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Mode:Endlich wachgeküsst

Bein frei und bitte nicht zu schlicht: Der Zeitgeist setzt den klassischen Geschlechterbildern in der Mode weiter zu. Die Männerschauen in Mailand und Paris zeigen, wie großartig das ist.

Modisch gesehen beginnt die neue Dekade fast schon umstürzlerisch, zumindest bei den Männern. Sofern man sie noch so nennen kann, denn darum geht es ja gerade: Die Zersetzung des Männlichen oder besser dessen, was bisher als männlich gilt. Die Zeichen stehen überall auf weich, empfindsam, und wer damit Probleme hat - Beileid, da gibt es quasi täglich neue Gründe für einen Wutausbruch. Kerle mit Glitzer-Make-up bei den Golden Globes. Männer, die öffentlich über ihre bevorzugte Kosmetikmarke ratschen. Selbst Daniel Craig braucht im neuen James-Bond-Film Hilfe von einer Agentin.

Damit ist klar, dass von den gerade zu Ende gegangenen Modewochen in Mailand und Paris auch diesmal kein ultramaskulines Schaulaufen zu erwarten war. Der "neue Mann" ist seit ein paar Saisons ein beherrschendes Thema in der Branche. Und ungefähr seit genauso langer Zeit wittern die Konzerne eine riesige neue Zielgruppe, die, einmal wachgeküsst aus dem Einerlei von Sakko, Hemd, Hose (für die Arbeit) und Streetwear (für alles andere), neue Umsatzschübe bringen soll. Zeitgeist und geschäftliche Interessen setzen einträchtig dem klassischen Rollenbild zu. Unter Stilgesichtspunkten kann man nur sagen: zum Glück. Die Shows und Präsentationen für kommenden Winter sind spannender gewesen als früher ein ganzes Jahresabo von Esquire.

Man muss es nicht gleich so weit treiben wie Alessandro Michele für Gucci, dessen Show in Mailand vielen als Beleg für die finale Neudefinition des Maskulinen gilt. Zu sehen sind knabenhafte Wesen in knöchelfreien Metallic-Hosen, Riemchenschuhen mit Absatz oder T-Shirts mit dem Aufdruck "impotent". Er wolle ein Zeichen gegen "toxische Männlichkeit" setzen, sagte der Designer nach der Show. Damit führt Michele nur konsequent weiter, was er vor fünf Jahren mit seinem als wegweisend geltenden Debüt begann: die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu verwischen. Als Geschäftsmodell funktioniert das für Gucci bei der jungen Klientel weiter hervorragend. Totaler Umbruch? Draußen auf der Piazza Sei Febbraio sehen nach der Show die meisten Männer jedenfalls immer noch ziemlich herkömmlich aus.

Mit Ausnahme von Altmeister Giorgio Armani, der eine unnahbar militarylastige Kollektion zeigt, als wolle er trotzig gegen den Strom schwimmen, setzen auch die anderen großen Häuser in Mailand auf Details, die eher als weiblich gelten. Bei Fendi gibt es wadenkurze Anzughosen ("Ich mag Männerbeine", gab Silvia Venturini Fendi zu Protokoll), bei Ferragamo sanfte Karamelltöne und flaumige Mohairkapuzen.

Insgesamt aber tut sich die italienische Modehauptstadt, traditionell ein Garant für gut geschnittene Menswear ohne allzu viel Sperenzien, schwerer mit den neuen Looks als Paris. Dort liefern sich mit Dior und Louis Vuitton die beiden interessantesten Männerlabels immer ein kleines Turnier, das natürlich jedes Mal unentschieden ausgeht. Schließlich gehören beide zum Übervater, dem Konzern LVMH, der allenfalls ein Gebalge unter den Jungs duldet, aber keine unschön scharfe Konkurrenz.

Hoch experimentell auf der Fährte von Alessandro Micheles Transgender-Kurs ist in Paris zum Beispiel Jonathan Anderson für Loewe. Er zeigt Models mit gerafften Discokleidern, nackten Waden - vielleicht sollte man sich die Entwürfe nicht zwingend nur an Männern vorstellen. Ein zartgelber Pulli, kristallbestickt, könnte jede Frühjahrsgarderobe einer Frau aufmöbeln. Ebenso der weiße Mantel aus leichter Wolle mit Ketten-Schmuckband, der aussieht wie ein Couture-Stück aus den späten Sechzigern.

Überhaupt zitieren die Schauen in Paris reihenweise Haute-Couture-Elemente, was einerseits erneut belegt, wie sehr ein bisher als weiblich geltender Ansatz im Fokus steht, die Sorgfalt in puncto Mustern, Schnitten, Details. Zum anderen belegt das eine neue Qualität dieser Ausrichtung, - es geht eben nicht nur um einen Trend zu etwas mehr Verspieltheit, sondern um einen neue Ernsthaftigkeit in der Männermode. Bei Givenchy zum Beispiel präsentiert Claire Waight Keller aufwendigst von Hand bestickte Shirts.

Für Louis Vuitton zeigt Virgil Abloh, zurück nach einer dreimonatigen Auszeit, eine reine Anzugkollektion. Striktes "Tailoring" also von einem, der einst lässige Streetwear in die Luxusmode brachte - der Amerikaner nutzt die scheinbare Beschränkung aber für die schönsten Formexperimente, gerüschte Gehröcke zum Beispiel oder ein blusenartiges Hemd mit Lochstickerei.

Da kann Kim Jones für Dior natürlich nicht zurückstehen. Der Brite ist in seiner Heimat gerade zum "Menswear Designer of the Year" gekürt worden. "Hoch expressiv" nennt das Fachmagazin L'Officiel mit kaum gedrosselter Ekstase die sehr feine Kollektion aus perlgrauen Seidenmänteln, feminin ellbogenlangen Handschuhen. Und, im gekonnten Kontrast dazu, Uniformanklängen durch Barette oder Bomberjacken. So sieht die hohe Kunst der Balance aus, zwischen Tragbarkeit und Raffinesse - auch zwei Begriffe, die man bisher nur aus der Frauenmode kennt. Diese Zeiten sind vorbei.

© SZ vom 25.01.2020
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