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Mode:Dichter dran

Farbenlehre for Fashion! AKRIS & Goethe

Albert Kriemler fasziniert Goethes Modernität. Die Kunstkollektion des Designers erinnert ferner an die Ästhetik von Bauhaus und Op-Art.

(Foto: Goethe-Museum Düsseldorf)

Goethes Farbenlehre hat das Modelabel Akris zu einer Kollektion inspiriert, die sehr modern anmutet. Trotzdem landete sie im Museum.

An Damen, die ihm besonders am Herzen lagen, verschenkte Johann Wolfgang Goethe nicht Blumen oder Konfekt, sondern Textilien. So sandte er 1773 an seine ehemalige Angebetete Charlotte Buff - die pikanterweise gerade erst geheiratet hatte - ein "Nesseltuch mit Atlasstreifen", das ihm, wie er im Begleitschreiben behauptete, "die Göttin der Mode" überreicht habe. Charlotte werde bald ein Negligé brauchen; dazu solle sie den Stoff verarbeiten, riet Goethe - aber es dürfe mit "keiner anderen Farbe als Weiß gefüttert werden". Goethe interessierte sich bekanntlich für sehr viele Dinge - Silberbergbau, persische Dichtung, Zwischenkieferknochen. Dass auch Mode zu seinen Leidenschaften zählte, ist eher Expertenwissen. Dabei war er familiär vorgeprägt: Der Großvater väterlicherseits, Friedrich Georg Göthé, hatte es als in Lyon und Paris ausgebildeter Damenschneider zu großem Wohlstand gebracht. Johann Wolfgang selbst schuf mit seinem Roman "Die Leiden des jungen Werthers" einen grenzüberschreitenden Trend: Junge Männer in ganz Europa trugen nach der Lektüre wie Werther eine Kombination aus blauem Rock und gelber Weste, junge Frauen, wie seine Angebetete Lotte, ein weißes Kleid mit blassrosa Schleifen.

Auch später blieb der Geheimrat modisch auf der Höhe. So bestellte er im Herbst 1797 während eines Besuchs in der Schweiz ein Kleid für seine Frau Christiane Vulpius und schrieb ihr: "Alles zusammen ist nach der neusten Mode, besonders ist dein Kleid sehr schön, es ist aber auch nicht wohlfeil. Ich habe es noch nicht, denn ich habe es nach dem Muster aus der ersten Hand gekauft und erwarte es von St. Gallen, wo die Fabrik ist." Man mag es Zufall oder Schicksal nennen, dass das fragliche Kleid ausgerechnet aus St. Gallen kam. Einen schöneren Anknüpfungspunkt an die Ausstellung "Farbenlehre for Fashion" im Düsseldorfer Goethe-Museum könnte es jedenfalls nicht geben. Denn die Kreationen, die im Zentrum der Schau stehen, stammen ebenfalls aus St. Gallen. Dort hat das Modehaus Akris seinen Sitz; dessen Chefdesigner Albert Kriemler, der das Familienunternehmen in dritter Generation führt, ließ sich für seine Prêt-à-porter-Kollektion der Herbst/Winter-Saison 19/20 von einer weiteren Leidenschaft Goethes inspirieren: der "Farbenlehre".

Der Dichterfürst selbst hielt diese dreibändige Untersuchung sowohl physikalischer wie auch "sinnlich-sittlicher" Eigenschaften von Farben für sein bedeutendstes Werk. Das Düsseldorfer Museum besitzt drei Erstausgaben der Riesenarbeit, deren erster Band 1810 erschien, und stellt sie neben Goethe'schen Originaldokumenten zur Optik und Nachbauten seiner Experimente aus. Goethe glaubte (fälschlich), durch die Entdeckung farbiger Kantenspektren, die beim Blick durch ein Prisma an der Grenze von kontrastreichen Flächen erscheinen, Newtons Entdeckungen der Aufspaltung von weißem Licht in Spektralfarben widerlegt zu haben.

In "Wilhelm Meister" schrieb Goethe über die Schweizer Textilproduktion

Zur Inspiration der Akris-Kollektion dienten vor allem die Farbtafeln, mithilfe derer Goethe seine Thesen veranschaulichte. Albert Kriemler entdeckte sie im Zuge seiner Recherchen über Rosshaar, ein Material, aus dem Akris unter anderem Handtaschen fertigt und das im Biedermeier besonders intensiv genutzt wurde. Der Schweizer Designer war beeindruckt von der grafischen Modernität der Tafeln mit ihren farbig unterteilten Rechtecken, die in ihrer abstrakten Ästhetik eher an Bauhaus oder Op-Art erinnern als an die Weimarer Klassik. In Modellen wie "Colorama", "Kaleidoscope" und "Panoply" sind Goethes handkolorierte Zeichnungen in Kleider, Hosenanzüge, Einteiler und Double-Face-Mäntel eingearbeitet, teils als Seidenprint, teils als Rosshaar-Intarsien in Kaschmirstoff.

Kuratorin Barbara Steingießer hatte im vergangenen März diese Modelle in einem Bericht über die Pariser Fashion Week gesehen, die Muster der Goethe-Tafeln erkannt und umgehend mit Akris Kontakt aufgenommen. Auch dank dem Interesse Kriemlers an den vielen Berührungspunkten zwischen Goethe und der Modewelt kam die Ausstellung samt Katalog dann ungewöhnlich schnell zustande. Dass Goethe unter anderem über die Ursprünge der Schweizer Textilproduktion geschrieben hatte - im "Wilhelm Meister" gibt es eine lange Beschreibung der Tuchweberei in der Schweiz -, erfuhr Kriemler selbst erst in der Anbahnung der Düsseldorfer Schau. Diese Erfahrung habe er aber nicht zum ersten Mal gemacht, sagt er. Auch bei Kollaborationen mit Künstlerinnen wie Geta Brătescu und Carmen Herrera hätten sich erstaunliche Parallelen zwischen seiner und ihrer Arbeit ergeben.

"Farbenlehre for Fashion" stellt übrigens eine weitere, recht überraschende Verbindung zwischen Goethes wissenschaftlicher Arbeit und der Welt der Mode her. Von 1786 bis 1827 erschien allmonatlich das Journal des Luxus und der Moden und berichtete über die saisonalen Trends in Paris, London und Wien. Eine Art deutsche Proto-Vogue also, die jedoch nicht in einer dieser Modemetropolen erschien, sondern im kleinen Weimar, der Wohn- und Wirkungsstätte Goethes. Der Geheimrat hielt das Journal mit seinen immerhin 25 000 Lesern für bedeutend genug, um darin am 9. September 1791 eine Anzeige für die Schrift "Beiträge zur Optik" zu schalten. Es war sein erstes veröffentlichtes Werk über Farben.

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