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Mode:Einfach Spitze

Label Ici Maintenant aus St.Gallen.
Tamara Stadler ist die Designerin

Schlicht in der Form, aber aus Stoff mit Geschichte: Röcke aus der kommenden Herbstkollektion von Ici Maintenant, einem Label aus der alten Textilstadt St. Gallen.

(Foto: Ici Maintenant)

Die Schweizer Stadt St. Gallen war lange ein wichtiger Produktionsort für feine Textilien. In dieser Tradition steht das Label "Ici Maintenant", das hochwertige Röcke herstellt.

Ohne Illusion und Maskerade geht es in der Mode bekanntlich nicht. Weshalb eine Geschichte über Mode aus St. Gallen am besten am Bahnhof der Schweizer Stadt beginnt. Eine pompöse Anlage mit neubarockem Geschnörkel, man hat das Gefühl, in einer Metropole ersten Ranges aus dem Zug gestiegen zu sein. Dabei erstreckt sich rundherum ein betriebsames Städtchen mittlerer Größe, genannt das "Tor zum Appenzell". Und so war der Bau auch gedacht. Ein Täuschungsmanöver. Ein aus Sandstein gebauter hübscher Bluff.

Tamara Stadler erzählt die Geschichte mit einem amüsierten Lächeln in ihrem lichten Büro mitten in der Altstadt, über Dächer blickt man auf die Villenbezirke der umliegenden Hügel. Die Designerin kennt sich aus mit der Historie des Orts, schließlich fußt darauf ihre eigene Firma: Ici Maintenant heißt das Modelabel. In ihren Kollektionen verarbeitet sie, was einst den Ruhm der Stadt ausmachte: Exquisite Stoffe, bestickt und durchbrochen, federleicht, kostbar - die berühmte Sankt Galler Spitze.

So gut wie jede Haute-Couture-Marke ist Kunde in St. Gallen

Vor gut hundert Jahren war sie jahrzehntelang ein Exportschlager im Luxussegment, der feine Damen auf allen Kontinenten noch feiner und die Stadt reich machte. Damals wurde auch der neue Bahnhof gebaut, um fremde Kaufleute schon bei der Ankunft mit Weltläufigkeit zu beeindrucken. Heute hat der Textilhandel bei Weitem nicht mehr die Bedeutung von früher. Es gibt noch wenige Hersteller, die Konkurrenz aus Asien ist mächtig. Und es gibt vor allem, findet Tamara Stadler, "zu wenig Stolz auf die Geltung, die St. Gallen einmal hatte". Mit ihrer Marke möchte sie das ändern, nachdem sie von der Zwischenstation Zürich in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist. "Vielleicht musste jemand von außen kommen, um den Anstoß zu geben."

Das ist ziemlich selbstbewusst formuliert: Eine junge Start-up-Unternehmerin, die eine untergegangene Manufaktur-Tradition wiederbeleben will. Wobei die zierliche Frau mit rötlichem Haar, die ihren SUV bei einer kleinen Stadttour durch enge Gassen steuert, natürlich weiß, dass dazu eine Einzelinitiative nicht ausreicht. Allein ist sie ja auch nicht. Chanel oder Valentino, Louis Vuitton und Giambattista Valli: So gut wie jede Haute-Couture-Marke ist Kunde in St. Gallen. Die ehrwürdigen Häuser kaufen hier den Stoff für ihre Kreationen, wenn es besonders edel, filigran oder überladen, kurz: wenn es wirklich Couture sein soll.

Die Kleider aus Pailletten oder Lochstickerei machen sich dann zwar bildschön auf dem Laufsteg. Aber weil die Designer den Applaus nur für sich und nicht für den Herkunftsort der zugekauften Stoffe einheimsen, liegt St. Gallens Kunstfertigkeit im Halbschatten des großen Modezirkus wie ein schlummerndes Dornröschen. Daran ändert auch das international erfolgreiche Label Akris nichts, wo man die Wurzeln in der sogenannten Gallusstadt selten explizit betont.

Tamara Stadler Pizzigoni (den zweiten Nachnamen lässt sie meistens weg), Tochter einer Deutschen und eines Italieners, nähert sich der St. Gallener Tradition mit klar definiertem Konzept: Ici Maintenant beschränkt sich auf eine einzige Art von Kleidungsstück - und verkauft ausschließlich Röcke. Die Gründe lassen sich schon aus dem Namen ableiten. Ici Maintenant bedeutet so viel wie "Hier und jetzt", womit nicht nur ein zeitgemäßer Look gemeint ist. Der Bezug zur Gegenwart bedeutet auch, dass die Gründerin eine pragmatische Vorstellung davon hat, wie sie sich auf dem Markt positionieren will.

"Eine Marke entwickeln, vermarkten, vertreiben, das finde ich spannend", sagt die Absolventin einer Textilfachschule. "Ich kann nicht zeichnen und wollte nie Designerin werden." Es klingt ein wenig, als wolle sie sagen: Mir geht es nicht um Luftschlösser, sondern um die Realität. Und da es nun mal eine Tatsache ist, dass es auf dem unsteten Terrain der Luxusmode so etwas wie Übersichtlichkeit schon lange nicht mehr gibt, könnte das ein kluger Schachzug sein: Alles auf eine Karte, auf ein markantes Stück. Etwa den Rock.

Zum Weltwirtschaftsforum in Davos waren die Röcke in der Boutique schnell ausverkauft

Vor zwei Jahren hat Tamara Stadler die ersten Entwürfe auf ihrer Homepage online gestellt. Inzwischen gibt es die Röcke von Ici Maintenant, betont schlicht in der Silhouette, außergewöhnlich in Material und Muster, auch in Läden in Wien, Düsseldorf, Genf oder Basel. Vorschau auf die kommende Herbstsaison: Ein schmales Modell aus matt schimmernden Pailletten in Mauve. Fein verästelte Guipure-Spitze in Pink und Beige. Ein dreidimensional wirkender Stoff aus gezackter Stickerei - solche Röcke, auf Schweizerisch Jupes, sind Charakterstücke. Kein Outfit für Frauen, die nicht auffallen wollen. Und auch nichts für plakativen Sexappeal, knappe Minis kommen bei Tamara Stadler nicht vor. Sie entwerfe für Kundinnen, die "als Frauen ernst genommen werden und dafür keinen grauen Hosenanzug brauchen", sagt die Mutter von zwei Kindern.

Kein Wunder, dass während des Weltwirtschaftsforums in Davos das Ici-Maintenant-Sortiment in der Boutique Grischetta schnell ausverkauft war. Die Röcke eignen sich als zeitlose Anschaffung für Geschäftsfrauen, die mit einem Teil elegant durch ihre Termine kommen wollen. Tagsüber leger zu Turnschuhen, taugt ein besticktes Exemplar mit High Heels als Abendgarderobe. Abgesehen davon war die Klientel in Davos natürlich entsprechend solvent. Ein Rock von "Ici", wie Tamara Stadler mit Betonung auf dem ersten Vokal sagt, kostet ab 850 Euro aufwärts.

Warum das so ist, davon bekommt man eine Ahnung beim Besuch der Textilmanufaktur Jakob Schlaepfer. Der Traditionsbetrieb ist einer der wenigen verbliebenen aus der Blütezeit. In den Sälen, wo früher historische Schifflistickmaschinen ratterten, spucken heute computergesteuerte Anlagen aufwendigste Stoffe am laufenden Meter aus. Ein Mitarbeiter führt die Highlights vor. Silbrige Knisterfolie, zu bestaunen in Karl Lagerfelds Space-Kollektion für Chanel. Messerscharfe Lasercuts. Perlen auf Seidentüll und Lurexjacquard, raschelnde Gewebe aus Holz und Papiergarn. Hier lebt der alte Glanz von St. Gallen. Und den zu verschwenden auf kleinformatige Kleidungsstücke, wäre eine Art Frevel, findet Stadler. "Nur ein Rock bietet die Fläche, um so etwas zu zeigen."

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