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Stil-Kolumne:Ganz geheim, ganz zufällig, ganz inszeniert

Boris and Carrie Johnson are seen in the garden of 10 Downing Street, after their wedding, in London
(Foto: POOL/via REUTERS)

Boris Johnson ist Hochzeitsprofi, Carrie Symonds weiß sich in Szene zu setzen. Bei ihrer Hochzeit haben die beiden nur scheinbar improvisiert.

Von Jan Kedves und Julia Werner

Für sie: Scheinbare Lässigkeit

Boris Johnson und Carrie Symonds haben geheiratet. Sehr gut, denn jetzt haben wir Beweise: dafür, dass selbst die katholische Kirche nicht mehr an den Bund für die Ewigkeit glaubt (ja, der geschiedene britische Premier durfte das Ritual im Gotteshaus absolvieren!). Und dafür, dass das weiße Brautkleid schon immer nur eher Folklore war. Denn von Unschuld kann bei der frischgebackenen Mutter ja keine Rede sein. Nichts gegen eine Hochzeit - aber warum wollen Frauen immer noch so gerne ein Sahnebaiser sein, das bitte am Altar abgeholt werden möchte? Egal wie modern sie erscheinen, egal wie hart sie an ihrer Karriere arbeiten, in Wahrheit fiebern erstaunlich viele einzig und allein auf den Moment hin, in dem sie ihrem Liebsten wimpernklimpernd ein Ja zuhauchen dürfen. Carrie Symonds aber hat eine schnörkellose Variante gewählt und ihr Brautkleid, designt vom griechischen Modedesigner Christos Costarellos, angeblich für 45 Pfund bei einem Modeverleih gemietet (bei dem sie regelmäßig Kundin ist). Sie weiß also, dass das romantische Outfit nicht mehr ist als Verkleidung, die man nie wieder tragen kann. Hätte sie doch auf den riesigen Blumenkranz verzichtet, den eine Frau wirklich nur betrunken bei der schwedischen Mittsommernacht tragen darf, und ganz einfach ein sauteures Knalleroutfit gewählt, von dem sie schon immer geträumt hat - in Schwarz, in Giftgrün, egal - dann wäre sie das perfekte Vorbild gewesen. Jetzt aber ist ihr 3000 Euro teurer Glitzertraum auf Netaporter ausverkauft. Ladies, so kann das nicht weitergehen.

Für ihn: Echte Nachlässigkeit

Boris Johnson macht Fortschritte. Zu seiner ersten Hochzeit, 1987 mit Allegra Mostyn-Owen, soll er ohne Hose, Schuhe und Manschettenknöpfe erschienen sein. Er lieh sich dann spontan etwas bei Gästen aus. Jetzt, bei seiner inzwischen dritten Hochzeit, war der britische Premier vollständig angezogen. Aber weil die Nachlässigkeit bei ihm System hat, politisch wie privat, durfte auch diesmal nicht alles stimmen. Keine Weste, keine Fliege. Beabsichtigter Eindruck: Den zwei lovebirds hier konnte es gar nicht schnell genug gehen, sie pfeifen auf Förmlichkeit - drei Tage nachdem Johnsons Ex-Berater Dominic Cummings ihn vor dem Gesundheitsausschuss des Vollversagens in der Corona-Krise bezichtigt hat. Liebe lenkt ab, wie schön! So drückt Johnson bei der angeblich streng geheimen Impromptu-Hochzeit (von der es aber doch Fotos gibt) im Garten der 10 Downing Street seine barfüßige Braut an sich. In letzteren wurde fürs romantisch-pastorale Flair schnell noch ein garantiert billiger Strohballen als Deko hineingeworfen (es gab in der Number 10 ja auch gerade einen Luxusrenovierungs-Skandal...). Man achte auf die Krawatte: Sie hängt ihm schief neben der komplett freigelegten Knopfleiste, was aussieht, als hätte er schon an ihr gezogen, um seinen Oberkörper zu befreien und das Hemd aufzuknöpfen. Gut vorstellbar, dass jemand gesagt hat: Stopp, fürs Foto die Krawatte bitte noch kurz anlassen! Und er erwidert hat: Na gut, aber dafür wuschel ich mir die Haare noch doller! Oder hat die Braut liebevoll gewuschelt? Und schon muss man gar nicht mehr an irgendeinen Gesundheitsausschuss denken. Raffiniert.

© SZ/marli
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