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Mode:Die Exotin

Gabriela Hearst

Gabriela Hearst in einem Kleid aus der Capsule Collection, die sie für Mytheresa entworfen hat.

(Foto: Gabriela Hearst x Mytheresa)

Gaucho-Eleganz trifft Großstadtglamour: Gabriela Hearst macht zeitlose, nachhaltige Luxuskleidung. Die Tochter einer Rodeo-Reiterin, auf einer Farm in Uruguay aufgewachsen, weiß ihre naturnahe Biografie geschickt zu nutzen.

Wenig bewundern sie in der Mode mehr als eine glaubhaft gute Lebensgeschichte. Kleider kommen und gehen, es sind immer viel zu viele. Physiognomien ändern sich, manchmal über Nacht. Fashion Shows sind Scheinwelten für 15 Minuten, It-Teile gelungenes Brainwashing - wer wüsste das besser als die Menschen-Maschinerie dahinter? Eine Biografie aber, das ist ein Stoff, so echt und einzigartig wie von Hand gewoben. Und darum ist Gabriela Hearst im Storytelling der Mode eben nicht nur eine Designerin, die traumhaft schöne, wenn auch sündteure Kleider macht. Sie ist eben auch die Tochter eines Gauchos und einer Rodeo-Reiterin, die auf einer Ranch in Uruguay aufgewachsen ist und dann den Enkel von Citizen Kane geheiratet hat.

Kinder, das ist mal eine Geschichte! Und das weiß sie natürlich.

Ihre Antwort auf die erste Frage ("Sie haben schon nachhaltig produziert, als das noch nicht sexy war, wie kam das an?") dauert zwei Minuten und einundfünfzig Sekunden. Sie packt da alles rein, die Rodeo-Mutter, die in siebter Generation geführte Ranch, das langfristige Wirtschaften in Einklang mit der Natur, den Ehemann als Ratgeber und Businesspartner, schließlich ihr Engagement für Afrika und die Organisation Save the Children, an die zwanzig Prozent des Erlöses aus ihrer Capsule Collection fließen werden. Die sie exklusiv für den Onlinehändler Mytheresa entworfen hat; was überhaupt der Grund ist, warum sie hier in München ist. Während sie die Key Points so herunterschnurrt, hat man jedenfalls Zeit, sie anzuschauen.

"Ich entwerfe alles selbst, sogar meine Pyjamas. Nur die Wäsche nicht", sagt sie

43 Jahre alt, schmal und hochgewachsen. Flechtfrisur mit ein paar herausgezupften Strähnen, kaum Make-up in ihrem ungeheuer aparten, aber nicht kommerziell schönen Gesicht. Sie trägt einen schwarzen Faltenrock aus Leder, dazu einen wollweißen Rolli, schwarze Strumpfhosen und helle Pumps, alles von ihr selbst designt. "Ich liebe meine Kleider", sagt sie, "ich entwerfe alles selbst, sogar meine Pyjamas. Nur die Wäsche nicht."

Während sie nun also mit immer noch hörbar spanischem Akzent von ihrem Verständnis von Nachhaltigkeit spricht, davon, dass sie früher auf der Ranch nicht viele Kleider besessen hätten, die wenigen guten Teile aber von Dota, der Näherin, handgeschneidert wurden und praktisch Couture gewesen seien, da könnte man sich ein bisschen manipuliert fühlen von ihr. Wenn Gabriela Hearst nicht jede Glätte abginge. Sie hat vielmehr etwas angenehm Kerniges, Unverstelltes, und wenn man die sehnigen Arme und den entschlossenen Mund addiert, kann man sie sich problemlos auf einem Bronco vorstellen, verschwitzt und staubverkrustet durch die Weiten der Pampa von Paysandú reitend.

Gabriela, Mädchenname Perezutti, ist ein Naturmädchen bis heute. Sie wisse noch, wie sie Fahrradfahren gelernt habe, sagt sie, an ihr erstes Mal im Sattel aber könne sie sich nicht erinnern. Die Pferde waren einfach immer da (und die 9000 Schafe, 5000 Rinder und die 7000 Hektar Land auch). Was sie in der Branche gerade so abgefahren exotisch finden, war für sie eine Allerweltskindheit. Mum fliegt vor Publikum vom Pferd? Sie wischt sich das Blut vom Mund und steigt wieder auf. Elektrizität? Produziert die hauseigene Windmühle, es reicht für zwei Stunden Licht am Abend. Die nächste Stadt? Ist nur zweieinhalb Jeep-Stunden entfernt.

"Du musst über deine Biografie reden", sagte ihr Mann, "du weißt Bescheid über den Ursprung der Dinge."

Exotisch waren für die junge Gabriela die Worte Paris und New York. Exakt dort landete sie dann auch. Erst als Model - ihr Talent reichte nur für wenige Saisons -, dann als Sales Director für einen Showroom, schließlich als Designerin. Ihr erstes Label, Candela, stampfte sie 2004 in Brooklyn aus dem Boden, es war schon diese Mischung aus Gaucho-Folklore und distinguierter Eleganz, die sie inzwischen noch verfeinert hat. Dann lernte sie in Argentinien Austin kennen, den Enkel des Medien-Tycoons William Randolph Hearst, der Orson Welles 1941 als Vorlage diente für den Filmklassiker "Citizen Kane". New Yorker Hochadel also. Die uruguayische Ranchertochter Gabriela Perezutti heiratete den amerikanischen Film- und Fernsehproduzenten John Augustine Hearst im Jahr 2013, es war für beide die zweite Ehe. Jeder brachte zwei Kinder mit, gemeinsam haben sie einen heute dreijährigen Sohn.

Sie habe nie das Gefühl gehabt, sich für diesen 1,9 Milliarden Dollar schweren Ehemann rechtfertigen zu müssen. "Seit ich 17 bin", sagt Gabriela Hearst mit diesem widerspenstigen Mund, "habe ich wahnsinnig hart gearbeitet. Sicher, der Name Hearst ist ein Privileg, aber auch Verpflichtung. Du willst diese Familie einfach nicht blamieren." 2015 gründete sie das Label "Gabriela Hearst". Sie wollte ursprünglich ihren Mädchennamen verwenden, doch Perezutti, fanden Freunde in New York, das könne am Hudson River kein Mensch aussprechen. Austin war ihr erster Investor und Berater. "Er sagte: Du musst über deine Biografie reden. Du weißt Bescheid über den Ursprung der Dinge, wo die Wolle herkommt, woher das Leder. Das wissen wir Städter nicht."

"Gabriela Hearst" hat 2016 den renommierten Woolmark Prize erhalten und 2019 die französische Luxusgruppe LVMH als Investor hinzu gewonnen. Die Marke ist noch immer klein, aber mit Potenzial. Es sind zeitlos schöne Kleider, qualitativ vom denkbar Feinsten, noch dazu nachhaltig gearbeitet: die Cashmere-Doublefaces aus einem kleinen italienischen Familienbetrieb, die Wolle von den Schafen ihrer Ranch, das Endprodukt transportiert in biologisch abbaubarer Verpackung, deren Entwicklung Hearst vor zwei Jahren in Auftrag gegeben hat und die mittlerweile auch der Riese Burberry von ihr bezieht. Sie sagt: "Du kannst kein Luxusdesigner sein, wenn du nicht weißt, wo jedes Element eines Kleidungsstücks herkommt, woraus der Stoff gemacht ist, wie all das zusammenspielt. Das ist für mich Luxus."

Ihre Mutter ist jetzt 76, aber turnt noch immer durch den bolivianischen Regenwal

Und der hat seinen Preis: 2050 Euro für ein rotes Midikleid, 2000 Euro für eine moosgrüne Nina Bag, wie sie kürzlich am Arm der Herzogin von Sussex hing, 3600 Euro für einen Mantel. Sie kommen auf Instagram nicht spektakulär daher, sollen es auch gar nicht: "Das ist keine Kollektion für die digitale Welt. Man muss die Kleider sehen, den Stoff betasten, ihn an sich heruntergleiten lassen. Erst dann versteht man sie." Typisch sind die gefransten Cashmerepullis, gemixt mit scharf geschnittenen Hosenanzügen und hauchzarten Slip Dresses. Hearsts Markenzeichen ist die Fusion zweier Identitäten - Uruguay und New York City - zu einer flüsternd eleganten Bildsprache. Und natürlich, dass sie einen Teil des Cashflows ins hungernde Afrika abzweigt. Sie wisse, dass sie privilegiert sei, sagt sie. "Am Ende des Tages muss man etwas zurückgeben."

Richtig, dass ihr Ehemann sie eine Exzentrikerin nennt? "Ausgerechnet er!" Sie wirft den Kopf zurück und lacht, es klingt schön dreckig. "Aber es stimmt, ich ticke anders als er. Ich habe ja auch diese Mutter." Ihre Mutter Sonia, sagt Hearst, habe mit Mitte dreißig den 2. Dan im Tae Kwon Do errungen und sich dem Zen-Buddhismus zugewandt; viermal jährlich reise sie auf die Osterinseln, wo sie erst Teil der lokalen Community geworden sei und dann ihren Namen geändert habe. Sonia sei jetzt Mitte siebzig, dreißig Jahre älter als ihr aktueller Boyfriend. "Gerade war sie in Bolivien. Das Video müssen Sie sehen!"

Auf dem Handyscreen erscheint die 76 Jahre alte Mutter. Mit einem Karabiner an einer Seilrutsche aufgehängt, die Arme ausgebreitet wie Superwoman, zischt sie juchzend über den bolivianischen Regenwald. "Meine Mum in ihrem Element", sagt Gabriela Hearst. "Noch Fragen?"