten Edition verkauft wurde. Er bindet sich automatisch und passt sich dem Fuß an. Ähnliche Lösungen wären für Oberbekleidung denkbar. Aber das würde bedeuten: überall Batterien und Motörchen am Körper - wer will das schon?

Nein, es wird wohl bei manuellen Zippern bleiben. Wie die aussehen könnten, ist etwa in London im weltweit ersten Reißverschluss-Showroom zu sehen. Betrieben wird er von YKK, dem 1934 von Tadao Yoshida in Japan gegründeten Unternehmen, das heute das größte Reißverschluss-Imperium ist. Ausgestellt werden hier Modelle aus Aluminium, die nur halb so viel wiegen wie herkömmliche Messing-Zipper. Oder die sogenannten Vislon-Kristall-Reißverschlüsse, bei denen in jeden einzelnen Kunststoff-Zahn ein Swarovski-Steinchen eingefasst ist, sodass der Reißverschluss aussieht wie eine Strass-Kette.

Wie man aus Fachkreisen hört, soll es auch schon biologisch kompostierbare Reißverschlüsse aus Dextrose geben, die aus Maisstärke gewonnen wird. Sie werden angeblich vom US-Militär eingesetzt, für Leichensäcke. Sollte das stimmen, wäre es ein weiterer Beweis dafür, dass Neuerungen meist beim Militär zuerst zum Einsatz kommen. So wie vor hundert Jahren, als vom Reißverschluss - außer der US Army - noch niemand etwas wissen wollte.

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