Mode Irritierende Damen mit Mühlsteinkragen

Macht am liebsten alles selbst: Christian Tagliavini.

(Foto: Christian Tagliavini / Courtesy of CAMERA WORK)

Fotograf Christian Tagliavini inszeniert seine Modelle im Stil früherer Jahrhunderte, was schon mal ungemütlich werden kann. Ein Besuch beim neuen Lieblingskind der Kunstszene.

Von Anne Goebel

Parma im Jahr 1527, das Porträt einer jungen Frau gibt Rätsel auf. Wer ist die kühle Schönheit auf dem Bild des Malers Parmigianino: eine Edelhure, schmuckbehängt? Die Braut des Künstlers mit Nerzstola als leicht anzüglichem Fruchtbarkeitssymbol? Ein ungelöstes Geheimnis macht ja jedes Gemälde gleich doppelt interessant. Auch deshalb ist die "Antea" bis heute eines der berühmtesten Werke der Renaissance (und, nebenbei gesagt, viel attraktiver als die Pausbacke Mona Lisa).

Dass nun, 500 Jahre später, genau der selbe Frauentyp Aufsehen erregt, ist eine hübsche Ironie der Kunstgeschichte. Wer, bitte, sind diese Mädchen in Madonnenpose, die höfischen Damen mit steifen Hauben? Das war die Frage in der fast nie ahnungslosen Berliner Kulturschickeria, als in der Hauptstadt vor ein paar Monaten plötzlich überall die Plakate mit Fotografien von Christian Tagliavini auftauchten: Bildkompositionen wie aus einer toskanischen Ahnengalerie. Statisch. Großflächig. Uninstagramable.

Niemand kannte den Italiener oder konnte seinen Namen aussprechen. Dann wurde seine Ausstellung in der Galerie Camerawork in Mitte zur Attraktion. Besucher standen Schlange, Sammler kauften, die Schau wurde verlängert. Dieses Wochenende ist definitiv Schluss, aber das "Fotografiska" in Stockholm, eines der renommiertesten Museen für zeitgenössische Fotografie, hat den altmeisterlichen Tagliavini direkt im Anschluss gebucht. Die Wiederentdeckung der Langsamkeit als Ausweg aus dem digitalen Bilderteppich - das trifft den Nerv unserer Zeit.

Es läuft also bestens für Christian Tagliavini, Jahrgang 1971. Beim Treffen in Lugano wirkt der Wahl-Schweizer, in Jeans und aufgekrempelten Hemdsärmeln, wie unter Strom, als komme er gerade von der Fotografiska-Pressekonferenz - dabei liegt die Vernissage in Schweden schon ein paar Tage zurück. Der Mann ist halt im Flow. Tänzelt zur Begrüßung um den runden Schiefertisch im Ristorante Ciani, fester Händedruck, ein Glas Wasser gefällig? Und los geht's. Aufgewachsen in Parma. Gelernter technischer Zeichner. Fotografie-Autodidakt. Schlüsselmoment: eine Ausstellung des Modefotografen Patrick Demarchelier in Mailand. Tagliavini spult das ab wie eine surrende Rolleiflex. Langsam ist hier erst mal gar nichts.

Das erscheint auch verständlich bei einem, den der Erfolg gerade schier überrollt. Als "Weltsensation" hat ein Kritiker neulich die seltsam entrückten Porträts des Norditalieners bezeichnet. Die Ausstellung in Stockholm geht schon mit dem Titel in die Vollen. "The extraordinary world of Christian Tagliavini". Der Ausnahmekünstler entspannt sich am Tisch jetzt allmählich, nach Espresso und einem Stück Torta di noci. Erwartungsdruck, bei so viel Euphorie über seine renaissancehaften Damen, die bizarren Szenerien auf seinen Bildern? Er lehnt sich zurück, schnippt einen Kuchenkrümel beiseite und sagt, den meisten Druck mache er sich selbst. "Aber ich mag das. Ich bin Perfektionist. Ich will alles kontrollieren."

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Anders wären solche Arbeiten auch gar nicht machbar. Es grenzt schon an Manie, mit welchem Aufwand Tagliavini seine Welten erschafft. Die Bilderserie "1406", benannt nach dem Geburtsjahr des Malers Filippo Lippi, ist eine Galerie nachdenklicher Schönheiten in Samt und Brokat. Bei den "Dame di Cartone" (Pappdamen) ragen jeweils nur Arme und Gesicht des Modells aus einem steifen Papierkleid. Von ersten Skizzen über den Entwurf der Roben und die Auswahl der Stoffe bis zum Fertigen der Requisiten: Dieser Bühnen-, Kostüm- und Maskenbildner-Fotograf gibt schon in der Vorbereitungsphase so gut wie nichts aus der Hand. Bloß einige Arbeiten an Tischler und an eine Schneiderin seines Vertrauens.

Und das Erstaunliche ist, es existiert kein Atelier. Wer sich eine poetische Tagliavini-Werkstatt vorstellt mit Sägemehl und Stoffballen, vielleicht oben in den Bergen über der Stadt, liegt falsch. "Zero", sagt er. Ist nicht. Für jedes Projekt mietet der 47-Jährige irgendwo in Lugano einen Arbeitsraum. Lässt darin mit seiner Assistentin Fantasiegestalten entstehen, zu denen ihn die Romane von Jules Verne anregen oder die Werke eines Florentiner Hofmalers. Fotografiert seine Geschöpfe. Und löscht jede weitere Spur von ihnen aus. Sie existieren nur durch seine Bilder. Kulissen, Stoffreste, Accessoires, alles wird entsorgt. Bist du reich?, fragen seine Freunde, weil er jedes Mal teures Material anschafft und wieder beseitigt. "Nein. Verrückt", antwortet er dann. Auf ein Auto verzichtet er.