Süddeutsche Zeitung

Mode:Gianni Versace - unsterblich begabt

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Vor 20 Jahren wurde der italienische Designer ermordet. Gianni Versace gilt als Entdecker der Supermodels - und veränderte die Sicht auf die Mode.

Von Anne Goebel

Das schönste Märchen der Modewelt geht so: Ein Schneider, jung und begierig nach Ruhm, bricht aus dem armen Süden seines Landes auf zu großen Taten. Bald versetzt er mit golddurchwirkten Gewändern die Welt in Staunen und speist von feinsten Tellern, ohne seine Herkunft zu vergessen. Eines Morgens lauert ihm vor seinem Palast ein Mörder auf und tötet ihn. Der Vielgeliebte wird beweint, von Neidern verleumdet - und vor allem: Er wird unsterblich.

Das ist, in groben Zügen, die Geschichte des Modeschöpfers Gianni Versace aus der süditalienischen Provinz Kalabrien. Der Versuch, sein Leben zusammenzufassen, ohne dabei klischeehaft zu klingen, ist so aussichtslos, dass man es besser gar nicht versucht. Versace selbst liebte ja nichts so sehr wie Übertreibungen, sie kennzeichnen seine Mode, seine Werbekampagnen, sie sind der Kern seiner unermüdlichen Selbstinszenierung. Er spielte mal den Medici-Fürsten, mal den römischen Potentaten. Kleiner ging es nicht.

Es ist jetzt exakt zwei Jahrzehnte her, dass der Designer am 15. Juli 1997 vor seiner Villa am Ocean Drive in Miami Beach ermordet wurde. Das war das Ende einer sagenhaft erfolgreichen Karriere, in der Gianni Versace alles erreichte, was in den Achtziger- und Neunzigerjahren entscheidend war. Er sah gut aus, bekam die berühmtesten Models, war umweht von einem Hauch Dekadenz und Kokain und machte Kleider, die jeder Mensch schon von Weitem seiner Firma zuordnen konnte.

Erstens, weil sie mit einem Logo versehen waren, der schaurig schönen Medusa, die immer irgendwo prangte. Und zweitens, weil sie so geschnitten waren, dass die meisten Menschen bei ihrem Anblick eher an Ausziehen dachten als an Ankleiden. Das war auch für modische Neulinge ein leicht zu merkendes Markenzeichen.

Zum 20. Todestag setzt das Interesse an Gianni Versace nun genau an der Stelle wieder an, wo es irgendwann erloschen war, als nach dem Mord auch die letzte Schockwelle verebbte: bei der Sensation des gefallenen Helden. Ein scheinbar Unverwundbarer, umflattert von den Schönsten und Reichsten, brutal niedergeschossen von einem Serienmörder - das ist Stoff für Hollywood. Penélope Cruz steht gerade blondiert vor der Kamera als Versaces Schwester Donatella, für eine neue Staffel der Erfolgsserie "American Crime Story". Sie soll im kommenden Jahr starten. Und der Regisseur Bille August hat Antonio Banderas auserkoren für die Titelrolle in seinem geplanten Versace-Biopic.

Und mit jeder vogelwilden Kollektion das postmoderne Mantra: Spaß, Spaß, Spaß

Und das Œuvre, die Kollektionen, das Vermächtnis als Couturier? Man kann von Folgendem ausgehen: In beiden Produktionen wird nicht die Mode im Mittelpunkt stehen, sondern Dekoration sein für das Drama um den Mann, den Schöpfer. Und das ist nicht mal verkehrt, weil das Dekor, die Ausschmückung von Anfang an im Zentrum von Versaces Entwürfen stand. Kein anderer war so regelrecht besessen von Schnallen, goldenen Nieten, Gliederketten und Zierriemen. Niemand vor ihm hat Textil so bunt, laut und ohne Scheu vor zu viel Gepränge bedrucken lassen wie Gianni Versace. (Und niemand hat so wenig Textil gebraucht, um Frauen anzuziehen. Liz Hurleys Sicherheitsnadel-Kleid!)

Kostprobe? Royalblau neben pompejanischem Rot und schwärzester Höllenschwärze. Barockschnörkel, Tigerprints, Roy Lichtenstein auf engstem Raum mit mythologischen Götterwesen. Die Internet-Bildersuche "Versace Prints" ist nichts für schwache Nerven. Das lässt die aktuelle Aufregung um Patchwork-Ornamentik bei Marken wie Gucci doch recht schal schmecken. Lange vor dem harmlosen Vintage-Mischer Alessandro Michele führte sein Landsmann der Welt vor, was ein Mustermix ist. Und um den stets knapp sitzenden Teilen, die daraus gefertigt wurden, noch ein bisserl Speed zu verpassen: gern schenkelhohe Lackstiefel dazu.

Sex sells, dafür steht die Marke Versace im Kern bis heute. Die bleichhaarige Schwester Donatella, seit 1997 Kreativchefin des Unternehmens, weicht in ihren Kollektionen von der Grundrichtung kaum ab. Deren Eckpunkte sind schnell aufgezählt: mal mehr und mal noch mehr nackte Haut, etwas Gladiatoren-Pomp, Elemente aus der Subkultur mit Sado-Maso- oder Punk-Anleihen. Und alles immer schön scharf an der Kante zum Anstößigen.

"Weißt du, ich kleide die Nutten ein und du die Betschwestern", auf Italienisch klingt es fast possierlich mit "Io vesto le zoccole e tu le suorine": Das ist in Italien ein berühmt gewordener Satz, den Gianni Versace angeblich zu seinem Rivalen Giorgio Armani gesagt haben soll. Berühmt vor allem wegen der Rage, in die Donatella geriet, nachdem Armani das ausgeplaudert hatte. Ihr Bruder war da schon Jahre tot und konnte nichts mehr zur Aufklärung beitragen. Der Spaß an handfesten Redensarten ist jedenfalls in Italien verbreiteter als hierzulande, auch unter Feingeistern.

Als Phänomen ist die sexualisierte Versace-Ästhetik, die ständig von Begehren handelt und doch kalt und wie lackiert wirkt, fest in den Achtziger- und Neunzigerjahren verankert. Es gab, nach Blumenkindern und Punk, einen Hunger nach Mode, die kein Bedeutungsträger war, sondern ein Spiel. Gianni Versace hat diesen Hunger am cleversten befriedigt und immer neu stimuliert. Seine damals als extrem provokant empfundenen Entwürfe schraubten die Umsätze der Familien-Holding in schwindelerregende Höhen.

Und mit jeder vogelwilden Kollektion wieder das postmoderne Mantra: Spaß, Spaß, Spaß. Wobei der Fangemeinde von Sting über Elton John bis Jane Fonda auch diese Spur erhabener Düsterkeit gefiel. Der Nachfolgerin Donatella Versace, die 1997 aus dem Schatten ins Rampenlicht stolperte, haben Kunden und Kritik einen harten Start bereitet. Es dauerte Jahre, bis sie den Eindruck erweckte, auf ihrem Posten angekommen zu sein.

Der Über-Bruder selbst, 1946 in bescheidene Verhältnisse geboren in der Region Kalabrien - unterm Joch der 'Ndrangheta würde sie zu den beklemmendsten Gebieten Italiens gehören, wäre sie landschaftlich nicht so schön -, konnte sich schon jung auf dem Gipfel des Mode-Olymps wähnen. Den stellte er sich wahrscheinlich als Gelage Gutangezogener vor, Wein aus Versace-Gläsern, er selbst in der Mitte, die Luft erfüllt vom Gezwitscher der Supermodels. Ach ja, und ein paar Langweiler wie Christian Dior oder Madame Chanel.

Gianni Versace war auch ein Erneuerer der Mode und ein Aufsässiger, das wird gern vergessen. Er forderte mit seiner Spaßoffensive den ältlichen Snobismus von Couture und Alta Moda heraus. "Ich kleide die Neureichen ein? Und wenn schon, sie sind die Reichen von morgen." Er begriff früh, dass sich die Nobelbranche neuen Kunden öffnen musste, verkaufte Parfum, Geschirr, Homewear im Zeichen der Medusa. Eine krausköpfige Versace-Flut überschwemmte den Luxusmarkt, was damals nicht etwa billig wirkte, sondern frisch und respektlos.

Er experimentierte mit Lasertechnik, verarbeitete Leder auf neue Art, ließ ein Metallgewebe entwickeln. Mit seinen Herrenkollektionen erteilte er den Männern die Pastellfarben-Erlaubnis und legte ihnen das zerknautschte Leinensakko ans Herz. Versace lebte offen homosexuell und lästerte gegen die Krawatte als Symbol erzwungener Uniformität ("Sie gibt mir das Gefühl zu ersticken"), was 1992 für einen Skandal reichte.

Dann kam der 15. Juli 1997, und nach dem Mord blieb kein Platz mehr für biografische Feinheiten. Gianni Versace wurde, noch ehe alle Spuren des Verbrechens gesichert waren, Teil der monumentalen "Versace Story": Ein von den Hinterbliebenen und der auf ewig untröstlichen Modegemeinde gehegter Mythos vom genialen Goldjungen aus Reggio Calabria, Sohn einer einfachen Schneiderin.

Den Boden dafür hatte er selbst bereitet. Wenige Designer haben die eigene Bedeutung so penibel und pompös inszeniert wie Gianni Versace, der als geradezu preußisches Arbeitstier galt und, gegenüber echten Freunden, als schrankenlos generös. Die Zitate aus der klassischen Antike, mit denen er seine Entwürfe und Showrooms überfrachtete, ließen ihn schon zu Lebzeiten wirken wie einen größenwahnsinnigen Fürsten der Renaissance.

Das Zurschaustellen des Reichtums, die Erste-Liga-Promi-Partys in den mit Kunstwerken gespickten Häusern am Comer See und in Mailand. Seine Opernkostüme für die Scala, die lancierten Familienfotos des Clans, Bruder Santo, Nichte Allegra. Kurz: Er spielte virtuos die dekadente und ach so warmherzige Italianità-Nummer, die sich die hingerissene Öffentlichkeit mit Wonne zu Gemüte führte. Bis zum bitteren letzten Akt. Mord, Schlammschlacht um Gelder, Mafia-Verdacht, der nie bewiesen wurde. Das war besser als bei den Borgia.

Die Kritikerin Suzy Menkes fand seine Sachen vulgär und frauenfeindlich

Die Frage, welchen Glanz sein Name in der Mode behalten hätte ohne das spektakuläre Finale, tauchte bald nach Gianni Versaces Tod auf. Er hatte ja nicht nur Verehrer, die Kritikerin Suzy Menkes zum Beispiel fand seine Sachen vulgär und frauenfeindlich (Kontrastprogramm dazu: Vogue-Chefin Anna Wintour auf Youtube, die mit tränenerstickter Stimme Versaces Tod einigermaßen würdevoll zu kommentieren versucht).

Es gab diejenigen, die zunehmend vernehmbar meinten, die klassische Strenge seines Konkurrenten Giorgio Armani habe mehr Bestand. Und es gab Landsleute, die sich eilig in Stellung brachten als Nachfolger in Sachen Opulenz. Aus Paris: höfliches Kondolieren, aber dort hatten sie den "couturier flamboyant" und seinen kommerziellen Triumphmarsch auch pikiert zur Kenntnis genommen.

Fest steht: Von Versace bleibt die Erfindung der Supermodels, auf seinem Laufsteg wurden Naomi, Claudia und der Rest der Mädchenklasse erst erschaffen. Das wiederum entfachte die Begehrlichkeit von Designermode auf bis dahin unbekannte Weise. Versace hat außerdem, gefühlte Lichtjahre vor Instagram, die Wucht erkannt, mit der ein Händchen für die richtigen Celebrities ein Label anschieben kann. Er ließ, nur ein Name unter vielen, Madonna für seine Kampagnen posieren. Beides hat die Art, wie wir Mode heute betrachten, welche Relevanz wir ihr einräumen, grundlegend verändert.

Was Versaces kreatives Erbe betrifft, so ist schnell Verunsicherung im Spiel. Weil seine Entwürfe heute cheap wirken, weil sie so aggressiv waren und eventuell frauenverachtend. Jennifer Lopez in dieser dschungelgrünen Toga zum Beispiel, Ausschnitt bis unter den Nabel. Bei Prinzessin Diana kann hingegen kaum Zweifel bestehen, dass Giannis königsblaues Körperfutteral sie nicht zum Objekt degradierte, sondern in einer für die Royals alarmierenden Weise gerade den Abschied vom Part des gedemütigten Hascherls einläutete.

Es kommt eben auf den Blickwinkel an. Der Designer Christopher Kane, einer von den jungen Londoner Modetalenten, hat erklärt, ihn fasziniere die Gianni-Versace-Frau, weil sie stark, sexy und gierig sei. Das wurde wiederum Donatella jüngst in einem Interview hinterbracht, sie war geschmeichelt, korrigierte aber. Ihrem Bruder sei es um die reine Verführung gegangen. In dem Wort gierig steckte ihr zu viel ironische Distanz.

Das bedeutet, der Modeschöpfer Gianni Versace meinte die Lolita-Röckchen, Lackstilettos und Medusen-Hotpants, er meinte all das tatsächlich ernst. Das hat, man kann es nicht anders sagen, Größe.

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Quelle:
SZ vom 15.07.2017
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